Ohne Familie weiterleben – "Was bleibt, ist die Liebe"

Gast Barbara Pachl-Eberhart

Trauer

Ohne Familie weiterleben – "Was bleibt, ist die Liebe"

Von Andrea Böhnke

Am 20. März 2008 verlor Barbara Pachl-Eberhart durch einen Verkehrsunfall ihren Mann Heli und ihre beiden Kinder. Sie war damals 34. An einem unbeschrankten Bahnübergang fuhr ein Zug in das Familienauto. Heli starb noch am Unfallort. Wenige Tage später erlagen auch der sechsjährige Thimo und die 22 Monate alte Fini im Krankenhaus ihren Verletzungen.
Über diesen Schicksalsschlag – Barbara Pachl-Eberhart nennt es Schicksalswendung – hat die Österreicherin zwei Bücher geschrieben. In ihrem aktuellen Buch "Warum gerade du?" beantwortet sie die großen Fragen der Trauer.

Planet Wissen: 2008 sind Ihr Mann und Ihre beiden Kinder durch einen Unfall gestorben. Wie haben Sie überlebt?

Barbara Pachl-Eberhart: Das war die einzige, allergrößte und radikalste Überraschung – dass ich überlebt habe. Das habe ich mir nicht ausgesucht und das habe ich zuerst auch nicht selbst gemacht, sondern das ist mir einfach passiert. Ich bin weder in Ohnmacht gefallen, noch hat sich die Erde plötzlich in Schwarz gefärbt und nichts war mehr da. Das Leben ist so seltsam normal weitergegangen.

Ich stand auf einem Supermarktparkplatz und habe meinen Einkaufswagen ausgeladen. Und dann kam dieser Anruf. Das einzig Logische erschien mir in diesem Moment, den Einkaufswagen weiter auszuladen. Man lebt und das ist das, was einen zuerst einmal weiterträgt. Man atmet weiter, man steigt ins Auto und dreht den Zündschlüssel um. Es geht einfach erst einmal weiter.

Über einem Feld geht die Sonne auf.

Eine Erkenntnis in der Trauerphase: Der Körper will leben

Würden Sie sagen, dass Sie ein Urvertrauen ins Leben haben? Nicht darin, dass alles gut wird, sondern dass es eben irgendwie immer weitergeht?

Auf jeden Fall, ja. Ein Teil dieses Urvertrauens ist auch die Erfahrung, dass ein Körper selbst weiterleben will: Der will einschlafen, der wacht auch wieder auf, der hat Hunger, der will sich irgendwann die Zähne putzen. Das sind diese winzig kleinen Schritte, durch die man merkt: Ja, das muss ich jetzt tun und dann geht's schon wieder irgendwie weiter.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, dass das Leben – oder eben auch der Tod – eine Frage von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist?

Nein, das habe ich mir nie so gedacht. Gerechtigkeit ist immer ein Hin und Her: Wenn etwas Gutes passiert, dann muss auch etwas Schlechtes passieren. Und wenn etwas Schlechtes passiert, dann muss nachher auch etwas Gutes passieren.

Ich habe erlebt, dass im Schlechten gleichzeitig auch das Gute enthalten ist. Zum Beispiel als ich bei meinen Kindern im Krankenhaus war: Man kann sich nichts Schlechteres vorstellen, als dass die eigenen Kinder hirntot auf der Intensivstation liegen und man weiß, sie müssen sterben. Im selben Moment – nicht als ausgleichende Gerechtigkeit später – habe ich dieses Schöne gespürt, diese Liebe, fast schon diesen Hauch von Ewigkeit. Ich hatte dieses Gefühl von "Es ist gut".

Deswegen würde ich den Begriff der Gerechtigkeit eher mit Gnade übersetzen. Die Gnade, dass in allem immer beides enthalten ist.

Hinweisschild in einem Krankenhaus: Rettungsstelle, Erste Hilfe und Intensivstation.

Barbara Pachl-Eberharts Kinder starben im Krankenhaus

Wir empfinden Trauer in der Regel negativ. Sie schreiben der Trauer aber auch eine transformierende Kraft zu. Was kann Trauer verändern?

Trauer kann uns vor allem helfen, die Konzepte, die wir von uns selbst und vom Leben haben, abzulegen. Trauer ist für mich wie ein Prozess des Kleiderablegens und des sich in gewisser Weise Nacktmachens vom Leben. Ich hatte so viele Pläne, ich hatte mir so viel ausgedacht, was Glück für mich heißt und in welcher Form ich Glück haben will.

Trauer kann uns helfen, diese Bilder, die wir uns gemacht haben, abzulegen. Durch sie können wir erkennen, dass das Glück jenseits aller Bilder oder dass der Sinn des Lebens jenseits aller Konzepte da ist und sich immer wieder neu erfüllt.

Trauer zeigt uns, was uns wichtig im Leben ist - abseits von der äußeren Form. Zum Beispiel Liebe: Wenn uns ein Mensch weggenommen wird, den wir lieben, dann ist zwar der Mensch weg. Aber was bleibt, ist die Liebe.

Zu erkennen, was alles bleibt und eine Art Inventur zu machen, das ist die Aufgabe der Trauer.

Weißer Stein mit der Aufschrift: "Liebe, Stille, Erinnerung".

Die Liebe bleibt auch nach dem Tod

Hat Ihnen bei dieser Inventur auch Ihr früherer Beruf als Clown geholfen?

Ja, ganz bestimmt. Das ist für mich die große Lebensschule gewesen. Vor allem, weil wir als Clowns täglich geübt haben, Situationen so anzunehmen, wie sie sind. Das ist das, was den Clown ausmacht. Er schimpft nie auf die Probleme, die er hat. Er sagt nie: "Ach Mann, muss mir das jetzt schon wieder passieren?", sondern er akzeptiert es und er geht damit um.

Deshalb hatte ich in meinem Prozess der Trauer wahrscheinlich auch mehr Energie als andere. Ich musste keine Energie dafür verbrauchen, zu rebellieren oder zu kämpfen oder mich gegen dieses Schicksal aufzulehnen. Ich habe es akzeptiert und ich bin damit umgegangen.

Verschiedene Schminktöpfe stehen auf einem Tisch.

Barbara Pachl-Eberhart war von Beruf Clown

Sie sagen auch, dass Sie Ihr Schicksal nicht tauschen würden. Warum ist das so?

Weil ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit, dass wir ein Leben ganz ohne Schicksalsschläge oder ganz ohne unvorhergesehene, unangenehme Situationen führen können, sehr gering ist.

Ich persönlich konnte mit dieser radikalen Form – alle sind gestorben – irgendwie umgehen. Sie waren alle sofort tot oder im Koma und mussten nicht leiden. Das war ein Strohhalm, an den ich mich klammern konnte. Das war für mich leichter zu ertragen als zum Beispiel eine lange Krankheit.

Davon abgesehen wünsche ich mein Schicksal auch keinem anderen. Das ist ja die andere Seite vom Tauschen. Ich scheine damit umgehen zu können und deswegen ist es auch gut, dass dieses Schicksal bei mir gelandet ist und nicht bei jemand anderem.

Ein Krankenwagen fährt mit Blaulicht.

Die Familie war sofort tot

Nach dem Tod Ihrer Familie haben Sie einen neuen Partner gefunden. Wie hat er Ihnen in der Trauer geholfen?

Er hat mir sehr geholfen. Vielleicht anders, als man es sich so vorstellt. Er hat meine Trauer nicht weggestreichelt und weggetröstet, sondern ganz im Gegenteil. Er hat mir Rückhalt gegeben, eine neue Stabilität, ein neues Gegenüber.

Die wirkliche Trauer konnte ich überhaupt erst zulassen, als ich wieder einen neuen Partner hatte. Wir können uns nur da fallen lassen, wo wir wissen, dass wir Rückhalt haben. Sonst bleiben wir einfach nur stehen.

Erinnern an die verstorbene Familie 04:33 Min. Verfügbar bis 17.02.2021

Wie hat Ihr Umfeld auf die neue Partnerschaft reagiert?

Das weitere Umfeld – die, die mich nicht so nah kannten – fanden, das war zu früh. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass eine neue Liebe auch heißt, tiefer in die Trauer hineinzugehen. Sie haben es sehr banal gesehen: "Nach vier Monaten kann die noch nicht fertig getrauert haben." Und damit hatten sie auch Recht, aber sie haben eben nicht weitergedacht.

Mit den Menschen aus meinem ganz engen Umfeld war es auch etwas schwierig, weil sie meinen neuen Partner sehr kritisch betrachtet haben. Er hatte sich an diesem viel zu überhöhten Bild von Heli zu messen. Man sagt ja, dass man über die Toten nur Gutes sagt. Das ist auch gut so, aber bei dem Vergleich hat es natürlich ein ganz normaler, lebendiger Mensch nicht leicht.

Eine in Schwarz gekleidete Frau steht mit einem Regenschirm vor einem See.

Wer trauert, ist oft allein

Können Sie sich vorstellen, mit Ihrem neuen Partner noch einmal Kinder zu haben?

Auf jeden Fall, ja. Aber ich habe so ein Bauchgefühl, dass das nicht mehr Teil meines Lebensplans ist. Aber man weiß nie.

Sie haben davon gesprochen, dass Trauer einen verändert. Wer sind Sie heute, sechs Jahre nach dem tödlichen Unfall Ihrer Familie?

Ich bin die von uns Vieren, die überlebt hat. Mein Leben hätte auch am 20. März 2008 zu Ende sein können. Ich hätte auch in diesem Auto sitzen können. Das heißt, seit 2008 kommt mir mein Leben fast so vor wie eine Bonusrunde oder ein Geschenk. Ich versuche seitdem wirklich, das Beste aus jedem Tag zu machen.

Wofür in Ihrem Leben sind Sie dankbar?

Ich bin dankbar für alles, das kommt – weil das alles Bonus ist, wie ein Sechser im Lotto. Andererseits versuche ich auch, mich bewusst in dieses Leben einzubringen: Solange es mich noch gibt, möchte ich mich einbringen, mit dem was ich bin.

Ich denke, es hat einen Grund, dass ich noch da bin und ich will mich dieses Lebens auch würdig erweisen. Ich versuche mich nicht zu drücken und das Leben wirklich zu leben. Ich bin dankbar für jeden Tag, der mir seit dem 20. März 2008 geschenkt wird.

Seifenblasen schweben in der Luft vor blauem Himmel.

Barbara Pachl-Eberhart genießt jeden Tag

Stand: 16.10.2014, 13:00

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