Sexualbegleiterin Edith Arnold: Über Sex in der Pflege

Edith Arnold

Sexualität

Sexualbegleiterin Edith Arnold: Über Sex in der Pflege

Edith Arnold ist Sexualbegleiterin. Sie hilft etwa jungen Männern mit Behinderung, ihre Sexualität auszuleben. Im Interview erzählt sie, warum in vielen Einrichtungen die Sexualität der Bewohner ein Tabu ist und oft sogar unterbunden wird.

Planet Wissen: Warum haben Sie diesen Beruf gewählt?

Edith Arnold: Warum begegnen einem Sachen? Es hat mich irgendetwas daran gereizt. Vielleicht, weil es neu ist. Oder weil ich das Gefühl hatte, dass es eine wichtige Arbeit ist. Es ist eine spannende Aufgabe, und man begegnet immer wieder unterschiedlichen Menschen, und deshalb verliert sie für mich nicht den Reiz.

Wie wird man Sexualbegleiterin? Es gibt ja keine Ausbildung.

Genau, es gibt keine staatlich anerkannte Ausbildung. Es gibt in der Schweiz und in Österreich, soweit ich weiß, einige Lehrgänge, auch in Deutschland gibt es eine Schulung. Für mich war aber wichtig, den Beruf zum einen von einer Frau zu lernen und zum anderen von einer Person, die es selbst ausübt.

Dann habe ich mich an Nina de Vries gewandt, die das schon Jahre praktiziert (Anmerkung der Redaktion: Die 1961 geborene Niederländerin arbeitet seit fast 20 Jahren in dem Beruf.), und habe sie gefragt, ob sie mich coachen kann.

Ich glaube, wenn man diese Arbeit ohne Unterstützung beginnt und ohne jemanden im Hintergrund fortführt, der einem eine andere Sicht auf die Dinge geben kann, wäre das nicht sehr gut. Die Beratung von ihr läuft auch immer noch weiter.

Hatten Sie nie eine Hemmschwelle?

Ich habe Hemmschwellen. Es wird immer gesagt, ich sei die Frau, die keine Berührungsängste hätte. Wenn man keine Berührungsängste hätte, wäre man auch wieder fehl am Platz.

Auch ich bin immer noch aufgeregt, wenn ich Klienten das erste Mal treffe, und ich frage sie dann auch oft, ob ich irgendetwas falsch machen kann. Ich habe genauso Unsicherheiten wie andere Leute, denen ich von meiner Arbeit erzähle. Ich nehme diese Unsicherheit nur eher an, weil sie dazu gehört.

Für mich war der Umgang mit Menschen mit Behinderung auch nicht ganz fremd, weil meine Tante das Down Syndrom hat.

Der Weg zur Sexualbegleiterin

Edith Arnold arbeitet seit Anfang 2015 hauptberuflich als selbstständige Sexualbegleiterin. Vorher hat sie eine Lehre zur bekleidungstechnischen Assistentin gemacht. Danach studierte Arnold Produktdesign. Mit ihrem Umzug nach Hamburg wollte sie sich jedoch umorientieren. Eine Dokumentation über Sexualbegleitung, die sie während des Studiums gesehen hatte, ließ sie nicht los – also spezialisierte sie sich auf dieses Thema.

In der Familie, zu der sie ein enges Verhältnis pflege, so erzählt sie, sei ihr Beruf voll und ganz akzeptiert. Vor allem, weil ihre Wahl nicht plötzlich gefallen sei, sondern die Familie den gesamten Prozess seit dem Studium miterlebt habe. "Es gibt aber auch mal Stimmen, die fragen, ob ich nicht dezenter mit meiner Arbeit umgehen könne, weil man befürchtet, dass es unangenehme Reaktionen für mich geben könnte", erzählt Arnold.

Was bieten Sie an und was nicht?

Viele Sexualbegleiterinnen oder Sexualbegleiter haben sich entschlossen, generell den Geschlechtsverkehr auszuschließen – das ist bei mir in Einzelfällen noch möglich. Es gibt aber auch keine Garantie auf Geschlechtsverkehr. Es ist möglich, zärtlich und intim mit mir zusammen zu sein, sich gegenseitig zu berühren, sich zu streicheln und eben auch mit der Lust einen Weg zu finden.

Machen Sie persönlich einen Unterschied zwischen Ihrer Arbeit und der einer Prostituierten?

Man muss sich von der Prostitution nicht distanzieren; manche machen das aber aus Angst, in einen Topf geworfen zu werden. Für mich ist es kein Problem, wenn man mich eine Prostituierte nennt. Es ist eine erotische und sinnliche Dienstleistung, so ist das ja nicht. Wir halten uns aber zu lange an dieser Diskussion auf.

Diese Frage, ob es Prostitution ist oder nicht, führt dazu, dass der eine ja sagt und beispielsweise eine Einrichtung die Sexualbegleitung deswegen nicht befürwortet. Meiner Meinung nach dient es dann als Schutzbehauptung.

Und für andere ist es keine Prostitution. Dann findet man es unglaublich toll, dass ich mich "diesen" Menschen widme. Menschen, die sagen, es sei keine Prostitution, loben mich oft in den Himmel. Das finde ich genauso unnötig wie die Relativierung durch die Aussage, dass es Prostitution sei.

Edith Arnold

Edith Arnold findet übermäßiges Lob für ihren Beruf unnötig

Wer sind Ihre Klienten?

Hauptsächlich junge Männer, junge körperlich behinderte Männer, aber auch junge geistig behinderte Männer. Ich biete es auch Frauen an, nur wird das nicht so oft in Anspruch genommen. Wahrscheinlich, weil ich eine Frau bin oder Frauen eine andere Lösung finden. Vielleicht aber auch, weil die Sexualität von geistig behinderten Frauen ein noch größeres Tabu ist als die der Männer.

Wenden sich auch ältere Menschen an Sie?

Nein. Ich glaube, die wenden sich meistens an Sexualbegleiterinnen, die auch schon etwas älter sind und mehr Lebenserfahrung haben.

Die Erfolge in ihrem Beruf

Über detaillierte Erfolgsmomente in ihren Beruf möchte Edith Arnold nicht sprechen – diese seien zu privat. Sie sagt jedoch, dass es sie freue und motiviere, wenn sie merke, dass ein Klient selbstbewusster geworden sei. Wenn jemand ihre Arbeit nicht mehr in Anspruch nehmen möchte, weil er seine Sexualität eigenständig ausleben kann, sei das für sie auch ein Erfolgserlebnis.

Woran liegt es, dass Sexualität im Alter, in der Pflege und in Bezug auf Menschen mit Behinderung so ein sensibles, ja gar ein Tabuthema ist?

Das ist komplex. Ich kann natürlich nicht für die interne Politik einer Pflegeeinrichtung, eines Altenheims oder einer Behinderteneinrichtung sprechen. Es ist aber immer noch so, dass die Sexualität von Menschen mit Behinderung in Einrichtungen – oder aber auch die Sexualität von Älteren – bislang nicht in den Pflege- und Versorgungsalltag eingebunden wird. Sprich: Kaum jemand kommt auf die Idee, dass ältere Menschen eine Sexualität oder ein sexuelles Verlangen haben.

Wir sind ein Sozialstaat, der den Versorgungsapparat am Laufen hält, aber da hat man nicht vorhergesehen: Wie können wir XY ermöglichen, seine Sexualität auszuleben? Wenn man sich nicht mit der Sexualität auseinandersetzt, ist es ein Thema, wofür es keinen Plan oder Umgang gibt. Es muss nicht immer die Sexualassistenz sein.

Es würde schon helfen, dass sich Pärchen in der Einrichtung bilden können und dass man ihnen Raum für Intimität zugesteht. Das wird vernachlässigt oder auch unterbunden – weil man vielleicht Angst hat. Angst vor der Öffentlichkeit zum Beispiel.

Die Erfahrung habe ich in letzter Zeit öfter gemacht: Wie reagiert das Umfeld außerhalb einer Einrichtung darauf, dass sie solche Angebote ermöglicht? Oder: Wie reagiert die Familie einer Person darauf, dass die Einrichtung eine Sexualassistenz für den Bewohner oder die Bewohnerin in Betracht zieht?

Es müsste sich also sowohl intern bei den Einrichtungen als auch im Kopf der Menschen etwas ändern?

Das Denken der Menschen eher weniger. Wenn ich jemandem von meiner Arbeit erzähle, stoße ich in der Regel auf Verständnis. Man muss sich in den Einrichtungen mit dem Thema beschäftigen, und dann müsste man schauen, wie es in einen relativ eng getakteten Tages- und Monatsablauf eingeplant werden kann.

Und: Wie können Einrichtungen darüber kommunizieren, ohne dass es zu endlos langen Debatten führt, ob es jetzt gut oder schlecht ist, dass es die Sexualbegleitung gibt?

Eine alte Hand wird von einer jüngeren berührt

Sexualität: ein Tabuthema im Alter und in der Pflege

Was sagen Sie zur Position der katholischen Kirche? Aus der Deutschen Bischofskonferenz hieß es mal: "Es gibt kein Menschenrecht auf jede Form von Sexualität für Menschen mit Behinderung."

Ich finde es sehr spannend, dass es auf die Menschen mit Behinderung bezogen ist. Es gibt auch kein Menschenrecht auf Sexualität für Menschen ohne erkennbare Behinderung. Es gibt aber das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, und dazu gehört das Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität.

Und wenn sich Einrichtungen die Sexualität aufgrund eines Glaubenssatzes nur in einer eheähnlichen Partnerschaft oder in der Ehe vorstellen können, dann heißt das nicht, dass dieser Glaubenssatz auf die Menschen in diesen Einrichtungen übertragen werden darf.

Die Einrichtungen müssen bei einem selbstbestimmten Leben auch zulassen können, dass es andere Meinungen und Lebensentwürfe gibt.

Stichwort Selbstbestimmung: Hier lautet oft die Kritik, dass diese gerade bei Menschen mit einer geistigen Behinderung nicht immer klar zu definieren ist. Welchen Grad der Behinderung haben Ihre Klienten?

Nur weil jemand geistig behindert ist, heißt das nicht, dass er oder sie unzurechnungs- oder entscheidungsunfähig ist. Ganz oft bekomme ich vermittelt, wie jemand kommuniziert und was welche Äußerungen bedeuten. Es ist Kommunikation möglich, aber man muss demjenigen eine viel höhere Aufmerksamkeit entgegenbringen.

Ich bekomme auch vermittelt: Da sind meine Grenzen. Sei es mit einer Sprachtafel oder dass mir jemand mit einer Autismus-Spektrum-Störung zeigt, wo ich ihn berühren soll oder nicht. Kommunikation ist möglich – auch wenn man das von außen nicht direkt erkennt.

Gibt es einen Grad der Behinderung, bei dem Sie einen Klienten ablehnen würden?

Das kann ich nicht pauschalisieren, weil ich dann in Kästchen denken würde. Wie auch bei Menschen ohne Behinderung hängt das von der Persönlichkeit ab. Aber ich komme durchaus mal zu dem Entschluss: Hier bin ich mir gerade unsicher, und es gibt für mich keine eindeutige Kommunikation. Dann bin ich natürlich in der Verantwortung. Aber es ist eher die Ausnahme als die Regel.

Sollten in Zukunft festangestellte Sexualbegleiter und -begleiterinnen in Einrichtungen arbeiten?

Nein. Ich glaube, dass es ganz gut ist, dass das nicht Teil der Arbeit in den Einrichtungen ist, weil man dann nicht in einen Interessenskonflikt kommt: Dieser Mensch ist zu nah an dem Bewohner oder der Bewohnerin dran. Ich finde es gut, dass man die Sexualassistenz in passiv und aktiv splittet.

Passiv bedeutet, dass eine Einrichtung erotisches Material besorgt oder eine Sexualbegleitung kontaktiert. Aktiv bedeutet, dass sie von einem Außenstehenden ausgeführt wird, also von mir zum Beispiel.

Dann ist die professionelle Distanz gegeben. Und die Gefahr ist geringer, dass sich ein Bewohner in eine Mitarbeiterin verliebt oder dass ein Abhängigkeits- und Missbrauchsverhältnis entsteht.

Zusammenarbeit mit Einrichtungen

Edith Arnold arbeitet mit Pflege- und Behinderteneinrichtungen zusammen: Dort leistet sie sowohl Aufklärungsarbeit beim Personal – wie beispielsweise bei den Freiwilligendienstlern (FSJlern) der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Hamburg – als auch bei den Bewohnern. Denen erklärt sie die Selbstbefriedigung oder erläutert, wie man mit seinem Partner intim werden kann.

Bei Bedarf können Bewohner zudem Arnolds private Sexualbegleitung in Anspruch nehmen. Bezahlt wird die 28-Jährige von ihren Kunden. Es gibt keine Stiftung, die die Kosten übernimmt, und Einrichtungen haben kein Kontingent für die Dienstleistung von Sexualbegleitern.

Belastet Sie die Arbeit?

Die Selbstständigkeit an sich belastet manchmal. Aber natürlich muss ich mich manchmal von Geschichten meiner Klienten abgrenzen – wie in jedem sozialen Beruf, in dem einem diese auch begegnen würden. Ich begegne aber keinen Schicksalen, sondern Menschen, das ist mir ganz wichtig.

Mich berühren Menschen und natürlich ihre Lebensgeschichten, aber wenn ich ihnen Mitleid entgegenbringen würde, wäre das für denjenigen oder für mich nicht gut. Mitleid ist kein guter Motor. Mitgefühl dagegen – und das habe ich auch – sollte man durchaus teilen. Mitleid ist, finde ich, eine Herabwürdigung.

Edith Arnold

"Ich begegne keinen Schicksalen, sondern Menschen"

Lernen Sie auch etwas von den Menschen mit Behinderung?

Ja, vor allem bezogen auf die Kommunikation. Mir war anfangs nicht wirklich klar, auf wie viele Weisen man kommunizieren kann. Das war für mich ganz spannend festzustellen, insbesondere bei Menschen mit geistiger Behinderung, weil man "diesen" Menschen das ja gerne abspricht.

Zudem war es spannend zu sehen, wie eigenständig jeder sein kann, wenn man ihm Raum lässt. Und ich habe festgestellt, wie wichtig Körperkontakt ist: Er wirkt sich stark auf unsere Stimmung aus. Eine sinnliche Berührung ist etwas anderes, als wenn man nur bei der alltäglichen Pflege berührt wird.

Wie lange wollen Sie diese Arbeit ausüben?

Ich mache die Arbeit jetzt und mit viel Freude. Es gibt momentan kein Limit, das ich mir gesetzt habe, weil es auch einfach noch viel zu tun gibt.

Haben Sie einen Wunsch, den Sie sich erfüllen möchten?

Glückliche oder zufriedene Momente finden. Es gibt nicht das eine hehre Ziel, wofür ich arbeite. Immer wieder festzustellen, dass ich zufrieden bin mit meinem Leben, das reicht mir.

Interview: Carsten Rose

Weiterführende Infos

Stand: 14.11.2016, 11:22

Darstellung: