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Fußball-Weltmeisterschaft 2006

Kurz vor der Weltmeisterschaft 2006 herrschte in Deutschland noch Skepsis. Können die Deutschen überhaupt richtig feiern? Wie wird sich die deutsche Elf schlagen? Vier Wochen später waren alle Bedenken verflogen: Die WM war zu einem unvergesslichen Fest geworden.

Von Tobias Aufmkolk

Das Eröffnungsspiel: Erfolg mit Schönheitsfehlern

Ganz Deutschland fiebert am 9. Juni 2006 dem Eröffnungsspiel gegen Costa Rica entgegen. An diesem Abend wird sich zeigen, wo die deutsche Nationalmannschaft nach zwei Jahren ohne ernsthaftes Spiel steht. Die letzten Vorbereitungsspiele geben nicht gerade Anlass zu überschwänglicher Euphorie.

Das Spiel gegen die zweitklassigen Mittelamerikaner lässt sich auf einen Nenner bringen: Vorne hui, hinten pfui! Einem fulminanten deutschen Angriff steht eine wacklige Hintermannschaft entgegen.

Die Mannschaft aus Costa Rica kommt trotz deutscher Überlegenheit immer wieder zu Torchancen und kann sogar zwei Tore erzielen. Erst ein Traumtor von Torsten Frings zum 4:2 in der 87. Minute erlöst die zittrige deutsche Mannschaft.

Zur Standortbestimmung kann das Eröffnungsspiel noch nicht herhalten, zu viele Fragen sind offen geblieben. Kann die deutsche Abwehr sich im Verlauf des Turniers stabilisieren? Wird der deutsche Angriff gegen schwerere Gegner zu ähnlich vielen Chancen kommen?

Philipp Lahm schießt das erste Tor der WM | Bildquelle: Olivier Matthys/EPA/dpa

Die Vorrunde: Die Mannschaft stabilisiert sich

Bereits das nächste Spiel wird zum Gradmesser für das weitere Turnier. Die polnische Mannschaft steht mit dem Rücken zur Wand, hat sie doch überraschend ihr erstes Spiel gegen Ecuador mit 2:0 verloren. Dementsprechend kampfbetont wird die Partie von Anfang an geführt.

Die deutsche Mannschaft setzt die Polen kontinuierlich unter Druck und lässt kaum Chancen für die Osteuropäer zu. Einziger Schönheitsfehler: Es will einfach kein Tor fallen. Die deutschen Stürmer erweisen sich als Meister im Auslassen von Großchancen.

Doch die deutsche Mannschaft gibt nicht auf: In der Nachspielzeit schlägt der eingewechselte Flügelflitzer David Odonkor eine genaue Flanke vors Tor, und der ebenfalls eingewechselte Oliver Neuville grätscht den Ball über die Linie. Das 1:0 verwandelt das Dortmunder Stadion in ein Tollhaus – und die Dortmunder Innenstadt nach dem Spiel in eine einzige Partyzone.

Die Garanten des Erfolgs gegen Polen: David Odonkor und Oliver Neuville | Bildquelle: WDR/dpa/Michael Hanschke

Im letzten Vorrundenspiel geht es gegen Ecuador um den Gruppensieg. Der südamerikanische Trainer Luis Suárez scheint daran jedoch kein großes Interesse zu haben, er lässt zahlreiche Stammspieler auf der Ersatzbank.

Die ecuadorianische Elf ist von Anfang an mit den deutschen Stürmern überfordert. Miroslav Klose schießt bereits in der ersten Halbzeit zwei Tore, Lukas Podolski legt in der zweiten Halbzeit das 3:0 nach. Der Gruppensieg ist geschafft.

Das Achtelfinale: Überforderte Schweden rennen hinterher

Nach der Vorrunde liegt ganz Deutschland im Fußballtaumel, doch Bundestrainer Jürgen Klinsmann tritt auf die Euphorie-Bremse: Die schweren Brocken kämen erst jetzt. Achtelfinal-Gegner Schweden gilt als robuste und spielstarke Mannschaft. Wie ernst die deutsche Mannschaft die Schweden nimmt, kann man von der ersten Sekunde an sehen.

Durch aggressives Forechecking setzt sie die Schweden enorm unter Druck. Und die deutschen Stürmer erwischen einen Sahnetag: Bereits nach vier Minuten tankt sich Klose durch den schwedischen Strafraum, Keeper Isaksson kann den Schuss nur abklatschen und Podolski verwertet den Abpraller zum 1:0. Nach einem grandiosen Zusammenspiel der beiden deutschen Stürmer schießt Podolski schon in der zwölften Minute das 2:0.

Lukas Podolski schiebt ein: 1:0 nach vier Minuten | Bildquelle: Imago/ActionPictures

Die Skandinavier sind vollkommen überfordert vom schnellen Spiel der Deutschen. Dass es nur beim 2:0 bleibt, haben die Schweden allein ihrem Torwart zu verdanken.

Als die Schweden in der zweiten Halbzeit einen Elfmeter vergeben, ist die Partie gelaufen. Die Deutschen verwalten geschickt das Ergebnis, die Skandinavier haben nichts mehr entgegenzusetzen. Mit diesem Spiel rückt Deutschland in den Kreis der WM-Favoriten vor.

Das Viertelfinale: Lehmanns Spickzettel und schlagende Gauchos

Für viele Beobachter ist das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien ein vorweggenommenes Endspiel, treffen doch zwei der bisher überzeugendsten Mannschaften aufeinander. Doch das Spiel enttäuscht zunächst die Erwartungen: Die Südamerikaner bringen die deutschen Offensivbemühungen schnell zum Erliegen, sind im Gegenzug aber sehr auf Ballsicherung bedacht.

Die erste Halbzeit plätschert chancenarm vor sich hin. Kurz nach Wiederanpfiff gehen die Argentinier durch einen Kopfball von Ayala in Führung. Die deutsche Mannschaft ist geschockt und erholt sich nur schwer von dem Rückstand.

Das verleitet den argentinischen Trainer José Pekerman zu einem folgenschweren Fehler: Im Gefühl des sicheren Sieges wechselt er mit Spielmacher Riquelme und Stürmer Crespo zwei sichere Elfmeterschützen aus, die ihm am Ende fehlen werden.

Klinsmanns Auswechslungen machen sich dagegen bezahlt: Mit David Odonkor und Tim Borowski wird die deutsche Elf gefährlicher. Und zehn Minuten vor Schluss köpft Klose tatsächlich den Ausgleich.

Die fällige Verlängerung verläuft ohne große Höhepunkte, das Elfmeterschießen muss entscheiden. Es schlägt die Stunde von Jens Lehmann - und seinem Spickzettel, auf dem alle argentinischen Elfmeterschützen und deren Vorlieben notiert sind.

Der Zettel scheint zu wirken. Während alle deutschen Schützen treffen, hält Lehmann zwei Elfmeter. Deutschland schlägt zum ersten Mal seit Jahren eine der großen Mannschaften des Weltfußballs.

Jens Lehmann wird zum Helden im Viertelfinale | Bildquelle: WDR/Imago/ActionPictures

Nach dem Spiel erweisen sich die Argentinier als schlechte Verlierer. Ersatzspieler Cufré tritt Per Mertesacker in den Unterleib, im anschließenden Tumult lässt sich der überragende Torsten Frings zu einem Faustschlag hinreißen, der ihm eine Sperre für das Halbfinale einbringt. Ein folgenschwerer Verlust für die deutsche Mannschaft.

Das Halbfinale: Defensivfußball auf höchstem Niveau

Die deutsche Mannschaft tritt zum Halbfinale mit breiter Brust an, hat sie doch im Viertelfinale die vermeintlich beste Mannschaft aus dem Turnier geworfen. Die Italiener haben dagegen bisher nicht überzeugt.

Viele Experten sprechen nach dem Halbfinale vom besten Spiel des Turniers. Doch das hohe taktische Niveau beider Mannschaften sorgt auch dafür, dass nur wenige spektakuläre Szenen zu sehen sind. Das Spiel lebt allein von der Spannung, dass ein einziges Tor voraussichtlich das ganze Match entscheiden wird.

Die Angriffsbemühungen beider Mannschaften werden meist von den starken Abwehrreihen im Keim erstickt. Chancen in der regulären wie in der Nachspielzeit sind auf beiden Seiten Mangelware. Als sich beide Teams schon auf das Elfmeterschießen einzustellen scheinen, hat der italienische Spielmacher Andrea Pirlo einen Geistesblitz: Er schießt nicht aufs Tor, sondern steckt den Ball auf den überraschend auf der rechten Seite auftauchenden Linksverteidiger Fabio Grosso durch. Der zieht ab und überwindet Lehmann mit einem präzisen Schuss ins linke Eck.

Da ist es passiert: Jens Lehmann muss zum ersten Mal im Halbfinale hinter sich schauen | Bildquelle: AFP/Aris Messinis

Die deutsche Mannschaft ist schockiert, eine Minute vor Schluss kann sie nicht mehr zurückschlagen. Im Gegenteil: Italien legt in der Nachspielzeit das 2:0 nach. Der Traum vom Finale im eigenen Land ist ausgeträumt. Italien ist Dank der besten Abwehr und einem genialen Moment ins Finale vorgestoßen, wo es schließlich Frankreich im Elfmeterschießen bezwingen wird.

Spiel um den 3. Platz: die "Schweini"-Gala

Das Spiel um den dritten Platz ist für viele nur noch der Kampf um die "goldene Ananas". Für die deutsche Mannschaft ist es jedoch die Möglichkeit, sich mit einem weiteren Galaauftritt würdig aus dem Turnier zu verabschieden und sich für die überschäumende Stimmung im Land zu bedanken. Dementsprechend engagiert geht sie zur Sache.

Nach einer müden ersten Halbzeit gegen ziemlich unmotiviert wirkende Portugiesen wird die zweite Halbzeit zu einer Galastunde des Bastian Schweinsteiger. Im Verlauf des Turniers nicht besonders aufgefallen, feuert er nun aus allen Lagen. Zwei Tore schießt der spielfreudige "Schweini" selbst, ein weiterer Schuss wird von einem Portugiesen ins eigene Tor gelenkt. Portugals Anschlusstreffer ist nur noch Ergebniskosmetik.

Drückt dem Spiel um den dritten Platz seinen Stempel auf: Bastian Schweinsteiger | Bildquelle: Imago

Die Zuschauer in Stuttgart sind aus dem Häuschen, sie feiern ihre Mannschaft, als sei sie Weltmeister geworden. Der überragende Oliver Kahn, der noch einmal im Tor stehen durfte, spricht den Tränen nahe von einem der größten Momente seiner Karriere. Und das Stuttgarter Publikum findet einen passenden Slogan für die deutsche Mannschaft der vergangenen vier Wochen: "Weltmeister der Herzen"!

(Erstveröffentlichung 2007. Letzte Aktualisierung 13.06.2018)