Spiele-Erfinder Wolfgang Kramer

Der Spiele-Autor Wolfgang Kramer sitzt an einem Tisch, auf dem das Brettspiel 'Versunkene Stadt' mit verschiedenen Spielfiguren, Pappquadraten und Spielkarten aufgebaut ist.

Brettspiele

Spiele-Erfinder Wolfgang Kramer

Denken, warten, planen – Wenn die Geistesblitze durch den Kopf rauschen, die Fingerkuppen nervös auf den Schreibtisch klopfen, die Zähne knirschen und die Augen in Sekundenschnelle die Wände im Raum fixieren, dann sind die Würfel gefallen. Der erste Gedanke steht. Das Chaos im Kopf von Wolfgang Kramer bekommt eine Ordnung und der Irrgarten im Gehirn einen Weg nach draußen: Vorhang auf, das Spiel beginnt.

Dem Leben auf der Spur

Schnelligkeit, Schutz, Angriff. Vögel fliegen davon, Löwen greifen an und Schildkröten verstecken sich in ihrem Panzer. Der harte Überlebenskampf der Tiere fasziniert Wolfgang Kramer. In der Natur holt er sich die Ideen für seine Spiele. Er brütet nicht tagelang am Schreibtisch, sondern spaziert im Wald oder am See.

Wolfgang Kramer steht inmitten von Regalen, auf denen sich verschiedenste Spielekartons stapeln. Er hält das Spiel 'Hornochsen' in die Kamera.

Mehr als hundert Spiele veröffentlicht

Manchmal sitzt er aber auch im Café und beobachtet die Menschen. "So wie das Leben funktioniert, funktionieren auch meine Spiele", sagt er. Geheimnisvoll, spannend, mit Höhen und Tiefen. "Gute Spiele müssen immer etwas Mystisches haben. Sie müssen fesseln, dürfen nicht zu lang und nicht langweilig sein."

Kramer weiß, wovon er spricht: Seit 1989 erfindet der gelernte Informatiker und Betriebswirt hauptberuflich Spiele. Obwohl er 25 Jahre als Leiter eines Rechenzentrums einen kühlen Kopf brauchte, sprüht er nur so vor Kreativität. Mehr als 100 Spiele hat sich Wolfgang Kramer (Jahrgang 1942) bisher ausgedacht, darunter so erfolgreiche wie Personality, Heimlich & Co., El Grande und Tikal.

Das erste Spiel Tempo brachte er im Alter von 30 Jahren auf den Markt. Danach konnte er einfach nicht mehr aufhören. Die Gedanken seien ihm nie ausgegangen, ganz im Gegenteil, häufig müsse er aufpassen, dass er sich nicht verzettle.

Drei Jahre braucht ein Spiel von der Idee bis zur Ladentheke. Und selbst dann könne man immer noch etwas verbessern. Früher habe er allein gearbeitet, häufig lange, zu lange vor sich hin gebrütet.

Heute entwickelt er die Spiele gemeinsam mit Co-Autoren. "Das ist etwas leichter", sagt er, "wenn man im Team arbeitet, sich gegenseitig unter die Lupe nimmt." Aber er musste auch lernen, schon mal Abstriche zu machen, wenn er von einer Idee zu sehr besessen war – und er müsse nun die Gewinne teilen, sagt er fröhlich.

Wolfgang Kramer ist Spiele-Erfinder aus Leidenschaft – und schuld daran ist wohl seine Großmutter, sagt er. Mit ihr hat er viel Zeit verbracht und mit ihr habe er immer gespielt: Schwarzer Peter, Mensch ärgere Dich nicht, Mühle, Halma und was es sonst noch so alles gab.

Das ging über das Autoquartett bis hin zu Backgammon, Schach und Go. Heute gibt es kaum noch ein Spiel, das Kramer nicht kennt, und alles, was er in die Hand bekommt, wird gespielt.

Immer wieder neu denken

Wolfgang Kramer sitzt über einem Berg Karten. Rätselt, probiert aus, legt sie wieder weg und holt sie wieder auf den Tisch zurück. Dann begibt er sich an ein anderes Spiel. So ist das jeden Tag.

Er arbeitet immer an mehreren Ideen gleichzeitig, korrigiert die Spielregeln, denkt über Werbung und Verpackung nach. Die Einzelheiten seiner Projekte möchte er nicht verraten, denn die Konkurrenz ist groß – und die Ideen seien schnell geklaut.

Und der mühsame Gang durch die Verlage ist auch nicht immer ein Vergnügen: Obwohl er mit seinen Spielen sehr erfolgreich ist, muss er jedes Mal wieder von neuem die Verlage überzeugen.

Manchmal lehnen gleich mehrere Verlage seine Konzepte ab – und völlig überraschend nimmt einer das Spiel. Denn: "Ein neues Spiel zu erfinden, das ist nicht schwierig", sagt er, "aber ein gutes Spiel zu erfinden, das ist richtig harte Arbeit."

Ob ein Spiel Erfolg hat, hängt auch sehr vom Zeitpunkt der Veröffentlichung ab. Trifft es den Zeitgeist, ist es zu teuer? Das alles spielt eine große Rolle. Und schon so manches Mal glaubte Kramer, dieses oder jenes Spiel sei das Absolute, aber dann passte es gerade aus irgendwelchen Gründen nicht oder seine Frau Gisela zeigte mit dem Daumen nach unten.

Und das bedeutet: "Dieses Spiel: so nicht." Denn Frau Kramer darf und muss mitreden und hat sogar das letzte Wort. Sie ist seine schärfste Kritikerin. "Spiele erfinden ist wie ein gutes Kochrezept", sagt Kramer: "Selbst wenn alle Zutaten stimmen, fehlt manchmal noch eine Prise Salz."

Gedanken in die Unendlichkeit

Wenn Wolfgang Kramer einmal nicht spielt, dann hört er gern klassische Musik, lässt sich davon treiben und räumt so wieder in seinem Kopf auf. Klassische Musik läuft auch, wenn er an einer neuen Idee tüftelt. "Klassische Musik läuft eigentlich immer", sagt er, "auch wenn ich spiele."

Es gibt nur zwei andere Berufe, die er sich vorstellen kann: Komponist oder Forscher. "Das wäre noch was", sagt er seufzend, "immer wieder neue Dinge ausprobieren, schauen, was es noch alles so gibt auf der Welt – und vielleicht darüber hinaus."

In seiner Welt sei das Wundern und Staunen das Schöne am Leben. Und im Spiel kann er immer wieder in eine kleine neue Welt schlüpfen. Sein größter Wunsch: Nach jahrelangem Goldschürfen, so nennt er das Erfinden seiner Spiele, sucht er immer noch die ganz große Goldader, ein Spiel, das vielleicht noch in 10.000 Jahren auf dem Mond gespielt wird.

Autorin: Claudia Kracht, Erstveröffentlichung 13.12.2006

Stand: 15.05.2017, 15:43

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