So verhalten Sie sich als Geisel am besten

Rückenansicht einer Frau, die auf einem Holzstuhl sitzt; ihre Handgelenke sind hinter der Lehne gefesselt.

Bankraub

So verhalten Sie sich als Geisel am besten

Eins vorweg: Dass jemand ausgerechnet Sie entführt, ist eher unwahrscheinlich. In Deutschland kommt es aber immer wieder zu Geiselnahmen, etwa wenn Räuber eine Bank überfallen. Da sollten Sie wissen, wie Sie sich im Falle der Fälle verhalten: Die Entführer zu provozieren und in einen Hungerstreik zu gehen, ist schon mal falsch. Wie es besser geht? Lesen Sie diese Tipps!


Vermeiden Sie es, überhaupt gekidnappt zu werden!

Sie wollten nur eben Geld abheben, da kommt auf einmal ein Mann mit Maske über dem Kopf und mit Waffe in der Hand hereingestürmt. Er nimmt Sie und andere als Geiseln.

Sicher, das hätten Sie wohl nicht verhindern können. Wenn Sie aber wichtig und wohlhabend sind, sollte Ihnen klar sein: Jemand könnte Sie kidnappen, um Geld oder politische Entscheidungen zu erpressen.

Auch wenn Sie in einem Land wie Afghanistan, Kolumbien oder Lesotho auf Dienstreise oder im Urlaub sind, sollten Sie sich gegen Entführungen wappnen: Laufen Sie nicht alleine durch die Straßen. Besorgen Sie sich ein Auto, das unauffällig und fahrtüchtig ist. Fahren Sie weite Strecken nur im Konvoi. Dienstreisende sollten darauf achten, nicht immer den gleichen Flug oder das gleiche Hotel zu buchen.

Und übrigens: Wenn der oder die Täter eine Person an einen unbekannten Ort bringen, um ihre Ziele durchzusetzen, spricht man von erpresserischem Menschenraub oder Entführung. Wenn klar ist, wo sich die gekidnappte Person aufhält, von einer Geiselnahme.

Bereiten Sie sich auf den Ernstfall vor!

Wenn Sie im Ausland unterwegs sind, vor allem in Gegenden, wo Menschen regelmäßig entführt werden, tragen Sie sich vorher in die Krisenvorsorgeliste "Elefand" vom Auswärtigen Amt ein, inklusive der Reiseroute und der Kontakte zu Vertrauten.

Wer damit rechnen muss, gekidnappt zu werden, sollte mit Verwandten oder Kollegen ein Codewort verabreden: Wenn sich die Entführer melden und Lösegeld verlangen, ist das Codewort der Beweis, dass Sie wirklich eine Geisel sind – und dass sie noch leben.

Es kann auch nicht schaden, eine Schriftprobe bei der Familie zu hinterlegen. Und Sie sollten erwägen, ob eine Versicherung für Sie sinnvoll ist: Diese kann etwa das Lösegeld erstatten und die Kosten für Krisenberater tragen.

Vielleicht wollen Sie auch einmal durchspielen, wie eine Entführung ablaufen kann und wie Sie sich dann am besten verhalten? Die Bundeswehr bietet etwa zusammen mit einer Berufsgenossenschaft ein mehrtägiges Seminar mit Rollenspielen an.

Wenn Sie entführt werden: Nicht wehren!

Der Überfall ist am gefährlichsten: Die Täter haben alles geplant, doch nicht alles unter Kontrolle. Wenn es chaotisch zugeht, nutzen Sie die Situation, bevor es zu spät ist: Fliehen Sie, wenn Sie können!

Falls das nicht geht, versuchen Sie, Passanten auf sich aufmerksam zu machen, damit diese die Entführung bemerken und der Polizei melden. Wenn die Entführer Sie in den Kofferraum eines Autos sperren, versuchen Sie, die Rückleuchten von innen heraus zu entfernen – und durch die Öffnung zu winken.

Wenn die Täter Ihnen das Handy nicht sofort abgenommen haben, rufen Sie unbemerkt die Polizei an – oder das Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amts für Notfälle im Ausland (+49 30 18170).

Ein Mann mit einer Maske über dem Kopf zielt in einer gestellten Szene mit seiner Waffe Richtung Kamera.

Wer sich wehrt, riskiert, dass die Situation eskaliert

Auch wichtig: Wollen die Entführer Sie betäuben, lassen Sie es zu! Das ist besser, als bewusstlos geschlagen zu werden. Wehren Sie sich nicht, wenn man Ihnen die Augen verbindet, einen Sack übern Kopf zieht oder die Hände knebelt. Jetzt um Ihr Leben zu kämpfen, ist vergeudete Kraft und provoziert nur mehr Gewalt.

Versuchen Sie auch nicht, dem Täter die Maske vom Kopf zu reißen: Glaubt der Täter, dass er erkannt worden ist, bricht sein Plan in sich zusammen – und das kann für Sie böse enden.

Stattdessen: Versuchen Sie, sich zu beruhigen und die Situation im Detail wahrzunehmen. Wenn Sie etwa mit einem Auto weggefahren werden, zählen Sie in Gedanken und merken sich, wann das Auto wohin abbiegt und wonach die Straße klingt, also zum Beispiel "1, 2, 3, 4, links auf Schnellstraße, 5, 6, 7, rechts auf Buckelpiste". All diese Informationen können Sie später verwenden, um die Ermittler auf die Spur der Kidnapper zu führen.

Verhalten Sie sich passiv kooperativ!

Stellen Sie sich darauf ein, dass die Entführer Sie schikanieren, einschüchtern und verhören werden. Folgen Sie allen Anweisungen und versuchen Sie dennoch, Ihre Würde zu bewahren. Seien Sie nicht aufmüpfig, spielen Sie nicht den Helden! Denn wer unkooperativ ist oder feindselig, provoziert den oder die Kidnapper nur – und riskiert so, bestraft und gefoltert zu werden.

Ein Mann filmt einen Soldaten bei einem Training für Journalisten auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg.

Journalisten lernen von der Bundeswehr

Bleiben Sie geduldig und aufmerksam!

Je länger die Entführung dauert, desto höher die Chancen, lebendig befreit zu werden. Es können Tage, Wochen, Monate oder Jahre vergehen, bis jemand kommt, um sie zu retten.

Versuchen Sie, die Tage zu zählen. Wenn Sie kein Tageslicht sehen, versuchen Sie, anhand von Straßengeräuschen Tag und Nacht voneinander zu unterscheiden. Horchen, riechen und beobachten Sie so viel wie möglich. Finden Sie heraus, wie viele Geiselnehmer es sind, wer welchen Rang hat, wer welche Sprache spricht und wer welche Schwächen hat.

All diese Informationen sind nützlich, um den Fluchtversuch zu planen und die Kidnapper zu fassen. Achten Sie aber nicht nur auf die Umgebung und die Kidnapper – nehmen Sie auch sich selbst wahr!

Bitten Sie um Gefälligkeiten!

Die Entführer brauchen Sie – und zwar lebendig. Vergessen Sie das nicht! Tot sind Sie wertlos für Ihre Entführer. Die Kidnapper werden darauf achten, dass Sie am Leben bleiben und beispielsweise Medikamente erhalten, wenn Sie diese brauchen.

Bitten Sie ruhig um Dinge wie Decken oder warme Kleidung – aber nicht zu oft und zu forsch. Was Sie nicht tun sollten: über Ihre Freilassung verhandeln! Das überlassen Sie den Experten.

Ein Mann in einer gestellten Szene hat die Augen verbunden und die Hände mit einem Strick gefesselt.

Auch wenn die Entführung andauert: Verzweifeln Sie nicht!

Essen Sie, was Sie bekommen!

Ein Fünf-Sterne-Menü brauchen Sie nicht zu erwarten. Doch auch wenn Ihnen der Appetit vergangen ist und das Essen komisch schmeckt: Essen Sie alles, was Sie kriegen! Sie brauchen die Energie.

Sprechen Sie die Geiselnehmer nicht direkt an!

Begegnen Sie Ihren Geiselnehmern nicht mit Verachtung oder Überheblichkeit. Drohen Sie nicht. Sprechen Sie die Täter am besten nicht selbst an. Antworten Sie nur, wenn Sie gefragt werden. Und geben Sie nicht zu viel von sich preis!

Wenn Sie Respekt zeigen, werden die Entführer auch Ihnen eher respektvoll begegnen. Siezen Sie die Entführer also besser! Vermeiden Sie, über Heikles wie Politik oder Religion zu sprechen.

Bleiben Sie neutral, wenn das nicht geht. Versuchen Sie, die Gespräche auf Themen zu lenken, die weniger verfänglich sind, etwa auf die Familie oder auf den Sport. Die Entführer sollten Sie als Menschen wahrnehmen – und nicht als Objekt. Dann fällt es ihnen schwerer, Ihnen etwas anzutun, Sie zu foltern, zu missbrauchen oder gar zu töten.

Halten Sie sich fit!

Achten Sie darauf, dass Sie nicht allzu sehr abbauen. Halten Sie Geist und Körper fit. Machen Sie Situps oder Liegestütze; rechnen Sie im Kopf; sagen Sie Gedichte auf; erträumen Sie sich Ihre Zukunft in Freiheit; bitten Sie Ihre Geiselnehmer um Bücher oder Papier und Stift.

Und wenn Sie gefesselt sind, in einer Zelle sitzen oder kein Licht haben: Überlegen Sie sich Alternativen. Das alles hilft auch gegen die Langeweile, die in der Geiselhaft aufkommen kann.

Ein Mann macht in einer dunklen Zelle vor dem Fenster einen Liegestütz.

Sport und Kopfrechnen: Das geht auch in einer kleinen Zelle

Die Geiselnehmer sind keine Freunde!

Immer wieder schlagen sich Geiseln auf die Seite der Kidnapper. Sie bezeichnen diese sogar als freundlich. Die Opfer identifizieren sich mit den Tätern – Psychologen sprechen vom Stockholm-Syndrom. Machen Sie sich klar, dass Ihnen das auch passieren kann! Die Entführer können Sie einer Gehirnwäsche unterziehen: Sie sprechen tagelang kaum oder gar nicht mit Ihnen, um sich Ihnen dann wieder zuzuwenden.

Die Kidnapper geben Ihnen zu essen und führen Smalltalk mit Ihnen. Machen Sie sich klar: Diese Menschen waren auch so freundlich, Sie zu entführen, als Geisel zu nehmen, für eine Erpressung zu benutzen.

In der US-Serie Homeland lässt sich anschaulich beobachten: Terroristen halten den Soldat Nicholas Brody gefangen. Sie foltern ihn – und wenden sich ihm wieder zu: Sie waschen ihn, geben ihm frische Kleidung und reden mit ihm. Das Ziel dahinter: Sie wollen Brody umdrehen, um ihn als Schläfer wieder zurück in die USA zu schicken.

Die Befreiungsaktion: Vermasseln Sie es nicht!

Ein Einsatzteam taucht aus dem Nichts auf: Ihre Rettung! Bleiben Sie aus dem Weg, damit Ihre Geiselnehmer Sie nicht als Schutzschild verwenden. Bewegen Sie sich langsam und rennen Sie nicht los – in dem Tohuwabohu halten die Befreier Sie sonst noch für einen Entführer.

Lassen Sie es über sich ergehen, wenn die Männer vom Einsatzteam Sie ruppig durchsuchen und Ihnen Handschellen anlegen. Der Eingreiftrupp möchte nur auf Nummer sicher gehen. Schließlich könnten Sie einer der Entführer sein – oder einer der Entführer gibt sich als Geisel aus.

Folgen Sie den Anweisungen, statt Ihren Rettern um den Hals zu fallen – dafür ist später auch noch Zeit.

Autorin: Franziska Badenschier

Stand: 03.01.2018, 15:38

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