Georg Ueckers Coming-out

Carsten Flöter

Homosexualität

Georg Ueckers Coming-out

Seit vielen Jahren ist Georg Uecker jeden Sonntagabend zu Gast in deutschen Wohnzimmern. In der "Lindenstraße" spielt er seit 1986 den Arzt Dr. Carsten Flöter. In dieser Rolle hat er 1990 für einen echten Skandal gesorgt: Er hat einen Mann geküsst. Dieses Coming Out im Film lief ganz anders als sein privates. Georg Uecker erinnert sich.

Das Coming-out in der "Lindenstraße"

Es ist der 18. März 1990. Wie jeden Sonntagabend läuft die Serie "Lindenstraße" in der ARD. Zum 224. Mal. Doch heute bekommen die Zuschauer etwas zu sehen, das es vorher noch nie im deutschen Fernsehen gegeben hat: einen leidenschaftlichen Kuss zwischen zwei Männern. Der Serienarzt Dr. Carsten Flöter, gespielt von Georg Uecker, küsst seinen ehemaligen Mitbewohner Robert Engel. In Großaufnahme.

Heute ist es unvorstellbar, dass sich an dieser Szene die Gemüter erhitzten. Doch damals waren die Macher der Lindenstraße überrascht und überwältigt. Georg Uecker erinnert sich:

"Ich glaube, heute ist mir keine menschliche Reaktion mehr fremd. Nach dem ersten Kuss in der 'Lindenstraße' gab es Komplimente, Liebesbriefe von Männern, Liebesbriefe von Frauen, aber eben auch viele Beschimpfungen und reichlich Proteste. Und: Es gab sogar Morddrohungen. Ein halbes Jahr lang mussten wir uns mit Anfeindungen wegen dieser Szene beschäftigen."

Carsten Flöter

In der "Lindenstraße" spielt Uecker einen Arzt

Ueckers privates Outing

Georg Uecker liebt nicht nur in seiner Serienrolle Männer. Auch privat ist er homosexuell und geht damit selbstbewusst um. Das hat ihn zu einem der populärsten Schwulen in Deutschland gemacht. Unermüdlich setzt er sich für die rechtliche und gesellschaftliche Emanzipation von Schwulen und Lesben ein.

Sein privates Coming-out war im Gegensatz zum "Lindenstraßen-Outing" völlig problemlos. In erster Linie lag das an seinem guten Verhältnis zu seinem Vater und seiner Mutter:

"Ich hatte keine Hemmungen meinen Eltern zu sagen, dass ich schwul bin. Aber ich war 15 oder 16 und dann möchte man mit seinen Eltern nicht unbedingt über Sex reden. Darum habe ich erst mal ein bisschen gewartet und habe sie stärker auf mich zukommen lassen, indem ich Signale ausgesendet habe.

Dann hat meine Mutter einfach die Initiative ergriffen und hat gesagt: 'Irgendwas ist nicht in Ordnung.' Ich wollte nicht darüber reden und habe das so vor mich hingemurmelt. Da hat sie gesagt: 'Du bist verliebt' oder 'Du bist unglücklich verliebt'. Und da habe ich gesagt: 'Ja!' Und dann war so ein Schweigen. Sie hat mich natürlich durchschaut und dann einfach gesagt: 'Mann oder Frau?' Und da habe ich natürlich gesagt: 'Mann!' "

"Eltern können sich keine Kinder backen"

Für seine Eltern war Georg Ueckers sexuelle Orientierung kein Problem. Doch er weiß, dass es viele Homosexuelle deutlich schwerer haben. Auch wenn viele Eltern heute wesentlich entspannter auf das Coming-out ihrer Kinder reagieren als noch vor 20 Jahren.

Für Georg Uecker ist es trotzdem unverständlich, warum viele Väter und Mütter geschockt sind, wenn ihr Sohn einen Mann oder ihre Tochter eine Frau liebt:

"Eltern können sich keine Kinder backen. Kinder tun nie das, was sie eigentlich tun sollen. Ich glaube, die Voraussetzungen für ein gelungenes Coming-out sind die gleichen wie für viele andere Dinge. Schwulsein ist ja nur ein Aspekt von ganz vielen. Manchen Eltern passt ja die Freundin ihres heterosexuellen Sohnes auch nicht.

Andere Kinder ergreifen den 'falschen' Beruf. Oder wollen nicht studieren. Oder nehmen zu viele Drogen. Oder feiern zu viel. Und ich glaube, die Voraussetzung, um über alles reden zu können, ist ein echtes Vertrauensverhältnis. So komisch das klingt, aber wenn Eltern und Kinder wirklich Freunde sind, dann kann nichts schief gehen. Auch nicht beim Coming-out."

Hochzeitspaar-Figur mit zwei Männern

Keine Schwiegertochter – für manche Eltern ein Problem

"Du bist ja gar nicht allein!"

Georg Uecker weiß, dass die meisten homosexuellen Jugendlichen bei ihrem Coming-out neben der Angst vor den Reaktionen aus ihrem Umfeld ein weiteres Problem haben: Sie haben das Gefühl, dass sie mit ihrer sexuellen Orientierung ziemlich allein dastehen.

"Sie wissen zwar aus dem Fernsehen oder der Zeitung, dass es auch andere schwule Männer und andere lesbische Frauen gibt. Aber sie glauben, in ihrem Umfeld gibt es niemand anderen. Das ging und geht allen Generationen so. Bei mir war das damals auch der Fall."

Deshalb sei es wichtig, in der Öffentlichkeit für eine gewisse Präsenz des schwulen und lesbischen Alltags zu sorgen. Denn für Homosexuelle, die kurz vor ihrem Coming-out stehen, kann es eine enorme Erleichterung bedeuten, wenn ihnen bewusst wird, dass auch viele andere Menschen sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen.

Auch Georg Uecker erinnert sich da an einen ganz besonderen Moment in seinem Leben: "Ich werde das nie vergessen! Dieser Abend war mein absolutes Schlüsselerlebnis: Ich fuhr von Bonn nach Köln. Ich ging in eine angesagte schwule Riesendisko und da waren ungefähr tausend schwule Männer und ich stand wie Alice im Wunderland da und dachte: 'Na bravo! So allein bist Du auch nicht!' "

Regenbogenfahne

Die Regenbogenfahne – Zeichen der Toleranz

Autor: Silvio Wenzel, Erstveröffentlichung vom 01.06.2009

Stand: 20.06.2017, 10:39

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