Outing

Auf einer hellen Backsteinmauer ist der Schatten eines männlichen Seitenprofils zu erkennen.

Homosexualität

Outing

Von Simone Klein

In der Vergangenheit gab es schon viele Versuche, den Anteil der Homosexuellen an der Gesamtbevölkerung zu messen. Das Ergebnis schwankt dabei zwischen 0,4 und fünf Prozent, doch als wirklich zuverlässig gelten diese Zahlen nicht. Zu wenig weiß man über die Dunkelziffer derjenigen, die den großen Schritt noch nicht gewagt haben. Den Schritt, der sie auch öffentlich schwul oder lesbisch werden lässt. Den Schritt, der noch oft von dem Risiko begleitet ist, von jetzt auf gleich ein Außenseiter zu werden: das Coming-out.

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

In den meisten Fällen spüren Jungen und Mädchen schon in der Pubertät, zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen fühlen. Dann ist es nicht das Mädchen, das wie bei allen anderen Klassenkameraden für Herzrasen und Kribbeln im Bauch sorgt, sondern der beste Freund.

Danach ist alles ganz anders – die Freundschaft verkrampft, keiner weiß, was gerade los ist und man selbst ist der Ratloseste von allen. Was tun? Wie kann alles wieder "normal" werden?

Der Schock nach dem ersten homosexuellen Gefühl tritt bei fast jedem ein – egal in welchem Alter. Das Unverständnis darüber führt oft zu großen Selbstzweifeln. Deswegen ist der allererste Schritt zum öffentlichen Coming-out das innere Coming-out.

Wer sich selbst nicht als homosexuell akzeptiert, der läuft Gefahr, sein gesamtes Leben mit einer falschen Identität zu führen. Eine Identität, die von außen betrachtet "normal" erscheint, doch das Innere der Person in einen Käfig steckt.

Der Prozess der Selbstfindung dauert bei jedem Homosexuellen unterschiedlich lange. Das Durchschnittsalter beim Outing liegt bei etwa 20 Jahren. Ein frühes Coming-out ist besonders dann schwer, wenn das Elternhaus an traditionellen Einstellungen festhält.

Nicht selten lassen sich Homosexuelle auf eine Ehe ein, nur um nicht aus dem gesellschaftlichen Rahmen zu fallen. Doch es gibt Ehemänner und -frauen, Väter und Mütter, die sich auch noch in hohem Alter zu ihrer wahren Sexualität bekennen und das späte Coming-out wie einen Befreiungsschlag empfinden.

Wem es zuerst sagen?

Sobald das innere Coming-out beendet ist, wächst der Wunsch, auch öffentlich mit der neuen Identität frei leben zu dürfen. Im jugendlichen Alter ist dieser Schritt besonders schwierig, denn Gleichaltrige verwenden "schwul" eventuell als Schimpfwort, ganz zu schweigen von der Angst vor der Reaktion der Eltern.

Aber auch ältere Personen haben es schwer, vor allem wenn sie schon jahrelang verheiratet sind und wissen, dass ihr bisheriges Leben durch ein Outing wie ein Kartenhaus zusammenfallen könnte.

Der Weg, den die meisten in dieser Situation zuerst einschlagen, ist die Suche nach Gleichgesinnten. Um dabei zunächst anonym bleiben zu können, bieten sich Internetforen, Bücher und Filme an, um einen Überblick zu bekommen, wie andere mit der Situation umgehen und welche Möglichkeiten des Outings es eigentlich gibt.

Vielen genügt dieser Erfahrungsaustausch aber nicht und sie wünschen sich einen persönlichen Kontakt, um auf diese Weise die Hemmschwelle vor dem Coming-out senken zu können.

Für Erwachsene bieten sich dafür Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen in der Umgebung an. Auch dort kann auf Wunsch zuerst anonym über die Problematik gesprochen werden, um dann in weiteren Schritten langsam ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Ehrenamtliche Mitarbeiterin im Beratungssgespräch bei der Telefonseelsorge

Beratung per Telefon: anonym, aber dennoch persönlich

Für Jugendliche gibt es in den deutschen Großstädten oft Jugendzentren, die sich speziell auf junge Schwule und Lesben und deren Probleme mit dem Coming-out eingestellt haben.

Die persönliche Beratung durch eine außenstehende Person gibt in vielen Fällen den Anstoß für das öffentliche Outing. Dabei ist es ratsam, den Personenkreis zuletzt zu benachrichtigen, bei dem das Coming-out vermutlich die größten Wellen schlagen könnte.

Jugendlichen hilft es, wenn sie zuerst die Freunde einweihen und dies als Generalprobe für die Auseinandersetzung mit den Eltern sehen. Im besten Falle erhält man dadurch im Voraus schon positive Reaktionen, die einen für das große Gespräch mit den Eltern motivieren.

"Mama, Papa, ich bin homosexuell."

Der richtige Zeitpunkt für das Coming-out ist gekommen: Eltern, Freunde, Familie – jetzt sollen sie es wissen, es wird keinen Rückzieher mehr geben. Aber wie nur soll das Outing ablaufen? Das wochenlange Kopfzerbrechen über eine passende Antwort findet von Person zu Person immer ein anderes Ende.

Andreas Heumann, ehemals Sozialpädagoge im Schwul-Lesbischen-Jugendzentrum "anyway" in Köln, hat im Laufe der Zeit vielen Jugendlichen dabei geholfen, diese Hürde zu nehmen und kennt dadurch einige Tipps, die das Outing leichter werden lassen.

Da die meisten dem direkten Gespräch aus Angst vor einer heftigen Reaktion lieber aus dem Weg gehen möchten, gibt es einige Möglichkeiten, um die Offenbarung anonymer zu gestalten. Ein langer Brief, der eines Tages auf dem Küchentisch liegt, eine Zeitschrift für Homosexuelle, die "aus Versehen" offen liegen bleibt oder der Link einer Internetseite, der von sich aus alles erklärt.

Einige Jugendliche wünschen sich wiederum, dass ein erfahrener Erwachsener mit dabei ist, wenn es zum Coming-out im direkten Gespräch mit den Eltern kommt. Doch davon rät Andreas Heumann lieber ab: "Viele Eltern sind ohnehin mit der Neuigkeit erst überfordert und die Präsenz von mir oder einer meiner Kollegen würde nur noch zusätzlichen Druck bei ihnen verursachen."

Direkt mit der Tür ins Haus zu fallen, ist daher sicherlich keine gute Methode für das Coming-out und deswegen soll auch dem Gegenüber Zeit gegeben werden, die Neuigkeit zu verdauen.

Die Erfahrung zeigt, dass die Angst vor dem Gespräch mit den Eltern nicht ganz unbegründet ist. Meistens sind sie von der Neuigkeit am stärksten überrascht und belasten sich danach mit der Suche nach möglichen Ursachen. Doch die Frage, ob die Homosexualität des eigenen Kindes mit der Erziehung zusammenhängt, ist laut Heumann "absoluter Nonsens".

Mutter und Tochter in der Küche im Gespräch

Das Gespräch mit den Eltern suchen

Vielmehr sollten Eltern versuchen, die Homosexualität des Kindes zu akzeptieren, anstatt Theorien zu entwickeln, wie die Situation wieder rückgängig gemacht werden könnte. Dass sie dafür Zeit brauchen, ist selbstverständlich und verlangt von beiden Seiten jede Menge Verständnis und Geduld.

Auch hier hilft ein Blick in die Literatur zu dem Thema oder Gespräche mit Menschen, die das Gleiche erlebt haben. Des Weiteren kann es helfen, die Eltern in entsprechende Jugendzentren mitzunehmen, um möglicherweise vorhandene Vorurteile gegen die Homosexuellenszene abzubauen.

Weiterführende Infos

Stand: 21.08.2018, 10:03

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