"Der gedopte Körper ist ein Statussymbol" – Interview mit Perikles Simon

Portraitaufnahme von Prof. Dr. Dr. Perikles Simon im Planet Wissen Studio.

Doping

"Der gedopte Körper ist ein Statussymbol" – Interview mit Perikles Simon

  • Freizeitsportler dopen oft, um extreme Leistungen vollbringen zu können
  • Doping im Freizeitsport belastet unser Gesundheitssystem
  • Sportprävention wird in Deutschland zu wenig gefördert

Perikles Simon ist Sportmediziner und forscht an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Ein Gespräch über Doping im Amateurbereich, teure Folgen und wie Sport gefördert werden müsste.

Planet Wissen: Im Spitzensport geht es um Medaillen und Pokale, ums Gewinnen. Dopen ist zwar verboten und unfair, bringt aber einen offensichtlichen Vorteil. Bei Hobbysportlern geht es dagegen nur um Spaß. Warum greifen Amateure zu Dopingmitteln?

Perikles Simon: Bei Amateuren ist das Dopen im Grunde irrational. Das ist ungefähr so, wie wenn man sich für die Stadt einen SUV kauft. Der hat einen hohen Verbrauch, schadet der Solidargemeinschaft, man braucht so ein Auto nicht. Es ist unvernünftig. Trotzdem entscheiden sich viele für einen SUV, denn sie versprechen sich davon nicht nur Status, sondern auch maximale Sicherheit.

Beim Dopen im Freizeitbereich geht es ebenfalls um vermeintliche Sicherheit. Die Leute sagen sich: "Wenn ich schon Kraftsport mache oder einen Marathon laufe, will ich eine gewisse Sicherheit." Das kann bedeuten, ins Ziel zu kommen oder seinen Körper erfolgreich zu definieren.

Sie hören dann Sätze wie: "Besser mit optimaler Vorbereitung mitlaufen als ohne". Der gedopte Körper – sein Aussehen und seine Leistung – ist dann eine Art Statussymbol.

Die Leute haben Angst, den Marathon ohne Doping nicht zu schaffen?

Ja. Dabei ist ein Marathon für viele eine kaum zu bewerkstelligende Strecke. Das geht in Richtung Raubbau am Körper. Ein Halbmarathon wäre gesünder, aber der Trend geht zur extremen Leistung. Und die ist für viele ohne entsprechende Mittel nicht zu schaffen. Das ist galoppierende Unvernunft.

Wie zeigt sich denn die Überlastung?

Zum Beispiel daran, dass ein Drittel der Teilnehmer eines Volksmarathons anschließend zum Facharzt muss. Meist zum Orthopäden und oft mit physiotherapeutischer Behandlung.

Andere gehen wegen Stechen oder Enge in der Brust zum Internisten. Durch Doping und den Trend zu extremer Leistung entstehen hohe Kosten. Die Folgebehandlungen werden natürlich von der Solidargemeinschaft getragen.

Gibt es Zahlen zur Höhe dieser Kosten?

Das ist ein Bereich, der bislang kaum erforscht ist. Es wäre aber dringend nötig, die Kosten transparent zu machen. Die Frage der Verteilungsgerechtigkeit ist wichtig. Denn wir reden hier von einem Massenproblem, nicht über eine Randerscheinung im Promillebereich.

Das ist übrigens im Bereich des sogenannten Gehirndopings nicht anders: 15 bis 20 Prozent der Studenten und Chirurgen nehmen Mittel ein, die die kognitive Leistung steigern sollen. Über die Folgen sowie deren Kosten für die Allgemeinheit wissen wir aber praktisch nichts!

Was läuft bei uns falsch in Bezug auf Doping im Amateurbereich?

Wir haben generell ein fragwürdiges Gesundheitssystem: Es wird aktiv, wenn jemand schon krank ist. Die Behandlung ist bei uns wichtiger als die Prävention, beim Doping, aber auch bei klassischen Suchtmitteln. Es müsste genau andersherum sein: Die Prävention muss Priorität haben.

Und was halten Sie davon, wie hierzulande Sport gefördert wird?

Momentan ist es so, dass sehr viel Steuergeld in den Profisport fließt. Das sind im Jahr etwa 180 Millionen Euro. Im Vergleich dazu fließt fast nichts in den Breitensport. Es werden nur einzelne Events gefördert, hier und da mal ein Marathon.

Man erhofft sich davon eine Vorbildwirkung, dass mehr Leute mitziehen. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass man damit die wirklich Unsportlichen erreicht.

Wie kann man die Sportmuffel erreichen?

Zum Beispiel, indem Geld in die Sportflächeninfrastruktur fließt. In Vereine, Schulen, in die Förderung von Bewegung bei Kindern oder Älteren. Andere Länder sind da sehr viel weiter, etwa in Skandinavien. Prävention hat dort einen sehr hohen Stellenwert und es gibt eine niedrige Rate an körperlich Inaktiven.

Das ändert sich schlagartig an der deutsch-dänischen Grenze. Und das liegt nicht an den Genen, sondern ist das Ergebnis einer guten Gesundheitspolitik unserer Nachbarn.

Interview: Katharina Bueß

Stand: 02.06.2016, 18:00

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