Interview mit einer Sterbebegleiterin

Zwei Hände.

Sterben

Interview mit einer Sterbebegleiterin

Wie ist das, wenn man den Tod in seinen Alltag lässt, statt ihn weit wegzuschieben? Inge Kunz ist eine von etwa 80.000 Ehrenamtlichen, die sich bundesweit in der Hospizbewegung engagieren. Von 2001 bis 2011 war sie Bundesvorsitzende der überregionalen Vereinigung Omega, die sich 1985 als eine der ersten dieser Art gegründet hatte. Seit 1987 gibt es die Bocholter Omega-Gruppe, pro Jahr kümmern sich rund 50 ehrenamtliche Sterbebegleiter um etwa 100 todkranke Menschen und deren Angehörige.

Planet Wissen: Viele Menschen schieben das Sterben und den Tod gerne ganz weit von sich weg. Wie kamen Sie dazu, Menschen beim Sterben zu begleiten?

Porträt Inge Kunz.

Inge Kunz ist Sterbebegleiterin

Inge Kunz: Als die Omega-Gruppe in Bocholt gegründet wurde, hatte ich mich bereits mit der damaligen Euthanasie-Diskussion auseinandergesetzt. Ich war darüber empört, dass wir wieder anfingen, Leben zu bewerten. Außerdem waren damals die Bedingungen der Schmerztherapie für Sterbende nicht optimal, weil intensiv-medizinische Behandlungen und lebenserhaltende Maßnahmen im Vordergrund standen.

Hinzu kam, dass ich den Gründer der Bocholter Omega-Gruppe kannte – als diese dann per Zeitungsanzeige Mitarbeiter für den Telefondienst suchte, war mir klar: Das ist es. Ziemlich schnell habe ich mich dann auch inhaltlich eingebracht und mich ehrenamtlich als Sterbebegleiterin engagiert.

Erinnern Sie sich an den ersten Menschen, den Sie begleitet haben?

Das war eine ältere Dame im Krankenhaus und es war absehbar, dass sie bald sterben würde. Ich kann mich noch sehr gut an sie erinnern, vor allem auch an meine Unsicherheiten: Sie hatte besondere nervliche Reaktionen und wenn man sie berührte, empfand sie das oft als Schmerz.

Ich dachte, es sei gut, wenn ich ihre Hand nahm – sie zog sie aber sofort weg, weil ihr die Berührung wehtat. Da habe ich gelernt, dass man seine Hand unterschiebt. Der andere kann dies als Angebot annehmen oder auch nicht.

Meine Ideen von einem guten Sterben entsprachen also nicht den Wünschen dieser Frau – ich musste erst lernen, dass das, was ich fühle, überhaupt nicht mit dem übereinstimmen muss, was Schwerkranke fühlen.

Ich habe aus diesem Erlebnis die Erkenntnis mitgenommen, dass man mit einer großen Vorsicht und Achtsamkeit auf Menschen zugehen muss, um genau zu spüren, was sie wollen. Das ist das A und O in der Sterbebegleitung: Im Zentrum stehen die Bedürfnisse der Sterbenden, nach denen wir uns richten müssen.

Sterbebegleitung – das ist so ein abstraktes Wort. Was machen Sie konkret?

Es gibt unterschiedliche Arten der Unterstützung in der Sterbebegleitung, ausgerichtet an dem, was Sterbende und ihr Umfeld brauchen: Besuchs- und Präsenzdienste, Fahrdienste, Hilfe bei Behördengängen und vieles mehr.

Der größte Teil besteht aus Besuchs- und Präsenzdiensten: Im Präsenzdienst, den wir in etwa zwei Drittel der Fälle leisten, sind die zu Begleitenden meist nicht mehr ansprechbar, aber sie brauchen die Sicherheit, dass jemand da ist.

Wir leisten keine medizinische Versorgung oder Pflege, aber natürlich geben wir den Sterbenden etwas zu trinken oder rufen den Arzt oder eine Pflegekraft, wenn es notwendig ist. Mit diesem Dienst entlasten wir die Angehörigen, die sich in dieser Zeit vielleicht selbst erholen können.

Beim Besuchsdienst, den wir in rund einem Drittel aller Fälle leisten, sind die Menschen bei Bewusstsein und leben noch ihren Alltag. Dann machen wir das, was diese Menschen gerne möchten: Wir lesen vor, gehen oder fahren mit ihnen spazieren oder spielen mit ihnen.

Manchmal wird von uns gewünscht, nur da zu sein und die Klappe zu halten. Das ist schwer auszuhalten, denn ich will ja trotzdem etwas Hilfreiches anbieten und tun. Das ist dann schon eine Gratwanderung.

Was tun Sie, wenn Sie merken, dass ein Mensch stirbt, während Sie da sind?

Ich bin dann sehr aufmerksam. Wenn ich merke, dass sich die Atmung verändert, sage ich schon mal: "Was haben Sie jetzt vor? Machen Sie sich auf den Weg?" Die Atmosphäre im Raum wird aber vor allem durch die Bauch-zu-Bauch-Kommunikation bestimmt. Das ist ein Moment jenseits der Zeit und jenseits der Worte. Diese Intensität bedeutet für mich eine Ahnung von Ewigkeit.

Grablicht.

"Eine Ahnung von Ewigkeit"

Wenn jemand gestorben ist – gehen Sie dann mit einem traurigen Gefühl nach Hause?

Ich bin dann auch traurig, aber nicht nur. Es ist auch so etwas wie eine Entspannung, es ist eine Entscheidung – es ist, was es ist. Meistens fahre ich dann mit dem Fahrrad nach Hause und habe es nicht gerne, wenn jemand mitkommt. Ich möchte dann noch mal vertieft hineinfühlen, wie die letzten Stunden gewesen sind.

Haben Sie eine besondere Beziehung zu jedem Sterbenden, den sie begleiten?

Ja, das ist immer eine andere besondere Beziehung. Wenn ich mit einem Menschen viel zu tun hatte oder er mir auf eine bestimmte Art besonders sympathisch war, wächst er mir natürlich ans Herz. Eine Frau in einem Pflegeheim war 96, als sie sagte, sie wolle bei einer Lungenentzündung keine Antibiotika bekommen.

Nach einem Gespräch hatte sie es sich dann anders überlegt und sagte: "Ach ne, ich will doch noch nicht sterben, ich kann lange genug tot sein." Das war ein schöner Spruch. Wir haben sie dann im Besuchsdienst betreut, mit ihr Karten gespielt. Nach einem halben Jahr ist sie gestorben. Diese Frau ist mir sehr gut in Erinnerung geblieben.

Betreuen Sie Sterbende nur zu Hause oder im Krankenhaus?

Nein, Omega hat seit 1993 im Bocholter Pflegeheim "Haus zum guten Hirten" ein stationäres Hospiz mit zwei Hospizzimmern, in denen wir uns jährlich um rund 30 Sterbende kümmern. Die Palliativkräfte des Heimes leisten Pflege, die medizinische Versorgung wird durch einen niedergelassenen Arzt gewährleistet, und Omega sorgt für die psychosoziale Betreuung.

Begleiter greift Hand eines Sterbenden.

Hilfe auf dem letzten Weg

Dieses Konzept ist recht außergewöhnlich: Von den rund 200 stationären Hospizen, die es bundesweit gibt, sind die meisten eigenständige Hospizhäuser. Das außergewöhnliche Modell in Bocholt bietet die Möglichkeit, dass die Hospizgäste innerhalb des Wohn- und Pflegeheimes sowie in ihrem sozialen Umfeld zu Ende leben können.

Welche Fähigkeiten müssen Sterbebegleiter mitbringen?

Sie müssen Mensch sein. Sie müssen respektvoll und achtungsvoll sein, sie müssen Offenheit mitbringen, eine besondere Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Schön wäre auch, wenn Begleitende den zu Begleitenden signalisieren könnten: Auch ich habe etwas davon, dass ich hier bei dir bin.

Das macht für den, der stirbt, Sinn. Er ist nicht nur Empfänger, sondern er kann auch etwas geben. Bei Omega werden die Sterbebegleiter im Vorfeld umfassend informiert, besuchen Grundkurse und weiterführende Veranstaltungen, die für sie kostenlos sind.

Ist es nicht sehr belastend, wenn man sich wie Sie ständig mit Tod und Trauer beschäftigt? Woher nehmen Sie die Kraft für die Sterbebegleitung?

Aus den Begleitungen. Wenn man sieht, wie sehr man den Sterbenden auf ihrem letzten Weg helfen kann, gibt das Kraft. Außerdem macht es reich, wenn man so viel Vertrauen von den Menschen bekommt, dass sie mit mir ihren letzten Weg gehen - etwas Größeres kann mir nicht passieren. Und etwas mitbekommen von einem Leben, das ich sonst nie kennenlernen würde, das bereichert mich ungemein. Diese Erfahrungen helfen einem zu unterscheiden, was wesentlich ist und was nicht.

Interview: Irina Fernandes

Stand: 11.09.2013, 13:00

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