Was das Leben beschleunigt

Mann sitzt im Büro gestresst vor Computer

Zeitrhythmus des Menschen

Was das Leben beschleunigt

Ausruhen oder mal die Seele baumeln lassen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben – das können viele gar nicht mehr. Stattdessen stopfen wir jede freie Minute voll mit neuen Aufgaben und noch wichtigeren Terminen: immer mehr in immer kürzerer Zeit.

Ohne Rücksicht auf Verluste

Dabei dürfte klar sein: Wer nicht bremst, fliegt irgendwann aus der Kurve – oder sogar gegen die Wand. Und genau das passiert zunehmend mehr Menschen in unserer Gesellschaft. Statistiken der Krankenkassen, wie zum Beispiel der DAK Gesundheit, zeigen: Psychische Erkrankungen waren in den vergangenen Jahren eine der häufigsten Ursachen für Krankheitstage.

Angeführt wird die Liste von Depressionen und Angststörungen. Die Betroffenen können das hohe Arbeitspensum, das von ihnen verlangt wird, auf Dauer nicht halten. Permanenter Leistungsdruck und die Angst davor, den Job zu verlieren, machen viele Menschen krank. Das ständige Laufen am Limit führt schließlich zur totalen Erschöpfung.

Begonnen hat die Beschleunigung des Arbeitstempos im Zeitalter der Industrialisierung, als Menschen anfingen, an und mit Maschinen zu arbeiten. Die gaben den Takt vor, in dem bestimmte Arbeitsschritte zu erledigen waren. Dadurch wurde viel Zeit eingespart. In dieser gewonnenen Zeit konnte wiederum weitere Arbeit geleistet werden, was die Produktion und damit den Gewinn steigerte.

Einen vorläufigen Höhepunkt fand diese Optimierung der Produktivität in der Einführung und Weiterentwicklung des Fließbandes um 1900. Ab diesem Zeitpunkt war es nicht mehr der Mensch, der die Arbeit vorantrieb, sondern die Maschine bestimmte die Geschwindigkeit.

Schwarzweiß-Foto: ein langes Fließband, auf dem Räder aus Metall transportiert werden; davor Arbeiter, die in die Räder Schrauben einfügen.

Das Fließband gibt den Takt vor

Digitalisierung der Kommunikation

Je schneller und leistungsfähiger die Arbeitsgeräte wurden, desto mehr mussten auch die Menschen leisten, um dieses Potenzial auszuschöpfen. Der Zeitplan, dem sie sich zu beugen hatten, wurde immer straffer. Warum aber gerade in den vergangenen Jahren immer mehr Menschen darüber klagen, von der Arbeit aufgerieben zu werden, beantworten Experten mit dem Siegeszug des Computers in der Arbeitswelt.

Vor allen Dingen die Umstellung auf digitale Kommunikationsmöglichkeiten in den 1990er Jahren sei für eine rasante Beschleunigung verantwortlich. Damit wurden Korrespondenzen rund um die Uhr und rund um den Erdball in einer bis dahin nicht bekannten Geschwindigkeit möglich.

Als Konsequenz daraus steigt natürlich auch die Zahl der schriftlichen Kontakte, die gepflegt werden müssen – am besten zeitnah. Sonst kann die eigene Firma eventuell nicht mit der Konkurrenz mithalten. Und die ist in Zeiten der Globalisierung ungleich härter geworden.

Das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen, um mithalten zu können, hat sich breitgemacht. Nur beschränkt es sich heute nicht mehr allein auf die Arbeitswelt. Seit Computer und besonders Mobiltelefone für fast jeden erschwinglich geworden sind, ist die ständige Erreichbarkeit auch ins Privatleben übergeschwappt.

Soziale Netzwerke tragen ihren Anteil dazu bei. Immer und überall können Mitteilungen verschickt und empfangen werden. Dabei scheint es ein regelrechter Wettbewerb zu sein, wer die meisten virtuellen "Freunde" hat. Damit sie es auch bleiben, muss man sich um sie kümmern. Was wir im Job beklagen, haben wir für unser Privatleben kultiviert. Das kostet Zeit, die weg ist, ohne dass man es merkt – bis sie fehlt.

In dem Auge einer Frau spiegelt sich der Schriftzug Facebook.

Soziale Netzwerke binden unsere Ressourcen

Weniger ist mehr

Was ebenfalls zur Beschleunigung beiträgt, sind die scheinbar unendlichen Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten: Rockstar, Internetberühmtheit oder Schauspieler – nie war es einfacher, und alles geht, wird uns suggeriert. Der Druck, sich entscheiden zu müssen, hat für viele so stark zugenommen, dass sie sich dabei verzetteln.

Ob Radio, Fernsehen oder Internet, stets auch über das Handy abrufbar: Aus allen Rohren werden wir bombardiert mit Lebensentwürfen, wie wir sein könnten und wie vielleicht besser nicht. Das Verarbeiten der unzähligen Eindrücke, die täglich medial auf uns einprasseln, frisst unsere Zeit auf.

"Und wie soll ich das Tempo rausnehmen?" Die Frage drängt sich auf. In der Arbeitswelt einen Gang runterzuschalten ist schwierig, vor allem finanziell. Entscheidet man sich dennoch dafür, zum Beispiel nur noch vier Tage in der Woche zu arbeiten, bringt das wahrscheinlich eine Steigerung der Lebensqualität mit sich.

Im Privaten ist es da schon etwas einfacher, für Entschleunigung zu sorgen. Zwar kann und möchte nicht jeder auf sein Handy, Tablet oder Laptop verzichten. Aber auch hier gilt der banal klingende Satz: "Weniger ist mehr." Weniger Zeit in der digitalen Welt bedeutet mehr Zeit in der realen. Verbringt man die dann häufiger in der Natur, kann man sich und seinem Leben wieder näherkommen.

Ein Waldweg im Nationalpark Hainich in Thüringen

Ausspannen in der Natur tut gut

Autor: Lothar Nickels

Stand: 03.12.2018, 09:37

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