Interview mit Christian Peter Dogs

Portraitaufnahme von Christian Peter Dogs.

Resilienz

Interview mit Christian Peter Dogs

Das Leben reflektieren, Konflikte angehen und sich Momente der Stille gönnen – wer das macht, stärkt seine innere Widerstandskraft, sagt der renommierte Psychiater, Therapeut und Buchautor Christian Peter Dogs.

Planet Wissen: Viele Menschen fühlen sich überfordert und gestresst, obwohl wir weniger Stunden als unsere Eltern und Großeltern arbeiten und die Technik viele Dinge vereinfacht hat. Sind wir möglicherweise weniger resilient als die Generationen vor uns?

Christian Peter Dogs: Wir sind weniger resilient, weil wir weniger Herausforderungen haben, mit denen wir in der Kindheit und als Heranwachsende klarkommen müssen. Wir wachsen viel behüteter und harmonischer auf und sind deswegen nicht krisen- und konflikttrainiert. Das ist ähnlich wie mit der Widerstandskraft gegen Keime: Wenn man in einer keimfreien Umgebung aufwächst, entwickelt man keine Abwehrkräfte.

Was kann ich tun, um resilienter zu werden? Mehr arbeiten und mich in Konflikte und Krisen stürzen?

Gut ist ein Wechsel zwischen Rückzug in die Komfortzone und dann wieder raus in die Belastung. Und es gehört tatsächlich dazu, dass man Konflikte klärt. Denn Stress nimmt nicht zu, wenn Sie in den Konflikt gehen, sondern wenn Sie mit chronischen Konflikten leben. Der ungeklärte Konflikt mit dem Chef oder zuhause – das raubt Ihnen die Kraft. Diese Dissonanzen, wie wir Therapeuten sagen, zwischen dem, wie wir leben möchten und tatsächlich leben.

Wie finde ich heraus, wo mein Leben dissonant ist? Das ist ja nicht immer so klar zu erkennen.

Das macht man ganz einfach, indem man einen Zettel hinlegt und links "konsonant" und rechts "dissonant" draufschreibt. Dann fängt man an, die Spalten zu füllen.

Und an die Dissonanzen muss ich ran, wenn ich resilienter werden möchte?

Genau. Dann muss ich mit meiner Frau, mit meinem Mann oder, wenn es im Beruf ist, mit meinem Chef sprechen. Die Theorie sagt, wenn das Verhältnis von Konsonanz und Dissonanz 50:50 ist, kann der "normale frustrierte Deutsche" damit gut leben. Wenn es im negativen Bereich über 60 Prozent geht, also wenn es immer dissonanter wird, dann wird der Mensch unglücklich und ab 80 Prozent auch krank.

Viele werden Ihnen entgegnen: Wenn ich meinem Chef sage, dass ich so nicht mehr arbeiten will, kann ich gehen.

Das Problem ist eher, dass viele Leute ihr Leben nicht mehr ausreichend reflektieren. Wenn ich benennen kann, was in meinem Leben dissonant ist, kann ich zu meinem Chef sagen: "Hören Sie mal, ich hab' da eine hohe Unzufriedenheit, können wir da was ändern?" Das lässt sich dann mit viel mehr Ruhe angehen, als wenn ich auf einem Wut-Level bin, wo ich kaum noch sprechen kann. Und in vielen Bereichen ist was zu ändern, wenn man es erst mal anspricht.

Was mache ich, wenn mein Chef sagt: "Das lässt sich nicht ändern"?

Wo nichts zu ändern ist, muss ich lernen, die Dissonanzen hinzunehmen. Gleichzeitig sollte ich überall dort, wo es geht, für eine möglichst große Konsonanz sorgen, also die Dissonanzen ausgleichen. Was viele machen: Sie reiben sich in falschen Bereichen auf. Ich habe zum Beispiel viel mit Lehrern zu tun gehabt, die sich – verständlicherweise – über das Schulsystem aufgeregt haben. Weil sie nichts verändern konnten, kamen sie schlecht gelaunt nach Hause und zogen ihre Ehe runter. Damit wurde dann auch noch ihr Privatleben dissonant.

Viele machen auch Yoga und Achtsamkeitstraining, um ihre Resilienz zu stärken. Wie erfolgsversprechend ist das?

Ganz allgemein gilt: Wer viel leisten will, muss viele Ressourcen bilden. Das heißt: Das Gehirn braucht Pausen. Sonst ist es irgendwann überreizt und dann haut es die Sicherung raus. Natur und Bewegung sind ein guter Ausgleich. Außerdem muss man privat abfedern. Wer privat abfedert, kriegt keinen Burnout! Wer hingegen meint, er müsse in allen Bereichen hochdrehen und vor seiner inneren Leere und seinen Konflikten davon rennen, gefährdet sich. Dann ist die Resilienz schnell hin.

Interview: Beate Krol

Stand: 13.09.2018, 16:00

Darstellung: