Balian Buschbaum – Frauen wollen reden, Männer Sex?

Porträt des deutschen Autors und Mentaltrainers Balian Buschbaum

Transsexualität

Balian Buschbaum – Frauen wollen reden, Männer Sex?

Von Balian Buschbaum

Balian Buschbaum feierte als Stabhochspringerin Yvonne Buschbaum Erfolge, war mehrmals deutsche Meisterin und unter anderem sechste bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney. Und doch war er nicht glücklich. Denn biologisch war er eine Frau, fühlte sich aber als Mann. 2007 ließ er sein Geschlecht anpassen und lebt heute zufrieden als Autor, Coach – und als Mann. Weil er beide Seiten kennt, hat er ein Buch zu Frauen-Männer-Klischees geschrieben. Ausschnitte daraus können Sie hier lesen.

Frauen-Männer-Klischees – was ist dran?

"Der Mann spricht zu wenig. Die Frau zu viel. Was er sagt, versteht sie nicht. Wenn sie spricht, schaltet er nach wenigen Augenblicken ab. Er möchte seinen Weg auf der Straße oder im Leben allein und autonom finden. Sie möchte nachfragen, besprechen und sich mitteilen. Er sammelt Autos. Sie liebt Schuhe.

Solche klischeehaften Aussagen über Männer und Frauen ließen sich ins Endlose fortschreiben, sind oft schon variiert und wiederholt worden, verlieren aber dadurch anscheinend nichts von ihrer Attraktivität und Aktualität.

Und tatsächlich: Erleben wir nicht immer wieder Situationen, in denen der Kampf der Geschlechter sich gerade an solchen scheinbaren Oberflächlichkeiten manifestiert? Mein spezieller Lebensweg hat mir Einblicke in die Welt der Frauen eröffnet.

Weil sich die Natur so spielerisch mit allen Dingen befasst, die sie hervorruft, hat sie mit mir auch keine Ausnahme gemacht. Sie schenkte mir die Aufgabe, als Mann, ausgestattet mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen, mein Studium Frau-Mann-Mensch aufzunehmen.

Trotz meiner unglücklichen Lage hatte ich dadurch die einzigartige Möglichkeit, 28 Jahre lang in die Welt der Frauen einzutauchen und herausfinden, was diese Geschöpfe wirklich bewegt. Was ist dran an den Frauen-Männer-Klischees, die wir oft als Fakt hinnehmen?

Können Frauen schlechter einparken als Männer?

Einmal fragte mich ein sympathischer junger Mann: "Parkst du nun besser ein als früher?" Er glaubte, dass ich aufgrund meiner Geschlechtsangleichung nun auch einige landläufig den Männern zugeschriebene Fähigkeiten entwickelt haben müsste. Denn was hätte das Ganze sonst auch schon gebracht? "Nein", antwortete ich ihm, "zwischen Parklücken und mir hat es noch nie Probleme gegeben. Das liegt mir in den Genen und nicht im Geschlecht."

Die Wissenschaft gibt mir recht. Die kanadische Universität in Alberta kam zu dem Ergebnis, dass Männer und Frauen die gleiche "Software" besitzen, deren Programme sie nur unterschiedlich benutzen, um die jeweiligen Aufgaben zu lösen.

Sie beobachteten in ihrem Test die Gehirnaktivitäten von Frauen und Männern, die abstrakte dreidimensionale Formen vor ihrem geistigen Auge im Raum drehen sollten. Dabei schnitten beide Geschlechter gleich gut ab.

Eindeutige geschlechtsspezifische Unterschiede gab es jedoch bei den Schaltkreisen, die im Gehirn zur Bewältigung der jeweiligen Aufgaben aktiviert wurden. Bei Frauen traten Leitungsbahnen in Aktion, die mit dem visuellen Erkennen zu tun hatten, sie nahmen sich mehr Zeit als die Männer, um sich die Objekte im Geist bildlich vorzustellen.

Entsprechend der Studie parken Frauen nicht schlechter ein, sondern nehmen sich nur mehr Zeit dafür. Stehen sie allerdings unter Zeitdruck, den ein ungeduldiger Beifahrer noch verstärken kann, braucht sich niemand zu wundern, dass es mit dem einwandfreien Einparken nicht so klappt. (…)

Ein rotes Auto wird ausgeparkt.

Ist es einfach Übung?

Frauen wollen reden, Männer Sex. Stimmt das?

Besteht unsere Welt aus zwanghaften Triebtätern mit einer Dauererektion und weiblichen Quasselstrippen mit einem Spiegel als Zuhörer? Entgegen allen Klischees reden Frauen über den Tag verteilt nicht mehr als Männer.

Zu diesem Ergebnis kommen amerikanische Wissenschaftler, die das natürliche Redeverhalten von knapp vierhundert Studenten untersucht haben. Sowohl Männer als auch Frauen benutzen im Durchschnitt etwa 16.000 Wörter am Tag.

Und was ist mit dem Sex, der den Männern die ganze Zeit den Geist vernebeln soll? Auch der ist überbewertet. Der Mann denkt nicht alle sieben Sekunden an Sex, wie immer so schön behauptet wird. Tatsächlich nutzt er sein Gehirn auch noch für andere Einfälle. Nach einer neuen Studie überfällt junge Männer im Durchschnitt nur 19-mal am Tag der Gedanke an Sex. Ans Essen fast 18-mal.

Allerdings sind die Ergebnisse solcher Untersuchungen sehr unterschiedlich und schwanken je nach Alter der Probanden und Auswertungskriterien zwischen zehn und fünfzig Momenten täglich, in denen Männer ins Erotische abgleiten. Alle Studien sind sich aber in einer Aussage einig: Frauen denken weniger an Sex (und mehr ans Essen).

Warum ist das so? Tatsache ist, dass unsere Gehirne unterschiedlich funktionieren. In einer Forschungsreihe, die ich auf BBC verfolgt habe, setzten englische Wissenschaftler bildgebende Verfahren ein, um die unterschiedliche Gehirnaktivität von Männern und Frauen zu dokumentieren.

Den Versuchsteilnehmern wurde eine neutrale Szene, ein Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau gezeigt. Im Gehirn der Männer aktivierten sich beim Betrachten sofort die Sexualzentren. Sie sahen in dem Gespräch den Auftakt zu einer sexuellen Begegnung.

Das weibliche Gehirn interpretierte das Bild lediglich als das, was es in ihrer Realität war: Ein Gespräch zwischen zwei Menschen. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass das Sexualzentrum des Mannes zweieinhalb Mal größer ist als das einer Frau.

Ich persönlich kann diesen Aussagen aus eigener Erfahrung beipflichten. Ich denke ebenfalls häufiger an Sex als an Essen. Mein männliches Gehirn funktionierte allerdings schon immer so. Durch die Testosteronsubstitution verstärkten sich aber die Gedanken an Sex und vor allem der Wunsch, die sexuellen Fantasien auch auszuleben.

Dass der Mann leichter auf erotische Reize reagiert, sagt aber noch nichts über Inhalt und Intensität der sexuellen Wünsche aus und welche Auswirkungen sie auf Wahrnehmung und Verhalten im Alltag haben. Das zu erfahren wäre aber doch das eigentlich Interessante, bei Männern und bei Frauen, oder?

Ein Pärchen im Bett.

Beeinflusst das Geschlecht die Lust?

Machen sich Frauen mehr Gedanken als Männer?

Ich saß wie so oft in meinem Lieblingsrestaurant in Mainz am Rhein. Mir gegenüber saß eine Journalistin, die ihr Diktiergerät auf dem Tisch aufbaute, ihren Notizblock zückte und mir eine Frage nach der anderen stellte. Den Schwerpunkt ihrer Geschichte wollte sie auf das Frau-Mann-Denken legen. (…)

Nachdem ich alle Fragen brav und nach bestem Gewissen beantwortet hatte, verabschiedeten wir uns voneinander, und sie versprach, mir ihre Story in ein paar Tagen zur Freigabe zuzusenden. Vier Tage später landete eine E-Mail von ihr in meinem Postfach. Ich las ihren Text neugierig durch und war bis auf ein paar Kleinigkeiten sehr zufrieden mit ihrem Artikel.

Ich antwortete ihr ohne höfliche Anrede, wie ich es sonst immer tue, sondern formulierte in meiner Antwort nur eine einzige Frage, die lautete: "Ist das der Artikel, der morgen in Ihrer Zeitung erscheinen soll?" Diese kargen Zeilen schickte ich ohne Verabschiedung oder sonstige Freundlichkeiten los.

Weil ich wusste, dass die Journalistin im Büro arbeitete und somit online war, sie aber nicht sofort zurückschrieb, vermutete ich, dass meine Zeilen sie in irgendeiner Form getroffen haben mussten.

Ich ließ ihr zwanzig Minuten Zeit. Dann rief ich sie an. Da sie meine Nummer auf ihrem Display sehen konnte, ging sie verzögert und mit zurückhaltender Stimme ans Telefon. Ich meldete mich ruhig und bedacht mit meinem Namen und fragte sie, was ihr in den letzten Minuten durch den Kopf gegangen sei. (…)

Als meine E-Mail eingetroffen war, hatte sie diese freudestrahlend geöffnet, weil sie sich sicher gewesen war, eine gute Arbeit abgeliefert zu haben. Doch als sie meine Frage, mit der sie ganz und gar nicht gerechnet hatte, las, schoss eine ungeahnte Welle an negativen Emotionen in ihr hoch, ihr Puls erhöhte sich rapide, und sie empfand eine unangenehme Hitze in ihrer Brustgegend.

Sie stellte sich viele selbstzweifelnde Fragen. Hatte sie mich vielleicht falsch verstanden? War der Artikel wirklich so schlecht geschrieben? Warum hatte ich diese Frage nur so formuliert? Was sollte sie jetzt tun? Mich anrufen, Zeit vergehen lassen oder doch lieber zurückschreiben? Ihren Chef um Rat bitten? Und dann sprangen ihre Gedanken auch noch zur kaputten Waschmaschine zu Hause und zu all den anderen Problemen und Dingen, die nicht rund liefen und die sie noch dringend erledigen musste.

Als sie all das geschildert hatte, stellte ich ihr eine Frage, um die Situation aufzuschlüsseln: "Können Sie sich noch erinnern, als Sie mich nach einem Beispiel zu den Unterschieden zwischen Männern und Frauen gefragt haben? Hier haben Sie das beste Beispiel soeben selbst erfahren! Frauen denken mehr und haben dadurch auch mehr Variationsmöglichkeiten zum Zweifeln."

Mein Experiment war jedoch noch nicht ganz beendet. In der nächsten Woche saß mir am selben Ort ein männlicher Reporter gegenüber. Zügig und unproblematisch verlief unser Gespräch. Ein paar Tage später flog sein Artikel bei mir zur Freigabe ein. Ich hatte noch meine Reporterin im Hinterkopf und benötigte für mein Experiment noch eine männliche Reaktion.

Ich war mir nicht ganz sicher, ob der Reporter wegen seiner Schüchternheit und seines recht jungen Alters dafür geeignet war. Doch vertraute ich einfach meiner Intuition. Ich schrieb ihm ebenfalls ohne großartiges Tamtam: "Ist das der Artikel, der morgen in Ihrer Zeitung erscheinen soll?" Und was kam augenblicklich zurück? "Ja!"

Eine Frau hält sich den Kopf.

Mehr Gedanken, mehr Zweifel

Auserwählte Textpassagen von: Balian Buschbaum, aus: "Frauen wollen reden, Männer Sex", Fischer Taschenbuch Verlag © S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2013

Stand: 21.08.2018, 09:21

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