"Das Restrisiko klettert immer mit"

Portraitaufnahme von Natascha Knecht.

Extremsport

"Das Restrisiko klettert immer mit"

Von Frank Drescher

Im Sommer 2017 war unser Studiogast Natascha Knecht auf einer Klettertour in Graubünden. Zur selben Zeit verunglückte dort eine andere Seilschaft tödlich. Ein Gespräch über den Umgang mit dem Risiko.

Planet Wissen: Frau Knecht, Sie klettern selbst seit vielen Jahren auf Berge und im Winter auch zugefrorene Wasserfälle hinauf. Wie groß ist ihre Risikobereitschaft?

Natascha Knecht: Sehr klein. Wenn das Eis schlecht ist oder Steinschlaggefahr, dann gehe ich sicher nicht rein. Aber wenn die Bedingungen stimmen und ich mich gut vorbereitet fühle, erscheint mir das Risiko beherrschbar. Das Risiko zählt für mich auch gar nicht.

Sondern?

Das Erlebnis. Wenn ich einen Eisfall klettere oder im Sommer die Viertausender, macht mir das einfach Spaß: die Bewegung, die Umgebung, die Berge.

Sie waren kürzlich in der Nähe eines Unglücks. Wie sind Sie mit dem Wissen umgegangen, dass vor Ihnen am selben Berg Kletterer abgestürzt sind?

Ich war ziemlich durcheinander. So nah habe ich das noch nie erlebt. Als es passierte, waren wir bereits an einem Ort, an dem die Umkehr sehr mühsam gewesen wäre. Die Bergrettung hatte angeboten, dass sie uns ausfliegen. Wir waren zu dritt unterwegs. Das war auch keine enorm schwierige Tour für uns, aber das Restrisiko klettert ja immer mit.

Für mich persönlich stellte sich die Frage: Habe ich noch Lust, weiterzuklettern? Oder kann ich das jetzt noch, angesichts meines Schocks? Man fragt sich auch: Ist es pietätlos, in dem Moment über die Absturzstelle zu steigen? Ist es das morgen immer noch? Oder wie lang muss ich warten, bis es nicht mehr pietätlos ist? Denn die Leute sind tot, ich kann es nicht mehr ändern. Furchtbar!

Was sprach gegen den Hubschrauber der Bergrettung?

Das hätte viel länger gedauert. Und der Helikopter hätte dort nicht landen können. Das heißt: Die Bergretter hätten ein Seil mit der Winde heruntergelassen, an das man sich dann anhängt. Davor hatte ich noch mehr Respekt, als den Berg weiter hoch zu klettern und auf der anderen Seite wieder herunter.

Haben Sie auch Unfälle erlebt, bei denen Sie sich selbst verletzt haben?

Ja, ich habe mir in der Kletterhalle schon Arm und Bein gebrochen, aber am Berg in wirklich exponiertem, schwierigen Gelände nie. Da ist man einfach so konzentriert und fokussiert auf das, was kommt. Ich hatte auch schon Glück: Einmal habe ich vergessen, mich zu sichern beim Abseilen, das hätte auch grausam in die Hosen gehen können.

Nicht gesichert? Klingt gefährlich. Für alle Nichtbergsteiger: Was heißt das?

Wir sind auf einen Granitturm geklettert, 450 Meter Felswand über einem Gletscher in Frankreich. Dann mussten wir 15 Mal abseilen, das heißt: 15 Mal das Seil vom Klettergurt lösen, durchziehen, wieder einbinden, wieder eine Etappe von 30 bis 50 Metern hinunter, stundenlang.

Wir haben eine Selbstsicherung, die ist wie eine Nabelschnur vorn am Klettergurt. Und dann hänge ich die "Nabelschnur" mit einem Karabiner in den Sicherungshaken am Fels ein, und dann kann ich mich vom Seil lösen und das Seil herunterziehen und wieder einhängen, damit ich mich eine Stufe weiter abseilen kann. Und bei der letzten Abseilstelle habe ich einfach vergessen, mich mit der "Nabelschnur" zu sichern.

Das heißt: Unbewusst haben Sie da Freeclimbing gemacht?

So kann man es sagen. Ich habe da auf einem Felsband gestanden, schmaler als mein Fuß. Ich habe mich noch herausgelehnt, nach der Hütte geschaut, wo ich in Gedanken schon war, es war kalt, wir waren schon müde.

Erst da habe ich gemerkt: Whoa, ich bin gar nicht gesichert! Während unter mir noch einmal 50, 60 Meter waren. Ein Flüchtigkeitsfehler. Wir Alpinisten hatten schon alle mal großes Glück, nur gibt das kaum einer zu.

Wenn Sie betrachten, was Extremkletterer wie Thomas Bubendorfer oder der 2017 tödlich verunglückte Ueli Steck tun oder getan haben: Wie bewerten Sie das? Wenn die kein Seil benutzen, ist das Risiko ja volle Absicht.

Stürzen ist so oder so keine Option am Berg. Auch mit Seil ist eine Sicherung nicht immer möglich und ich kann meinen Partner mitreißen, oder er mich. Wenn ich ins Seil stürze, dann bin ich wahrscheinlich nicht tot, aber ich kann auch saublöd stürzen und das Bein ist kaputt oder ich stürze mit dem Gesicht in die Wand.

Aber ich würde nicht ohne Seil durch die Eiger Nordwand klettern, niemals. Der Ueli Steck hingegen hat gesagt, für ihn sei das die reinste Form des Kletterns, nur er und der Berg.

Extremkletterer Thomas Bubendorfer Planet Wissen 10.12.2019 02:16 Min. Verfügbar bis 10.12.2024 SWR

Ist es dann für Sie Leichtsinn, was Kletterer wie Thomas Bubendorfer oder Ueli Steck machen?

Nein. Leichtsinn wäre es, wenn ich das machen würde. Oder wenn Sie als Flachländer eine Tour machen müssten, die für mich ein mittleres Risiko ist. Und der Ueli oder der Herr Bubendorfer klettern noch so viel besser als ich. Beim Ueli hat leider die Statistik zugeschlagen. Was die beiden haben, was mir fehlt, ist die enorme mentale Stärke. Der Gehirnmuskel ist der wichtigste Muskel am Berg.

Es geht darum, nicht die Nerven zu verlieren?

Genau.

Sie kennen viele Extremkletterer. Hat der Tod von Ueli Steck deren Haltung zum Risiko verändert?

Sein Tod ist allen unter die Haut gegangen. Aber unter dem Strich wird jetzt keiner sein Risiko zurückschrauben. Ich glaube, wenn man einmal in dem Sog von diesem Profi-Klettererdasein ist, dann will man einfach zu den Besten gehören. Und dann muss man auch ein höheres Risiko eingehen.

SWR | Stand: 22.09.2017, 10:00

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