Geschlechtsangleichung

Operation zur Geschlechtsangleichung in China.

Transsexualität

Geschlechtsangleichung

Von Ingo Neumayer

Eine Geschlechtsangleichung ist ein schwerwiegender Eingriff, dessen Folgen nicht mehr rückgängig zu machen sind. Aus diesem Grund müssen Transsexuelle einiges auf sich nehmen, um operiert werden zu können.

Eindeutige Diagnose nötig

Wer sich eine geschlechtsangleichende Operation wünscht, sollte zunächst mit seiner Krankenkasse in Kontakt treten. Als erstes müssen psychologische Experten klären, ob die betreffende Person tatsächlich transsexuell ist oder ob möglicherweise eine psychische Erkrankung vorliegt, die den Wunsch auslöst, das andere Geschlecht anzunehmen. Ist dies der Fall, wird der Patient entsprechend behandelt, die Operation findet nicht statt.

Wenn die Diagnose "Transsexualität" gestellt ist, wird versucht, die Betroffenen möglichst genau darüber ins Bild zu setzen, wie sich ihr Leben durch eine geschlechtsangleichende Operation verändert. Wie reagiert die Familie, was ist mit Eltern und Kindern?

Auch am Arbeitsplatz können Probleme auftreten. Dazu kommt der Umgang mit diversen Behörden, Ämtern und Krankenkassen, der verunsichernd und entmutigend wirken kann. Die Beratung bei einem Sozialarbeiter kann helfen, sich über die psychosozialen Folgen der Operation klar zu werden.

Tatsächlich entscheiden sich längst nicht alle Transsexuellen zu einer Operation: Schätzungen gehen davon aus, dass die Quote unter 50 Prozent liegt. Für eine geschlechtsangleichende Operation muss man in Deutschland in der Regel mindestens 18 Jahre alt sein, eine Hormontherapie kann auch früher begonnen werden.

Geschlechterwechsel auf Probe

Weitere Untersuchen müssen klären, ob die physischen Voraussetzungen für eine Geschlechtsangleichung vorhanden sind: Neben der Operation, für die man in einem geeigneten körperlichen Zustand sein muss, stehen auch lebenslange Hormongaben bevor, die nicht von allen Menschen vertragen werden.

Sind diese Tests absolviert, wird eine psychotherapeutische Begleitung über einen längeren Zeitraum empfohlen. In diesen Gesprächen sollen Hoffnungen und Ängste, Unsicherheiten und bevorstehende Entscheidungen thematisiert werden; auch sollte hier schon versucht werden, sich auf den Alltagstest vorzubereiten.

Bevor der Körper des oder der Transsexuellen mit Hormonen oder durch eine Operation unwiderruflich verändert wird, muss ein Alltagstest absolviert werden. Bei diesem Test wird die gewünschte Geschlechterrolle auf Dauer eingenommen: Kleidung, Frisur, Erscheinungsbild – so überzeugend wie möglich soll das andere Geschlecht übernommen werden, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Dieser Test ist nötig, um den Patienten mit den Reaktionen im Alltag zu konfrontieren: Wie reagieren Verwandte und Nachbarn, Kollegen und Freunde, die Bäckerin und der Tankwart? Was bedeutet der Rollentausch für den Beruf? Wie verarbeitet man die verhohlenen oder offenen Blicke, die auf einem ruhen? Kommt man mit der Ablehnung und dem Interesse klar, das einem entgegengebracht wird?

Ärzte empfehlen, dass der Alltagstest ein bis zwei Jahre dauern sollte, um zu klären, wie das Umfeld mit dem Wechsel zurechtkommt und ob man selbst wirklich dauerhaft zum anderen Geschlecht gehören will und kann.

Der Test ist nicht unumstritten: Manche Betroffene kritisieren, dass das verordnete "Coming-Out" zu einem Zeitpunkt stattfindet, an dem die äußeren Geschlechtsmerkmale noch nicht verändert sind und sich teilweise schwer kaschieren lassen.

Porträt der transsexuellen Schiedsrichterin Marie Karsten

Die transsexuelle Schiedsrichterin Marie Karsten

Hormongaben verändern den Körper

Ist der Alltagstest positiv verlaufen und der Wunsch, das andere Geschlecht auch äußerlich anzunehmen, immer noch vorhanden, wird mit einer Hormontherapie begonnen. Transmännern wird das Sexualhormon Testosteron gegeben, Transfrauen bekommen Östrogene.

Das Testosteron senkt die Stimme, Körperbehaarung und Bartwuchs nehmen zu, Klitoris und Schamlippen vergrößern sich. Der Fettanteil im Körper sinkt, die Muskelmasse nimmt zu.

Östrogene sorgen bei Transfrauen für eine Verweiblichung: Die Brust wächst, der Körper wird insgesamt runder und weiblicher, der Sexualtrieb sinkt, die Geschlechtsorgane verkleinern sich. Die Stimmlage verändert sich allerdings nicht und muss, wenn gewünscht, durch Training oder eine Kehlkopfoperation angepasst werden.

Eine dauerhafte Behandlung mit Sexualhormonen birgt Risiken: Sie kann Leberschäden, Herz-Kreislaufprobleme und Depressionen auslösen. Auch steigt die Gefahr Thrombosen zu erleiden oder an Krebs zu erkranken.

Die Operationen

Bei der genitalangleichenden Operation von Transfrauen werden Teile des Penis sowie die Hoden entfernt, aus dem verbliebenen Gewebe wird eine Vagina geformt. In diesem Bereich sind große Fortschritte gemacht worden, sodass oft nur kleine oder gar keine Unterschiede in Sachen Optik und Funktion bestehen bleiben. Auch das Lustempfinden und die Orgasmusfähigkeit kann oft erhalten werden.

Zusätzlich zur Genitaloperation lassen manche Transfrauen ihre Brüste operativ formen und vergrößern, auch Gesichtszüge, Stimmbänder und der Adamsapfel können angepasst werden. Manche Transfrauen lassen sich die untere Rippe entfernen, um eine ausgeprägtere Taille zu erhalten.

Transmännern wird medizinisch empfohlen, Gebärmutter, Eierstöcke und Eileiter zu entfernen, da aufgrund der Testosterongabe das Krebsrisiko deutlich höher ist. Auch lassen sich viele Betroffene Brustgewebe entnehmen.

Einen Penis zu modellieren, ist für plastische Chirurgen deutlich schwieriger als eine Vagina. Bei der einfachen Variante wird die durch Hormone vergrößerte Klitoris operativ freigestellt und zum Penis umfunktioniert. Allerdings hat dieser meist nur eine Länge von 2 bis 2,5 Zentimetern und wird als zu klein empfunden.

Alternativen sind Operationen, in denen Muskeln vom Arm, Bein, Bauch oder Rücken entnommen werden, aus denen ein Penis geformt wird. Implantate werden genutzt, um die Hoden nachzubilden und um durch ein hydraulisches oder pneumatisches System eine Erektion zu ermöglichen.

Obwohl die Chirurgie auf diesem Gebiet große Fortschritte gemacht hat, passiert es immer wieder, dass es nach der OP zu Komplikationen kommt, Wunden nicht verheilen, Gewebe nicht wunschgemäß zusammenwächst oder die Sensibilität zu wünschen übrig lässt.

Der Geschlechtsakt nach der OP kann sich problematisch gestalten, zudem ist ein nachgebildeter Penis meist auf den ersten Blick als solcher zu erkennen.

Nach dem Eingriff

Transsexuelle sollten damit rechnen, dass trotz aller medizinischen Maßnahmen das biologische Geschlecht weiter durchschimmern kann. Zudem besteht ein erhöhter Nachsorgebedarf. Da die natürlichen Hormone in den Hoden und Eierstöcken gebildet werden, müssen diese nach einer Entfernung der Geschlechtsorgane künstlich zugeführt werden - und zwar für den Rest des Lebens.

Obwohl die Behandlungen und Operationen viele Beschwerden und Risiken mit sich bringen, fühlt ein Großteil der Betroffenen eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität. Viele Identitäts- und Persönlichkeitsprobleme von Transsexuellen verschwinden, wenn ihr empfundenes Geschlecht auch nach außen hin sichtbar ist und sie das Gefühl haben, endlich in ihrem "wahren" Körper angekommen zu sein.

Weiterführende Infos

Stand: 21.08.2018, 09:05

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