Artistenfamilie Traber - Ein Leben auf dem Seil

Johann Traber jr. zeigt auf ein Hochseil

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Artistenfamilie Traber - Ein Leben auf dem Seil

Kein Turm ist zu hoch. Kein Seil ist zu lang. Zu Fuß, mit dem Motorrad oder dem Auto vollbringen sie in schwindelerregender Höhe auf dem Seil waghalsige Kunststücke. Der Nervenkitzel und das Risiko gehören zum Berufsalltag der Hochseil-Artistenfamilie Traber. Weltweit hält sie das Publikum in Atem. Und das schon seit Generationen. Hier können Sie noch einmal Meilensteine aus der Geschichte der Artisten-Dynastie nachlesen.

Artisten aus Tradition

Seit über 300 Jahren dreht sich bei der Hochseil-Dynastie Traber nachweislich alles rund ums Seil. Das bestätigen Urkunden und Dokumente, die sich bei Johann Traber zu Hause stapeln. Der Chef des einen von zwei Familienzweigen lebt im Schwarzwald und managt von hier aus das Hochseilartistik-Unternehmen Traber.

"Wir Trabers waren schon immer Seilartisten", meint er. "Ich denke, das liegt daran, dass meine Vorfahren zum Überleben als Künstler etwas Besonderes bieten mussten. Da haben sie sich für das Seiltanzen entschieden."

Die ursprünglich aus dem Elsass stammende Artistenfamilie wird zum ersten Mal schon 1406 urkundlich erwähnt. Aus dem Jahr 1512 gibt es ein Dokument, das der Landgraf des Elsass der Familie Traber ausgestellt hat: eine Art Wandergewerbeschein. Die Wege der Traber-Vorfahren trennen sich im Lauf der Jahrhunderte. Ein Familienzweig siedelt sich im Raum Berlin an, Johann Trabers Familie in der Nähe von Freiburg.

Eines bleibt beiden gemeinsam: die Liebe zum Hochseil. Genauso wie diese Leidenschaft wird auch das eigene Familienwappen in Johann Trabers Familie von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Mittlerweile ist es im Besitz der 15. Traber-Generation.

Von nichts kommt nichts

Johann Traber mit Sohn auf einem Motorrad auf dem Drahtseil

Johann Traber und sein damals fünfjähriger Sohn bei dessen Debüt

Hartes Training und viel Disziplin. Nur so, sagt Johann Traber, kann man es auf dem Hochseil zu etwas bringen. Zwei berufliche Voraussetzungen, die er auch seinen beiden Töchtern Anna und Katharina sowie seinem Sohn Johann vermittelt. Er selbst kennt es nicht anders. Zwar ist er spielerisch mit dem Hochseil aufgewachsen, doch als er mit sechs Jahren zum ersten Mal alleine auf dem Seil stand, hatte er vorher schon fleißig trainiert.

"Ihr kriegt 100 Mark, wenn ihr es schafft, zehn Minuten den Handstand zu halten, sagte mein Vater. Wir haben uns ins Zeug gelegt und es auch geschafft. Die 100 Mark haben wir natürlich nie bekommen", erzählt er lachend. Geschadet habe es nicht, meint er. Zusammen mit seinem Vater, seinem Onkel und seinen Brüdern hat er in luftiger Höhe schon Welterfolge erlaufen und erfahren.

Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn sein Onkel Alfredo und sein Vetter Henry spezialisierten sich auf das Seilfahren. Auf einem Motorrad fuhren sie 1952 in 2964 Metern Höhe über das Höllental. Als "Zugspitzartisten" gingen sie in die Geschichte der Hochseilartistik ein.

Damals wie heute heißt die Devise vor solchen Auftritten "Präzision". Das fängt bei der Planung der spektakulären Aktionen an, geht über die technische Vorbereitung und endet in der Körperbeherrschung auf dem Seil. Alles machen die Trabers in eigener Regie. In der eigenen Werkstatt stellen sie sogar selbst notwendige Geräte und Werkzeuge her.

Alkohol ist schon Wochen vor einem Auftritt absolut tabu und das körperliche Training findet ganz nebenbei statt. "Wie machen alles selbst. Arbeiten mit schweren technischen Geräten. Schleppen, schrauben, stemmen. Alles machen wir alleine. Da brauchen wir kein spezielles Krafttraining oder ähnliches", verrät Johann Traber.

Erfolg durch Rekorde

Das Geheimnis ihres Erfolges liegt in den Rekorden, die die Trabers immer wieder versuchen zu übertreffen. Einerseits aus Ehrgeiz, andererseits aber auch wegen des Geschäfts. "Ohne Rekorde gerät man in dieser Branche leicht in Vergessenheit", sagt Johann Traber. "Man muss immer im Kopf der Leute bleiben. Das geht nur über spektakuläre Aktionen."

So kommt die Familie Traber auf immer waghalsigere Ideen: Zum Jahrtausendwechsel fuhr Johann Traber auf dem Hinterrad eines Motorrads über ein 1500 Meter langes Seil – vom Deutschen Eck in Koblenz den Rhein hoch bis zur Festung Ehrenbreitstein. Und weil das noch nicht spektakulär genug war, kam auf halber Strecke noch ein Handstand auf dem Motorrad hinzu. Ein Weltrekord.

Einen von vielen Einträgen ins Guinness-Buch der Rekorde bekam Johann Traber, als er im Jahr 2004 mit einem Auto auf zwei Seilen hoch zum Stuttgarter Fernsehturm fuhr. "Es war das Aufregendste, was ich bisher gemacht habe", erzählt er.

Sein jüngerer Bruder Falco steht ihm in nichts nach. Auch er sorgt für immer neue Rekorde auf dem Hochseil. Im Herbst 2006 spazierte er ungesichert in Tirol in einer Höhe von 400 Metern auf dem Seil einer Gondelbahn. Die Strecke zwischen den beiden Bahnmasten war 150 Meter lang. Unter ihm lag der Saukasergraben. Harter Fels und karge Almwiese. Er schaffte den Höhen-Weltrekord.

Bereits 1996 setzte er die Marke für den Längen-Weltrekord höher. Auf einer Strecke von 640 Metern überquerte er auf dem Seil die Baden-Badener Altstadt. Auch Johann Traber Junior sorgte für einen weiteren Rekord in der Familie Traber. Auf der EXPO 2000 in Hannover verbrachte er 17 Tage auf dem Seil. Zwischen Essen, Trinken und Schlafen lieferte er dem Publikum kleine Showeinlagen.

Ohne Angst in die Zukunft

Ans Aufhören denkt die Familie nicht. Trotz des schweren Unfalls von Johann Traber Junior im Mai 2006. Während eines Auftritts auf einem Hamburger Volksfest stürzte der Traber-Spross von einem 30 Meter hohen Metallmast. Auf der Spitze des Mastes machte er normalerweise akrobatische Kunststücke, wie den Handstand auf nur einer Hand. An diesem Tag brach der Mast aber durch und knickte ab. Ein Materialfehler.

Der junge Traber stürzte zu Boden. Sein Vater, der auf der unteren Mastplattform auf ihn wartete, konnte ihn noch auffangen. Der junge Mann überlebte schwer verletzt und lag mit schweren Gehirnverletzungen lange im Koma. Er hat bis heute mit seinen Unfallfolgen zu kämpfen: Er kann nicht flüssig sprechen, erinnert sich schlecht und sieht auf einem Auge nur undeutlich.

Aber Johann Junior ist ein "Kämpfer", wie er selbst sagt, und so spielt er bereits wieder einen akiven Part in der Traber-Show. Im Mai 2007 – nur ein Jahr nach dem Unfall – feierte er sein Comeback: Beim Geschwindigkeits-Weltrekord seines Vaters mit einem Motorrad in großer Höhe saß er in einem Trapez als Gegengewicht unter dem gespannten Seil. Und nur ein Jahr später fuhr er erstmals wieder mit einem Motorrad das Hochseil hinauf.

"Angst darf man in diesem Beruf nicht haben. Sonst kann man ihn nicht machen", sagt Johann Traber. Der Clan bereitet die Aktionen akribisch bis in Detail vor. Trifft Sicherheitsvorkehrungen für die Gerätschaften. Testet etliche Male, bevor es ernst wird. "Da kann nicht viel passieren. Ein geringes Risiko besteht allerdings immer. Bei meinem Sohn war es ein Materialfehler. Der Mast, auf dem er stand, war von innen an einer Stelle verrostet und brach."

Auch wenn sein Sohn sich zurück ins Leben kämpft – nie wieder wird er die gleichen Kunststücke wie vor dem Unfall absolvieren können. Seine Töchter machen aber auf dem Seil weiter. Die Ältere trainiert schon an neuen Motorradnummern. Nächstes Ziel der Trabers: Rekorde schaffen im Ausland. An den Weltruf der Familie aus den 1960er und 1970er Jahren anknüpfen. Deshalb stehen schon Aktionen in Japan auf dem Programm.

Autorin: Inés Carrasco

Stand: 05.08.2016, 15:00

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