Sport, Musik und Mode: Skaten als Jugendkultur

Skater in Kuala Lumpur.

Skaten

Sport, Musik und Mode: Skaten als Jugendkultur

Springen, rutschen, rollen – das Rumgetrickse auf dem Board ist für viele vor allem ein Sport. Aber das Skaten ist es mehr als das: Es ist ein Lebensgefühl. Und das will gezeigt werden, etwa mit einer Röhrenjeans, einem T-Shirt mit dickem Aufdruck und bequemen Skaterschuhen. Und auch die Kopfhörer sind mehr als ein Accessoire. Sie liefern die passende Musik. Die einen bevorzugen Hiphop, die anderen Punk und Hardcore. Der Skaterstil ist inzwischen in der Gesellschaft angekommen. Aber Mainstream und Rebellentum – wie passt das zusammen?


Skatermode sollte vor allem praktisch sein

Natürlich ist es beim Skaten wichtig, dass ein Skater ein paar Tricks beherrscht und dass er einen gewissen Style hat, wenn er auf dem Brett steht. Wie er aussieht und was er trägt, ist aber auch nicht unwichtig.

Früher gewann der Pragmatismus: Da Vans robuste Schuhe mit einer sehr abriebfesten Sohle produzierte, die noch dazu sehr günstig waren, trugen die revolutionären Skater der Siebziger eben Vans.

Später zogen sie auch Baggy Pants an. Je weiter die Hose, je tiefer der Schritt, desto besser. Damit wollte man verhindern, dass das Brett bei einem missglückten Trick schmerzhaft in den Schritt traf.

Auch der Hang zu eigentlich zu großen XXL-Klamotten soll aus einem Schutzbedürfnis heraus entsprungen sein: Je mehr Stoff man trägt, desto weniger nackte Haut kann man beim Sturz aufschürfen.

Mode trägt zur Szene-Identifikation bei

In den 1980er Jahren etablierten sich immer mehr kleine Skateboard-Firmen, die neben Boards und Zubehör auch Schuhe und Kleidung produzierten. Für die großen Konzerne war der Skatermarkt noch nicht interessant, also schuf sich die Szene ihre eigenen Strukturen.

Diese Unabhängigkeit vom Massenpublikum und das Gefühl der Eigenständigkeit prägen die Szene bis heute. Wer skatete, war Mitglied eines besonderen Clubs, und viele Skater waren insgeheim stolz auf diesen Außenseiterstatus. Und zur Identifikation mit der Szene nach innen und nach außen gehörten auch der Look und die Klamotten: Wer welche Marke trug und somit unterstützte, war ebenso wichtig wie die Bands, die jemand hörte.

Das ist inzwischen anders: Skaterwear ist salonfähig geworden. Sportmarken wie Nike, Adidas oder Puma haben die Skater und jene, die gerne Skater wären, als Zielgruppe erkannt. Die Hersteller greifen die Trends von der Straße auf und machen ein Geschäft damit.

Immer mehr Jugendliche (und auch Erwachsene) tragen Skater-Klamotten oder integrieren Elemente davon in ihr Outfit, ohne direkt Teil der Szene zu sein. Sie drücken damit ihre Sympathie mit der Skaterkultur aus oder benutzen die Schuhe von Vans und Pullis von Carhartt, um cool, frisch und jung zu wirken – oder um sich so zu fühlen.

2010 wurde nach Schätzungen der Financial Times bloß ein Zehntel der Umsätze im Skateboard-Bereich mit Hardgoods erwirtschaftet, also mit Brettern, Rollen, Achsen und Tapes. Das meiste verdienen die Hersteller an den Softgoods, das heißt mit Schuhen und Klamotten.

Skater mit Dreadlocks in Halfpipe.

Skaten, aber bitte mit Stil

Skatepunk – der Sound zum Sport

Doch die Mode ist nur ein Element der Skatekultur. Auch die Musik, die man beim Skaten hört und damit assoziiert, spielt eine wichtige Rolle. Um ihr Rebellentum und ihre Andersartigkeit zu demonstrieren, hören viele Skater gerne Punkrock und Hardcore: Musik, die ebenfalls aus der Subkultur kommt und wunderbar dazu taugt, sich von seinen Mitschülern abzugrenzen und die Eltern und Lehrer vor den Kopf zu stoßen.

In den 1980er Jahren entstand sogar ein neues Musikgenre, der Skatepunk. Es überrascht nicht, dass die meisten Bands dieses Genres aus Kalifornien stammten, der Heimat des Skateboardens.

Schnelle Rhythmen, harte, laute Gitarren und Songs, die von den Alltagsproblemen meist junger Menschen handeln, bildeten den Soundtrack unzähliger Skatevideos. Bands wie NOFX, Bad Religion, Sick Of It All oder Pennywise waren immer im Ghettoblaster mit dabei, wenn sich ein paar Jugendliche zum Shredden trafen, zum Tricksen auf dem Skateboard.

Tatsächlich gibt es auch personelle Überschneidungen mit der Skaterszene. So ist Suicidal-Tendencies-Sänger Mike Muir der kleine Bruder von Jim Muir, der schon im Skaterteam der legendären Z-Boys mitmischte. Mit "Possessed To Skate" ("Besessen vom Skaten") schrieben die Suicidal Tendencies quasi die Nationalhymne der Vereinigten-Skater-Staaten.

Bei den U.S. Bombs stand mit Duane Peters ein ehemaliger Spitzenprofiskater am Mikro, und auch in Deutschland gab es einen bemerkenswerten Seitenwechsel: Claus Grabke, in den 1980er Jahren der beste und auch international bekannteste deutsche Skater, sorgte mit den Bands Eight Dayz und Thumb für Furore in Alternative-Rock- und Crossover-Kreisen.

Rocksänger Claus Grabke.

Vom Skater zum Sänger: Claus Grabke

Warped Tour: Harte Klänge, hohe Sprünge

Wie in der Skaterszene Sport, Musik und Mode verschmelzen, lässt sich seit 1995 exemplarisch bei der Warped Tour beobachten. Jedes Jahr im Sommer setzt sich ein riesiger Tross aus Skatern, BMX-Fahrern und Musikern in Bewegung und geht mehrere Wochen zusammen auf Festivalreise durch die USA.

Die Skater können auf Halfpipes und Street Parcours ihre Fähigkeiten zeigen, während auf mehreren Bühnen den ganzen Tag über Bands spielen. Ähnlich wie bei den Skate-Wettbewerben wird die Reihenfolge der Bands ausgelost, jeder bekommt annähernd gleich viel Zeit und die gleichen Bedingungen gestellt.

Dazu kommen Stände von Skateboardherstellern und Modelabels, Tätowierern und gemeinnützigen Organisationen, so dass ein gewisses Flohmarktflair herrscht – mit ziemlich lauter Musik. Die stammte am Anfang zunächst meist aus dem Hardcore- und Punk-Bereich, inzwischen ertönen auch Metal, Reggae, Ska und Pop.

Trotz der Millionenumsätze, die die Warped Tour inzwischen einbringt, versuchen die Veranstalter, sich und den Idealen der Subkultur treu zu bleiben. So spielen ökologische Aspekte eine große Rolle auf den Festivals: Die Veranstalter legen viel Wert auf Recycling und Umweltschutz, betreiben Generatoren mit Biodiesel und haben eine Bühne, die vollständig mit Solarmodulen betrieben wird.

Publikum beim Musik-Festival Warped Tour.

Die Warped Tour vereint Skater und Punkrocker

Eine Jugendkultur, die bleibt

Wie in anderen Jugendkulturen, die teilweise vom Mainstream vereinnahmt werden, rührt sich auch im Skaterlager immer mal wieder Protest: Traditionalisten und Vertreter der reinen Lehre beklagen Ausverkauf und Kommerzialisierung – Vorwürfe, die auch die Veranstalter der Warped Tour zu hören bekommen. Die Kritiker vermissen die Exklusivität und die Möglichkeit, sich von anderen abzugrenzen. Sie fordern die Rückbesinnung auf die Werte von einst, ohne diese genau definieren zu können.

Das Problem, dass die Szene zu groß geworden ist, dürfte sich allerdings von selbst lösen. Denn ein Blick in die Vergangenheit zeigt: In den vergangenen Jahrzehnten hat das Skaten zwar viele Boomphasen erlebt, aber eben auch Durststrecken, in denen Gesundschrumpfungsprozesse stattfanden.

Ganz verschwinden dürfte das Skaten allerdings nicht mehr so schnell. Seine Langlebigkeit hat der Sport schon bewiesen. Seit mehr als 40 Jahren entdecken immer wieder neue Generationen den Reiz, sich auf vier Rollen eine Rampe runterzustürzen oder ein Geländer entlangzuschlittern.

Und weil Skaten so viel Zeit und Übung erfordert, bis man es halbwegs raushat, fühlen sich die Skater ihrem Sport und der Szene sehr verbunden. Für viele gilt: Einmal Skater, immer Skater.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 19.06.2018, 11:22

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