Doping in Westdeutschland

Anabolika-Präparate auf dunklem Untegrund mit der Aufschrift 'Anabolika'.

Doping

Doping in Westdeutschland

  • Eine Studie belegt, dass auch im westdeutschen Profisport systematisch gedopt wurde
  • Fußballer dopten sich in den 1950er Jahren mit Amphetaminen
  • Forschungen zu leistungsfördernden Substanzen wurden mit öffentlichen Geldern gefördert
  • Die Studie ist nur in einer gekürzten Version einsehbar – aus Angst vor Klagen

Dass die Spitzensportler in der DDR reihenweise gedopt waren, ist bekannt. Doch auch in der Bundesrepublik wurde mit System gedopt, das zeigt eine Studie der Humboldt-Universität.

Alltag in der BRD

Auch in der Bundesrepublik Deutschland spielte Doping in der Vergangenheit eine wichtige Rolle. Spitzensportler wurden gedopt, und zwar organisiert und mit System. Das zeigte eine Studie der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), die das Thema "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" beleuchtet.

Darin heißt es, die Dopinggeschichte in Westdeutschland reiche bis in die Anfänge der Bundesrepublik zurück. Spätestens seit den 1970er Jahren sei die Praxis des Dopens institutionell strukturiert gewesen und habe im Spitzensport zum Alltag gehört. Schon Minderjährige sollen gedopt worden sein; viele Sportarten waren betroffen, unter anderen der Fußball.

Doping schon bei Minderjährigen

Die Studie, die mit Mitteln des Bundesinstituts für Sportwissenschaft gefördert wurde, sollte den Umgang mit Doping in Westdeutschland in den Fokus rücken. Die Dopinggeschichte der DDR wurde regelmäßig in den Medien thematisiert und auch wissenschaftlich untersucht.

Dass Dopingmittel auch bei Spitzenathleten der Bundesrepublik systematisch zum Einsatz kamen, sei grundsätzlich keine neue Erkenntnis, meint der Sportmediziner und Dopingexperte Perikles Simon von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Fachleute hätten davon schon länger gewusst. Dennoch lobt er die Studie, denn sie habe die Forschungslage zum Thema sehr gut zusammengefasst: "eine Sisyphosarbeit". Einer breiten Öffentlichkeit dürften die Erkenntnisse möglicherweise dennoch nicht bekannt sein.

Amphetamine in Schokolade

Welche Mittel kamen zum Einsatz, mit welchem Ziel? Fußballspieler nahmen beispielsweise Amphetamine zu sich – und zwar um das Jahr 1950 herum in Form der sogenannten "Kampfflieger-Schokolade".

Diese enthielt den Wirkstoff Methamphetamin, der früher unter dem Namen Pervitin gehandelt wurde. Er wirkt euphorisierend und aufputschend und ist heute in der Droge Crystal Meth enthalten.

Pervitin wurde bereits im Zweiten Weltkrieg systematisch und millionenfach eingesetzt, unter anderem in Form der "Panzerschokolade". Sie sollte Piloten und Soldaten über Tage hinweg wachhalten, ihre Leistungsfähigkeit steigern und ihre Angst mildern.

Die Einnahme von Amphetaminen hatte eine lange Tradition, sowohl beim Militär als auch im Sport. Die Bundeswehr lagerte Pervitin bis in die 1970er Jahre ein.

Mit Steuermitteln gefördert

Das Doping in der Bundesrepublik soll sogar mithilfe von Steuermitteln gefördert worden sein. Laut Süddeutscher Zeitung habe das systematische Doping in der Bundesrepublik seinen Ursprung im Jahr 1970 mit der Gründung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft in Bonn genommen, das bis heute dem Innenministerium untersteht.

Das Institut habe zu verschiedenen leistungsfördernden Substanzen geforscht. In Versuchsreihen wurde die Wirkung diverser Mittel untersucht, unter anderem von Anabolika, Testosteron, Östrogen oder dem Blutdopingmittel Erythropoietin, kurz EPO genannt – gefördert mit öffentlichen Geldern. Präparate, die zur Leistungssteigerung geeignet schienen, sollen anschließend in der Praxis zum Einsatz gekommen sein.

Doping – politisch erwünscht

Eine Schlüsselfigur in der westdeutschen Dopinggeschichte spielte der Freiburger Sportmediziner Joseph Keul. Er habe sich zum Beispiel für den Einsatz anaboler Steroide im Leistungssport eingesetzt, trotz diverser Gefahren und Nebenwirkungen für die Sportler.

Einer der Gründe für den Einsatz von Dopingmitteln sei politischer Druck gewesen. Medaillen seien gewünscht gewesen – wie sie erkämpft wurden, spielte offenbar keine große Rolle. Auch die Sportler standen unter Leistungsdruck.

So sagte der Sprinter Manfred Ommer 1977 im Sportstudio des ZDF sinngemäß, das Publikum sei zwar gegen Doping, fordere von ihm als Sportler aber im Stadion Erfolge, also Medaillen.

Porträt des Sportmediziners Joseph Keul.

War für den Einsatz anaboler Steroide im Leistungssport: Joseph Keul

"Für jeden zugänglich"

Wie weit verbreitet Doping schon damals war, zeigt auch Ommers offene Aussage in der ZDF-Sendung: "Diese Mittel sind für jeden Athleten zugänglich. Wenn ich darauf verzichte, bin ich in einem Endlauf, wo acht Mann nebeneinander (laufen), vielleicht der Einzige, der diese Mittel nicht genommen hat. Und jetzt soll ich mir Gedanken darüber machen, dass ich hier einen Betrug begehe? Ich weiß doch von meinen Sprinterkollegen, dass fast alle diese Mittel nehmen!"

Viele Namen nicht genannt

Welche Sportler, Ärzte und Funktionäre konkret eine Rolle spielten, wurde übrigens nicht bekannt, viele Namen aus der Studie wurden nicht öffentlich. Einige von ihnen sollen noch heute aktiv sein, daher könnte es zu Klagen kommen.

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft, das die Studie in Auftrag gegeben hatte, war nicht bereit, den Wissenschaftlern Rechtsschutz zu gewähren. So wurde die Studie 2013 schließlich nur in einer gekürzten Version veröffentlicht. Eine konsequente kritische und lückenlose Aufarbeitung der Vergangenheit sieht anders aus.

Autorin: Katharina Bueß

Stand: 16.05.2017, 11:20

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