Doping-Opfer Heidi Krieger

Porträt von Andreas Krieger

Doping

Doping-Opfer Heidi Krieger

  • Die Kugelstoßerin Heidi Krieger wird mit 16 Jahren in das staatliche Anabolikaprogramm der DDR aufgenommen
  • Mit den Jahren verändert sich ihr Körper immer mehr, sie wird männlicher
  • Durch die jahrelange Einnahme von Testosteron fühlt sich Heidi Krieger im falschen Körper
  • 1997 lässt Heidi Krieger eine geschlechtsangleichende Operation durchführen, fortan nennt sie sich Andreas
  • Andreas Krieger engagiert sich heute für Doping-Opfer der DDR

Heidi Krieger war eine Spitzensportlerin der DDR. Eine von rund 10.000 Athletinnen und Athleten, die von 1974 bis zum Fall der Mauer mit Testosteronpillen wie Oral-Turinabol gedopt wurden. Bei ihr und vielen anderen Sportlern hinterließ das Doping schwere gesundheitliche und psychische Schäden. Vermutlich haben die hohen Mengen Testosteron im jugendlichen Alter Heidi Krieger zum Mann gemacht. Heute heißt sie Andreas Krieger und ist eines von 193 staatlich anerkannten Dopingopfern.

Jugend im Sportkader

Andreas Krieger wird am 20. Juli 1965 als Heidi Krieger in Ostberlin geboren. Die DDR entwickelt sich damals zu einer Weltmacht im Sport, Nachwuchstalente werden früh gesucht.

Heidi Krieger mochte es schon immer, Sachen zu werfen und sie ist gut darin. So kommt Heidi mit 14 an eine Sportschule in Berlin und wird im Kugelstoßen trainiert. 1980 wird ihre Vereinskameradin beim SC Dynamo, Ilona Slupianek, in Moskau Olympiasiegerin.

Die 24-Jährige wird als Heldin gefeiert. Das imponiert der 15-jährigen Heidi Krieger sehr, und fortan trainiert sie immer härter. Ilona Slupianek wird von Willi Kühl trainiert, Heidi von dessen Sohn Lutz.

Heidi Krieger ist gerade 16 Jahre alt, als sie als "Sportlerin 54" in das staatliche Anabolikaprogramm des Sportmedizinischen Dienstes der ehemaligen DDR aufgenommen wird.

Schwarzweiß-Foto: 1984 gratuliert Erich Mielke Heidi Krieger

Erfolg für den Staat

Immer weiter mit allen Mitteln

Innerhalb des Sportmedizinischen Dienstes gibt es die Abteilung Leistungssport II – die Dopingzentrale der DDR. Die Abteilung gibt die Dopingpillen über die Ärzte der Sportclubs an die Trainer, diese reichen sie an die Sportler weiter.

So bekommt Heidi im April 1982 ihre ersten blauen Pillen von Willi Kühl in die Hand gedrückt. Sie fragt nicht nach, schließlich vertraut Heidi ihrem Trainer. Ihre Leistungen steigern sich nun in unglaublichem Ausmaß. 1980 stößt sie die Kugel 11,93 Meter weit, 1982 schon 16,82 Meter.

Ihr Körper verändert sich immer mehr, Heidi nimmt an Muskelmasse zu und bekommt immer männlichere Züge. Kein Wunder, im Jahr 1984 geben ihr die Ärzte in nur 29 Wochen insgesamt 2590 Milligramm Oral-Turinabol.

Zum Vergleich: Ein männlicher Körper produziert im gleichen Zeitraum nur die Hälfte an Testosteron. Sie stößt die Kugel nun über 20 Meter weit und wird Dritte bei den Hallen-Europameisterschaften.

Triumph um jeden Preis

1986 erzielt Heidi Krieger dann ihren bis dahin größten Triumph: Bei den Europameisterschaften in Stuttgart holt sie Gold. Die Kugel fliegt beim ersten Versuch auf 21,10 Meter. Jetzt ist auch Heidi Krieger eine Sportheldin der DDR. Staatschef Erich Honecker schickt ihr am selben Abend noch ein Glückwunsch-Telegramm.

Heidi trainiert weiter, bewegt in zwei Wochen hundert Tonnen im Kraftraum. Doch sie ist jetzt 22 und die ersten Schäden durch das rücksichtslose Doping werden deutlich: Muskeln und Knochen sind überlastet.

Heidi hat ständig Rückenschmerzen, dazu kommen seelische Probleme. 1991 beendet Heidi Krieger schließlich ihre Sportlerkarriere, sie ist 1,87 Meter groß und wiegt 100 Kilogramm.

Heidi Krieger, kurz bevor sie die Kugel stößt.

Doping machte Heidi zur Siegerin

Im falschen Körper

Selbst 1991 weiß Heidi Krieger noch nicht, was mit ihr passiert ist. Sie hält die Doping-Vorwürfe gegen die DDR-Trainer für üble Propaganda. Zeitgleich fühlt sie sich immer unwohler in ihrer Haut, wird depressiv. 1995 redet sie mit Freunden erstmals über Transsexualität und ahnt, dass die Lösung ihres Problems eine Operation sein könnte.

Heidi Krieger besorgt sich zwei psychologische Gutachten und im März 1997 lässt Heidi Krieger eine geschlechtsangleichende Operation durchführen. Sie nennt sich fortan Andreas. Nun muss Andreas Krieger zwar wieder Testosteron nehmen, aber diesmal tut er es freiwillig.

Kampf um die Wahrheit

Im gleichen Jahr, 1997, wird Andreas Krieger aufgefordert, als Zeuge vor der "Zentralen Ermittlungsstelle für Regierungs- und Vereinigungskriminalität" auszusagen. Langsam glaubt auch Andreas, dass er tatsächlich von seinen Trainern systematisch gedopt wurde.

Drei Jahre später sagt er im Prozess gegen Manfred Höppner, den Arzt und ehemaligen stellvertretenden Leiter des Sportmedizinischen Dienstes, und den ehemaligen DDR-Sportchef Manfred Ewald aus. Er wird als Doping-Opfer anerkannt und erhält eine Entschädigung von rund 10.000 Euro. Doch Andreas Krieger will weiter für die Rechte von DDR-Doping-Opfern kämpfen.

Andreas Krieger in einer Menschenmenge vor einem Gerichtssaal.

Andreas Krieger als Zeuge vor Gericht

Kampf für sauberen Sport

Während der Prozesse in Berlin lernt Andreas die ehemalige DDR-Schwimmerin Ute Krause kennen. Auch sie wurde von ihren Trainern zum Doping gezwungen. Zwei Jahre später heiraten sie und engagieren sich nun gemeinsam mit dem Verein "Doping-Opfer-Hilfe" für einen sauberen Sport.

Unter anderem fordern sie eine Rente für ehemalige DDR-Doping-Opfer, Aufklärung bei jungen Sportlern und natürlich, dass die ehemaligen DDR-Trainer nicht mehr im Spitzensport arbeiten dürfen.

Andreas Krieger hat seine Gold-Medaille von der Europameisterschaft gestiftet und verleiht sie seit 2000 als Heidi-Krieger-Preis an "Menschen, die sich im Kampf gegen Doping besonders engagieren". Dafür ist sie noch gut, sagt er, sonst bedeutet sie ihm nichts.

Hochzeitsfoto von Andreas Krieger und Ute Krause-Krieger.

Das Ehe­paar Ute Krau­se-​Krie­ger und An­dre­as Krie­ger

Der Kampf des Kriegers geht weiter

2011 und 2012 ging Andreas Krieger noch einen Schritt weiter: In offenen Briefen bat er den Internationalen Leichtathletikverband, seinen Namen aus allen Rekord- und Bestenlisten zu streichen. Der Verband hatte eine Junioren-Rekordliste veröffentlicht, in der auch Kriegers Siege aufgeführt waren.

"Verhindern Sie, dass sich junge Sportler und Sportlerinnen an verseuchten Rekorden orientieren. Setzen Sie ein Zeichen für sauberen Sport und vermelden Sie an Stelle meines Namens, dass ich die von mir erzielten Resultate auf Grund von Zwangsdoping in der DDR habe streichen lassen." Nun gibt es keine Heidi Krieger mehr in der Rekord- und Bestenlisten des Leichtathletikverbandes.

Autorinnen: Eva Mommsen/Melanie Kuss

Stand: 16.05.2017, 11:58

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