Deutsches Fußballmuseum

Spielball des WM-Finales 1954.

Fußballgeschichte

Deutsches Fußballmuseum

Es ist ein Museum für den beliebtesten Sport der Deutschen: den Fußball. In Dortmund hat das Deutsche Fußballmuseum seine Pforten geöffnet. Jedes Jahr soll es Hundertausende von Menschen in die Stadt locken. Der Historiker Dennis Grunendahl ist einer der Ersten.

Die ersten Schritte durchs Fußballmuseum

Ein Wallfahrtsort für Fußballfans – so bewirbt der Geschäftsführer Manuel Neukirchner das Deutsche Fußballmuseum. Klotzen, nicht kleckern! Was aber, wenn er damit Recht hat?

Seit 1990 bin ich dem Fußball verfallen. Damals schoss Thomas Häßler die Nationalmannschaft mit seinem Last-Minute-Freistoß zur Weltmeisterschaft nach Italien. Und mir schenkte er damit meinen ersten Fußballsommer.

Deutschland setzte sich unter anderem gegen die Niederlande, England und Argentinien durch. Wir Kinder spielten anderntags auf dem Bolzplatz die Partien nach. Rijkaard gegen Völler, Illgner gegen Pearce und schließlich Buchwald gegen Maradona.

Etwas nervös bin ich schon, als ich das Museum betrete. Bietet es das, was ich mir davon verspreche?

Mein Blick schweift durch die große Halle mit den Säulen und riesigen Glasscheiben. Sie wirkt zeitlos wie der Fußball. Das passt! Hier ist genug Platz für Sonderausstellungen oder einen Dribbelparcours. Interaktiv, nette Idee. Hinten sehe ich noch einen Reisebus, dessen Anblick mir die Größe des Gebäudes bewusst macht.

"Hier geht es lang", sagt die Dame am Empfang und deutet auf die Rolltreppe. Sie trägt Blau-Weiß. In Dortmund. Ich bin entsetzt! Erst jetzt sehe ich: Das gesamte Personal trägt Blau-Weiß. Die Farben stehen aber für Internationalität – und nicht für Schalke. Es geht hoch.

Rechts blicke ich durchs Fenster, links sehe ich zig Zeichnungen von Fans, vor allem von Bayern München – am liebsten würde ich wieder umkehren.

Porträt des Autors Dennis Grunendahl

Über den Autor: Dennis Grunendahl ist Historiker, Fußballfanatiker und -trainer

So viel Fußball

Ich bleibe. In den kommenden vier Stunden schalte ich alles aus, was mir mein gesunder Menschenverstand diktiert. Der Eintrittspreis von 17 Euro – vergessen! Die Verschiebung des Eröffnungstermins – egal! Die jüngsten Gerüchte um schwarze Kassen beim DFB – geschenkt! Das penetrante Sponsoring – was soll's!

Es gibt nur noch eins: Fußball, und das satt.

Wie ein Kind, das nach Ostereiern sucht, renne ich durch die Ausstellung. Ich schwelge in Erinnerungen an meine Jugendhelden, ich fachsimple mit Gleichgesinnten über Trikotfarben in den Zeiten des Schwarzweiß-Fernsehens, ich führe eine heftige – wenn auch nur in meinen Kopf stattfindende – Diskussion mit Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel über die wahre Top-Elf der neunziger Jahre.

Ich analysiere Spielsituationen, bewerte Schiedsrichterentscheidungen, amüsiere mich über vergebene Torchancen, singe mit Udo Jürgens, Michael Schanze und Peter Alexander die WM-Hits der siebziger und achtziger Jahre, und frage mich, warum der Brauch der singenden Nationalmannschaften überhaupt abgeschafft wurde.

Die nächste Aufnahme zeigt Matthäus, Effenberg und Basler gemeinsam mit den Village People. Ich sehe ein – es war wohl besser so! Die Zeiten ändern sich. Die Erkenntnis beendet meinen Entertainment-Rausch und ich schalte meinen Kopf ein.

Das Deutsche Fußballmuseum von außen.

Das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund

Fußball zum Anfassen – aber auch zum Lernen?

Habe ich eigentlich schon etwas Neues gelernt? Klar: Den WM-Ball von 1954 sieht man nicht alle Tage aus der Nähe, gleiches gilt für den Römer Elfmeterpunkt von 1990. Es ist auch spannend, die Fußballschuhe von Timo Konietzka, Mario Götze und Lothar Matthäus aus kurzer Distanz zu sehen.

Aber: Dass sie alle keine großen Schuhe trugen, dass bei Matthäus eine Stolle locker war, weshalb Andi Brehme an seiner Stelle zum Strafstoß gegen Argentinien antrat – das wusste man ja eigentlich schon vorher.

Ich verändere meine Erkundungsmethoden, lasse mich nicht mehr vom Blendwerk ablenken, sondern mache mich gezielt auf die Suche nach Dingen, die mir fremd sind.

Eigentlich kann das ja nicht viel sein: Ein digitales Quiz über die Geschichte der Nationalelf weist mich als Experten aus. Und der Sepp-Herberger-Computer kürt mich zum "Fußball-Philosophen". Aber auch ich muss hier doch was lernen können!

Die Pirsch beginnt. Ich bewege mich nun langsamer, gezielter. Und tatsächlich: Die Ausstellung hat noch eine andere Ebene.

Eine, bei der es etwa um die NS-Entlastung eben jenes Sepp Herberger geht, bei der ich Dokumente aus den Zeiten der deutschen Teilung sehe – und bei der auch der Fußball aus den unteren Klassen angesprochen wird.

Auf einmal fühle ich mich nicht mehr wie ein Experte. Im Gegenteil: Ich erkenne, dass ich ziemlich wenig weiß; und dass dieser Fußball-Kosmos noch so viel mehr für mich bereithält!

Miniatur des Olympiastadions in Rom.

Stadion in Miniatur: Nachstellung des WM-Finales 1990 in Rom

Zu viel Fußball – geht das überhaupt?

Ich überprüfe meine Hypothese und mache den Wissenstest erneut. Von den fünf Fragen kann ich diesmal nur noch drei beantworten. Im nächsten Quiz nur noch zwei.

Auch beim Schiedsrichtertest am anderen Ende der Ausstellung schneide ich ziemlich mies ab. Ich bin verwirrt. Kann es tatsächlich am Selbstbewusstsein liegen, dass ich durch einen Fußballtest falle? Das ist doch mein Fachgebiet!

Es muss die Überdosis sein. Vielleicht hatten meine Eltern, Lehrer und Freunde recht: Es gibt tatsächlich so etwas wie einen Fußball-Overkill. 1600 Exponate, 25 Stunden Videomaterial, dazu jede Menge Begleittexte. Wie soll das alles in meinen Kopf?

WM 2014: der Mannschaftsbus der deutschen Nationalelf.

Ein letztes Highlight: der Mannschaftsbus

Noch einmal steigt der Puls

Ich beschließe zu gehen. Die Treppe hinunter komme ich wieder in die große Eingangshalle. Verdammt, der Bus! Erst jetzt verstehe ich, was es mit dem Bus auf sich hat, den ich vorhin nur aus der Ferne gesehen habe.

Das ist tatsächlich das Ding, mit dem die WM-Helden vor 15 Monaten durch Brasilien gefahren sind. Da muss ich rein! Und da ist er schon wieder, dieser Rausch.

Ich stürze mich förmlich auf den Hummels-Platz und reiße mein Handy zum Selfie in die Höhe. "Keine Fotos bitte!", sagt die Dame, die mir am Eingang den Weg gewiesen hatte. Typisch Schalke, denke ich und mache mich auf den Heimweg.

Ein Videoball mit Aufnahmen der Nationalelf

Ein Videoball mit Aufnahmen der Nationalelf

Autor: Dennis Grunendahl

Stand: 19.01.2016, 09:28

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