Bankraub

Vermummter Mann mit gelbem Schild mit der Aufschrift "Überfall Geld her!"

Verbrechen

Bankraub

Die Tresore der Banken beflügeln die Fantasie: Hier ist im Übermaß gelagert, an was es den meisten Menschen mangelt – Geld. Viele Legenden ranken sich um gewiefte Bankräuber der Geschichte. Doch spätestens, wenn bei den Überfällen Menschen zu Schaden kommen, wird der Mythos Bankraub entzaubert.

Mythos Bankraub

"Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?", lässt Bertolt Brecht den Mackie Messer in seiner "Dreigroschenoper" fragen. Bei kaum einem anderen Delikt können die Täter nach einem gelungenen Coup auf so viel Respekt hoffen, wie nach einem Einbruch in eine Bank.

Hier werde keinem Menschen geschadet, sondern die Bank als Institution von Geld und Macht angegriffen, so Klaus Schönberger, Herausgeber des Buches "Vabanque" zur Geschichte des Bankraubs.

Umgangssprachlich versteht man unter Bankraub nicht nur den Überfall, sondern auch den Einbruch in eine Bank – obwohl das Wort Raub eigentlich den Einsatz oder die Androhung von Gewalt umfasst.

Das Phänomen Bankraub spricht ein breites Publikum an. Davon zeugen unter anderem die große Aufmerksamkeit in der Medien-Berichterstattung und die mitunter verklärende Mythenbildung in Kino oder Literatur.

Prominente Bankräuber wie die Brüder Sass oder das Liebes- und Gangsterpärchen Bonnie und Clyde stiegen schon zu Lebzeiten zu einem Mythos auf und waren absolut medientauglich.

Ausgangspunkt USA: Postkutschenraub im Wilden Westen

Überfälle von Räuberbanden in der vorindustriellen Zeit gab es schon bevor der Bankraub Ende des 19. Jahrhunderts als Phänomen in Erscheinung trat. Sie waren jedoch mehr Ausdruck sozialer Rebellion. Mit dem Bankraub moderner Prägung verbinden sich lang gehegte Wünsche: der Wunsch nach dem schnellen Geld und damit verbunden der Traum vom sozialen Aufstieg.

Das Phänomen Bankraub hatte seinen Ausgangspunkt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Entscheidend für seine Entstehung waren Voraussetzungen, die in den USA, im Gegensatz zu Europa, schon Mitte des 19. Jahrhunderts gegeben waren: ein wenig kontrollierbarer öffentlicher Raum und eine relativ durchlässige Gesellschaftsstruktur.

Für US-Bürger bestand zum Beispiel keine Pflicht, die eigene Identität durch einen Personalausweis zu belegen oder einen festen Wohnsitz vorzuweisen. Zum anderen waren das ein gut ausgebautes Netz von Geldinstituten, die Einführung von Papiergeld und der Durchbruch des Autos als Fortbewegungsmittel.

Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebten Vorläufer des Bankraubs eine erste Blütezeit. Das waren Überfälle auf Postkutschen und Eisenbahnzüge in der Weite des Wilden Westens.

Im Gegensatz zu Europa gab es in den USA schon relativ früh Geldscheine kleiner Summen für den täglichen Zahlungsverkehr – keine lästigen schweren Münzen mehr, das Abtransportieren der Beute wurde enorm erleichtert. Es war die Zeit der Revolverhelden wie Jesse James und seiner Bande.

Postkutsche in den USA Ende des 19. Jahrhunderts.

Wer mit der Postkutsche reiste, lebte gefährlich

Tresorknacker in den Großstädten

Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) boomte, dank des Fliegengewichts von Geldscheinen, eine neue Variante des Bankraubs: die Tresorknackerei, angesiedelt in den Großstädten, überwiegend in New York. Im Gegensatz zu den Überfällen der Revolverhelden des Wilden Westens setzten Tresoreinbrüche ein gewisses handwerkliches Geschick voraus.

Der Typ des Gentleman-Gangsters wurde zum amerikanischen Exportartikel. Die Herren – allen voran der "Napoleon der Unterwelt" Adam Worth – reisten nach Frankreich und England, arbeiteten in Paris und London.

Allein das wilhelminisch-autoritäre Deutschland ließen sie aus. Hier wurde der Bankraub erst in den 1920er Jahren als Delikt relevant. Nach dem Vorbild amerikanischer Safeknacker arbeiteten die Brüder Franz und Erich Sass, als sie im Jahr 1929 den Tresor der Disconto-Gesellschaft in Berlin mit viel Geschick knackten und ausraubten.

Die Schauspieler Ben Becker und Jürgen Vogel als die Brüder Sass.

Ben Becker und Jürgen Vogel als Sass-Brüder

1960er Jahre – Boomphase des Bankraubs

Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die Geschäftsbanken ein weit verzweigtes Filialnetz auf, der Überfall auf die Ein-Mann-Zweigstelle wurde zum "Deutschen Volkssport", wie es 1970 in einer kriminalistischen Studie hieß.

In der Bundesrepublik Deutschland verzehnfachte sich die Zahl der erfassten Überfälle innerhalb weniger Jahre: Zählte man 1962 bundesweit 53 Fälle, waren es 1966 bereits 389.

In den USA gab es zwischen 1967 und 1973 jährlich bis zu 2600 Delikte, die der Kategorie Banküberfall zugerechnet wurden – auch pro Kopf der Bevölkerung mehr als in Deutschland. Im Gegensatz zu den Tresorknackern vergangener Tage waren jetzt überwiegend Amateure am Werk, die meist nach einem Schema vorgingen: Hineinrennen, Geld geben lassen und weglaufen.

Die Verwendung von Panzerglas für die Kassierer-Häuschen wurde Pflicht, und die Installation von Videokameras zur Überwachung der Bankschalter und zur Abschreckung setzte trotz Datenschutz-Bedenken ein.

Vermummter Bankräuber droht mit Waffe

Panzerglas soll Bankangestellte vor Schüssen schützen

Der politische Bankraub

Die 1970er Jahre waren auch die Zeit des politisch motivierten Bankraubs. Nach dem Vorbild der Tupamaros in Uruguay führten radikale Organisationen wie die RAF, Bewegung 2. Juni oder die Roten Brigaden in Italien sogenannte "Enteignungsaktionen" durch, die sie als revolutionären Akt und Teil des Kampfes um soziale Gerechtigkeit verstanden.

Banküberfälle waren das Mittel der Wahl gegen die chronische Unterfinanzierung ihrer Aktivitäten. Mit der Abflauen der linksradikalen Bewegung kehrte auf diesem Sektor erst einmal wieder Ruhe ein.

Bankraub in der DDR

Banküberfälle scheint es bis zum Jahr 1989 in der DDR tatsächlich nicht gegeben zu haben. Einer der Hauptgründe dafür war wohl die Wertlosigkeit der DDR-Mark: Viel Geld zu erbeuten machte wenig Freude, wenn man sich Träume, etwa eine Weltreise zu machen oder ein eigenes Haus zu bauen, nicht erfüllen konnte.

Nach dem Mauerfall und dem Inkrafttreten der Währungsunion erlitt die frühere DDR einen plötzlichen, bis dahin unbekannten Anstieg an Banküberfällen: Für westdeutsche Bankräuber waren die schlecht gesicherten ostdeutschen Geldinstitute ohne Panzerglas, Videoüberwachung und Alarmanlagen ein echtes Schlaraffenland. Allein in Brandenburg wurden von Juli 1990 bis Januar 1991 63 Banken überfallen.

Bytes statt Banknoten – Bankraub im Wandel

Solange alles Glück in der Maßeinheit Geld gemessen wird, wird es Banküberfälle und Bankräuber geben. Der klassische Banküberfall aber ist ein Delikt des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts.

Bankeinbrüche sind seit Jahren konstant rückläufig: Zählte man zum Beispiel im Jahr 1997 noch 1322 Überfälle auf Geldinstitute, Postfilialen und -agenturen, registrierte das Bundeskriminalamt im Jahr 2015 noch 148 solcher Überfälle.

Wer heute vom großen Geld träumt, setzt angesichts von Online-Banking und Scheckkarten auf Bytes statt auf Banknoten. Aus Sicht der Täter ist es mittlerweile wesentlich lohnenswerter, elektronische Konten zu manipulieren als mit Waffengewalt einen Tresor auszurauben: Das Risiko entdeckt zu werden ist kleiner, bei potentiell höherer Beute.

Während ein traditioneller Bankräuber im Schnitt um die 30.000 Euro erbeutet, kann ein Computerganove mit durchschnittlich zwei Millionen Dollar rechnen, so Betrugsuntersuchungsfachleute. Das wird über die Zeit hinweg die Figur des Bankräubers neu definieren.

Den traditionellen Bankräuber wird es zwar weiterhin geben, aber es sind durch das Internet längst neue virtuelle Formen hinzugekommen. Der Cyberspace-Bankräuber analysiert zunächst die Geldkreisläufe der global vernetzten Wirtschaft und findet und nutzt die Schwachstellen und die Lücken im System zu seinen Gunsten.

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Autorin: Natalie Muntermann

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Stand: 03.01.2018, 15:54

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