Verschwörungserzählungen

Ein junger Mann mit Aluhut auf dem Kopf und Operationsmaske über den Augen

Psychologie

Verschwörungserzählungen

Von Sabine Kaufmann & Martina Frietsch

Verschwörungsgläubige tummeln sich zu Tausenden in sozialen Netzwerken und teilen abstruse Posts, Videos und Bilder. Der Kern von Verschwörungserzählungen (die oft auch "Verschwörungstheorien" genannt werden) ist das Misstrauen gegenüber einer anderen Gruppe.

Der Begriff "Verschwörungstheorie"

Verschwörungstheorie, Verschwörungsideologie, Verschwörungsmentalität, Verschwörungserzählung – wo ist da der Unterschied? Am bekanntesten sind die Begriffe "Verschwörungstheorie" und "Verschwörungstheoretiker", die auch im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie oft genutzt wurden.

Aber viele Experten lehnen diese Bezeichnungen ab. Sie sagen: "Theorie" ist ein Begriff aus der Wissenschaft. Eine Theorie lässt sich wissenschaftlich testen. Wenn sich Gegenargumente finden oder Beweise, dann wird diese Theorie wieder verworfen.

Genau das passiert aber bei den so genannten Verschwörungstheorien nicht. Sie sollen nicht geprüft und dann bestätigt oder widerlegt werden. Hier geht es um reine Behauptungen und Meinungen.

Auch der Begriff "Verschwörungsideologie" trifft den Sachverhalt nicht. Denn eine Ideologie ist eine ganze Weltanschauung, die auch Grundeinstellungen und Wertungen umfasst und der Erreichung politischer und wirtschaftlicher Ziele dient.

Deshalb sprechen viele Experten inzwischen von "Verschwörungserzählungen" oder "Verschwörungsmythen" – auch wenn diese Begriffe wiederum von einigen Menschen als zu verharmlosend empfunden werden.

Die Geburt einer Verschwörungstheorie Planet Wissen 20.04.2020 04:51 Min. Verfügbar bis 18.01.2024 WDR

Was kennzeichnet Verschwörungserzählungen?

Ob Geheimdienst, eine ethnische Volksgruppe oder sogar Außerirdische: Es gibt viele Gruppen, denen Verschwörungsgläubige die übelsten Machenschaften unterstellen. Sind die Verschwörungserzählungen dann noch spannend und gut verständlich formuliert und treffen sie den Nerv der Zeit, verkaufen sie sich – ganz im Sinne ihrer Autoren – blendend.

Am Anfang jeder Verschwörungserzählung steht das Misstrauen gegenüber einer gesellschaftlichen Gruppe. Dieses Misstrauen steigert sich zu einem Verschwörungsglauben, der davon ausgeht, dass sich die Gruppe gegen eine andere Gruppe verschworen hat, um ihr zu schaden.

Es wird in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse eingeteilt. Wichtig ist auch das Element der Planung – bei Verschwörungserzählungen geschieht nichts durch Zufall. Nichts ist so, wie es scheint. Und natürlich sind alle Ereignisse miteinander verbunden.

Je nach Typ von Verschwörungserzählung ist eine Gruppe von unten dabei, die Ordnung zu zerstören und die Macht zu übernehmen. Das häufigste Motiv, das einer Verschwörungserzählung zugrunde gelegt wird, ist die Weltherrschaft. Egal ob es Juden, Außerirdische oder Freimaurer sind, gegen die sich das Misstrauen richtet: Ihnen wird unterstellt, die Welt beherrschen und allen anderen Menschen schaden zu wollen.

Die Psychologie hinter Verschwörungstheorien Planet Wissen 20.04.2020 02:44 Min. Verfügbar bis 18.01.2024 WDR

Der andere Typ, so Experte Michael Butter, sei die Verschwörung von oben – hier ist schon alles passiert; nicht näher definierte Mächte herrschen über die Menschen. Es gibt die Furcht vor Verschwörungen von außerhalb und solche, die sich auf konkrete Ereignisse beziehen – den Tod bestimmter Personen, Anschläge und mehr.

In der Welt der Verschwörungsmythen

Eine Gruppe, der man fast alles zutraut, sind die Geheimdienste, wie etwa die CIA (Central Intelligence Agency), der israelische Mossad oder der einstige sowjetische Geheimdienst KGB. Sie arbeiten im Geheimen, ihre Arbeit ist undurchsichtig. Niemand weiß genau, was sie tun. Das ist der Nährboden für Verschwörungserzählungen aller Art.

Katastrophen, die irgendwo passieren, werden umgedeutet und mit Verschwörungsmythen in Verbindung gebracht. Bestes Beispiel sind die Verschwörungserzählungen zum 11. September 2001. Der CIA oder gar dem Mossad wird unterstellt, hinter dem Einsturz des World Trade Centers zu stehen.

Auch zur Corona-Pandemie gibt es zahlreiche Verschwörungserzählungen: Manche sagen, das Virus sei künstlich hergestellt worden, andere glauben, es wurde mit Absicht verbreitet; die Regierungen haben sich angeblich gegen ihre eigenen Völker verschworen, um sie mithilfe der Einschränkungen besser kontrollieren zu können.

Zur Auswahl als Bösewicht steht auch Bill Gates, der das Virus in Umlauf gebracht haben soll, um alle Menschen mithilfe einer Impfung zu chippen und die Weltherrschaft zu erlangen.

Überhaupt wurden alle hochrangigen Politiker bereits durch außerirdische Echsenmenschen ersetzt, die uns steuern; Angela Merkel ist Hitlers Tochter und die Bundesrepublik eine GmbH. Das klingt nach wilden Ideologien, an die aber durchaus viele Menschen glauben.

Wappen der CIA im Boden des CIA Hauptquartiers in Langley

Auch die CIA dient Verschwörungsgläubigen als Feindbild

Verschwörungserzählungen funktionieren nach allgemeinen Regeln

Der Ausgangspunkt jeder Verschwörungserzählung ist eine Geheimgesellschaft, der man böse Machenschaften und schreckliche Vorhaben unterstellt. Das bildet die These, die über der Verschwörungserzählung steht. Alles, was die These stützt, tragen die Autoren der Erzählung zusammen. Was der These widerspricht, lassen sie unter den Tisch fallen.

Die Zahlen oder Fakten, die sie verwenden, sind leicht nachprüfbar. Nur die Schlussfolgerungen, die aus dem ganzen Zahlen- und Datenmaterial gezogen werden, sind falsch. Oft deuten die Verschwörungserfinder wahre Ereignisse so um, dass sie zur Verschwörungserzählung passen.

Wirkungsvoll ist es, die Wissenschaft in Frage zu stellen und zu attackieren. Denn die Behauptung braucht nur den Anstrich von Authentizität. Große Wirkung erzielen Verschwörungserzählungen auch damit, ihre Gegner zu dämonisieren.

Unter dem Strich ist eine Verschwörungserzählung also eine Mischung aus einigen nachprüfbaren Fakten und vielen erfundenen Behauptungen und Geschichten, aus denen immer neue Sinnzusammenhänge konstruiert werden.

Wer steckt hinter den Verschwörungserzählungen?

Viele Verschwörungserzählungen werden von Menschen erdacht, die wirklich daran glauben. Am Anfang steht ein Verdacht, und die wichtige Frage: Wem nützt es? Es werden Verbindungen hergestellt, ein Verdacht formuliert. Die Gruppe, die verdächtigt wird, wird nur vage beschrieben – "die Mächtigen", "die Politiker", "der Feind". Es bleibt Spielraum für Fantasie.

Oft werden Verschwörungsmythen anonym in Umlauf gebracht – das Internet ist hier sehr hilfreich. Problematisch wird es, wenn die Mythen für politische Zwecke eingesetzt werden. Dies ist beispielsweise in den USA bei QAnon zu beobachten, eine anonyme Person oder Gruppe, die mittels Verschwörungserzählungen rechtes Gedankengut verbreitet.

In Deutschland nutzen rechte Parteien Verschwörungsmythen: die von mächtigen politischen Gruppen, die sich angeblich gegen das Volk verschworen haben. Damit besetzen die Parteien Themen wie Zuwanderung oder die Corona-Pandemie und lenken die Menschen in ihrem Sinne. Sie verändern damit die Art, wie Demokratie funktioniert und dies sei gefährlich, meint die Sozialpsychologin Pia Lamberty.

Das Geschäft mit den Verschwörungen

Hinter manchen Verschwörungserzählungen stecken gut erkennbar finanzielle Interessen. Das Geschäft mit dem Schutz vor den mächtigen Geheimbünden läuft gut. Verkauft werden Bücher, Filme, Wunderheilmittel, T-Shirts, Survival-Kits, Schutz gegen Chemtrails und mehr. Videos auf YouTube und Co. bringen Millionen Clicks und damit Werbeeinnahmen.

Der deutsche Arzt Sucharit Bhakdi, der zu Beginn der Corona-Pandemie gut mit abstrusen Thesen zum Virus per Video in den sozialen Netzwerken vertreten war, brachte recht schnell ein schmales Büchlein auf den Markt, das prompt zum Bestseller wurde.

Kommerziell besonders erfolgreich ist der US-amerikanische Verschwörungserzähler Alex Jones, Betreiber des Portals "Infowars" und bekennender Trump-Fan. In seiner Radiosendung tobt der Moderator regelrecht, wenn er über Verschwörungsmythen aller Art spricht. Wenn das Mikro aus ist, ist Alex Jones ein gewiefter Geschäftsmann, der neben allerlei Merchandise-Artikeln auch Potenzmittel und "Brain-Force-Plus"-Tabletten anbietet – gegen Gifte, die angeblich ins Trinkwasser gemischt werden.

Wenn Verschwörungstheorien lebensgefährlich werden Planet Wissen 20.04.2020 05:10 Min. Verfügbar bis 18.01.2024 WDR

Fake News, Desinformation und echte Verschwörungen

Nicht jede Halbwahrheit ist auch gleich eine Verschwörungserzählung. Häufig anzutreffen ist das Mittel der Desinformation: "Corona ist nicht schlimmer als eine Grippe" ist ein Beispiel. Erst wenn unterstellt würde, dass eine undurchsichtige Macht im Hintergrund das Virus für ihre Zwecke nutzt, um anderen zu schaden, wären die Zutaten für den Verschwörungscocktail beisammen.

Auch das reine Abstreiten von Fakten, das durch Donald Trumps Ausrufe "Fake News" Berühmtheit erlangte, geht noch nicht als Verschwörungserzählung durch. Die Existenz des Klimawandels beispielsweise bestreiten viele.

Und dann gibt es noch die wirklichen Verschwörungen: Die römischen Senatoren, die sich gegen Cäsar verschworen und ihn ermordeten; die Verschwörer des 20. Juli, die Hitler töten wollten. Hier schließt sich eine Gruppe von Menschen zusammen, die einem oder mehreren anderen schaden will.

Verschwörungskatalysator Internet

Auch wenn Verschwörungserzählungen heute sehr präsent sind, haben sie nach Meinung von Experten nicht zugenommen. Was sich früher in einer eher esoterischen Nische abspielte, ist jetzt öffentlich sichtbar im Internet.

Wer hinter einem Thema, einem Ereignis eine Verschwörung vermutet, findet nach wenigen Klicks eine. Ebenso einfach ist die Verbreitung: Sehr beliebt sind schnell produzierte Videos, die jeder problemlos in die Weiten des Internets hochladen kann.

In Sozialen Medien werden aus Spekulationen Verschwörungstheorien Planet Wissen 20.04.2020 03:24 Min. Verfügbar bis 18.01.2024 WDR

Vor allem auf YouTube stehen Videos, die Verschwörungserzählungen verbreiten. Der Algorithmus der Seite sorgt dafür, dass die Zuschauer gezielt weitere passende Videos vorgeschlagen bekommen, die sie schauen, liken, verbreiten, beschreibt Autor Sascha Lobo das Problem.

Dazu finden die Nutzer in den sozialen Medien Gleichgesinnte, haben positive Erlebnisse und fühlen sich besser informiert als ihre Umgebung. Ab diesem Zeitpunkt bewegen sich viele Verschwörungsgläubige in einer Art "Blase" – im Verschwörungszirkel in den sozialen Medien gibt es Anerkennung, im realen Leben eher nicht.

SWR | Stand: 29.06.2021, 13:20

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