Der Fall 79263 – ein fiktives Fallbeispiel

Ein Mann fotografiert aus einem Auto heraus, er trägt eine Sonnenbrille.

Detektive

Der Fall 79263 – ein fiktives Fallbeispiel

Von Laura Niebling

Verfolgungsjagden, Schusswechsel, Tatortuntersuchungen und kurze, ereignisreiche Observationen, gekrönt von einem Geistesblitz, der jeden noch so kniffeligen Fall löst. Der Beruf eines Detektivs klingt immer spannend und abenteuerlich.
Ein echter Detektiv muss aber vor allem eines sein: gewissenhaft und präzise in seinen Notizen. Und er braucht viel Geduld. Wie der typische Arbeitsalltag tatsächlich abläuft, zeigt dieses fiktive Fallbeispiel.

Der Fall wird gemeldet

Es ist früher Vormittag, in der Detektei geht ein Anruf ein. Der Meister eines Malereibetriebs berichtet, dass sich zwei seiner Mitarbeiter für einige Tage krankgemeldet haben. Er vermutet jedoch, dass die Krankschreibung nur ein Vorwand ist, um woanders schwarz zu arbeiten.

Wie es nach so einem ersten Anruf weitergeht, hängt vom jeweiligen Fall ab. Manchmal bietet die Detektei eine kostenlose Anermittlung an, die klärt, ob sich die Aufnahme der Ermittlungen für den Kunden lohnt. Manchmal löst so eine Anermittlung (per Internet oder vor Ort) das Problem bereits.

In diesem fiktiven Fall beschließen aber Detektiv und Auftraggeber, dass sich eine weitergehende Ermittlung lohnt. In der Detektei wird die Kartei mit der Fallnummer "79263" angelegt. Der Chef der Detektei weist zwei Mitarbeiter an, sich am nächsten Morgen vor dem Haus des Verdächtigen zu postieren.

Der Fall entwickelt sich

Es ist halb sieben morgens. Die beiden Detektive beziehen Stellung vor dem Haus der Zielperson, im Fachjargon kurz "ZP" genannt. Bei der Observation ist es besonders wichtig, nicht aufzufallen. Deshalb ist unauffällige Kleidung Pflicht – Trenchcoat oder Hut trägt keiner, Pfeifen sind auch schon lange kein Standardaccessoire mehr.

Für die Überwachung sind mindestens zwei Detektive in zwei Autos nötig. Die verdächtige Person muss beim Wegfahren in die Zange genommen werden, das heißt: Ein Auto setzt sich vor das Fahrzeug des Verdächtigen, eines bleibt mit einem von Abstand von mindestens einem neutralen dritten Kraftfahrzeug dahinter. Dabei bleiben die Detektive über Handys in Verbindung.

Ein Detektiv mit Trenchcoat, Hut und Lupe.

Solche Outfits wären zu auffällig

Es tut sich was

Das Warten der Detektive wird schnell belohnt. Um halb acht tritt der vermeintlich Kranke aus dem Haus und fährt mit seinem Wagen davon. Die Detektive starten ihre Autos und heften sich an seine Fersen. Dabei ist die Verfolgung im Auto meist die einzige Situation, in der ein moderner Detektiv sein Diktiergerät benutzt. Denn eine geheime Aufzeichnung von Gesprächen verletzt das Persönlichkeitsrecht genauso wie verwanzte Telefone oder Wagen.

Auf das Diktiergerät sprechen Detektive Autokennzeichen, Straßen oder Hausnummern oder die Zeiten der Observation, um später einen möglichst exakten Bericht abliefern zu können.

Der Verdacht scheint begründet

Die Verfolgungsjagd über zwei Vororte führt schließlich zu einer Baustelle. Mittlerweile ist es Viertel vor zehn. Der ebenfalls krankgeschriebene Kollege der Zielperson ist bereits fleißig damit beschäftigt, ein Haus zu verputzen. Der Betrugsverdacht scheint sich zu bestätigen. Nun gilt es, unauffällig Beweise zu sammeln.

Ein Ermittler parkt seinen Wagen in Sichtweite zur Baustelle am Straßenrand, sein Kollege biegt um die Ecke und stellt sein Auto eine Straße weiter ab. Er nähert sich dem Gelände von hinten. Beide Detektive warten unauffällig und filmen oder fotografieren das Geschehen. Beide notieren sich bis ins Detail den Arbeitsablauf auf der Baustelle – und das über einige Stunden hinweg.

Ob sie bei einer Observation wie in diesem Fall versteckt bleiben, entscheiden die Detektive von Fall zu Fall. Manchmal lohnt es sich auch, offen auf den Plan zu treten, um keinen Verdacht zu erregen. Ein vermeintlicher Journalist mit Videokamera ist beispielsweise keine Seltenheit und erregt wenig Misstrauen, darum wird auch diese Taktik gern genutzt.

Zurück in der Detektei

Die Verdächtigen haben in ihrer Zeit mit Krankenschein offensichtlich den kompletten Neubau verputzt – natürlich in Schwarzarbeit.

Um 15.30 Uhr kehren die Detektive mit viel Beweismaterial und Notizen in die Detektei zurück und schreiben ihren Bericht. Das nimmt noch einmal viel Zeit in Anspruch, denn hier kommt es auf einen sachlichen Schreibstil mit minutiösen Angaben ohne persönliche Meinungsäußerungen an. Angehängt an den Bericht ist der Honorarzettel, auf dem alle Posten (Reisekosten, eventuelle Spesen und der Stundenlohn) abgerechnet sind.

Die Übergabe des Berichts und der Beweise erfolgt meist in der Detektei oder per Post. Viele Kunden sorgen sich nämlich um die Anonymität der Ermittler und den Erfolg der Observation, wenn die Detektei bei einer Vor- oder Nachbesprechung auftaucht. Dabei ist die Sorge unnötig, denn diese Aufgabe erledigt häufig der Chef, der meist nicht selbst ermittelt.

Eine Übergabe eines Briefumschlages auf einem Tisch

Die Übergabe schließt den Fall ab

Und nach der Ermittlung?

Nachdem die Materialien übergeben worden sind, hören die Mitarbeiter der Detekteien selten noch etwas über die Fallentwicklung. In diesem Fall plädieren die Arbeiter allerdings darauf, dass sie auf dem Bildmaterial nicht eindeutig zu erkennen seien.

Deshalb werden die Ermittler als Zeugen vor Gericht geladen. Dabei sind sie, im Gegensatz zu den meisten anderen vorgeladenen Zeugen, immer vereidigt. So kann die Aussage, die ein Detektiv vor Gericht macht, gar nicht erst angezweifelt werden. Im Gegenzug ist er unter Strafandrohung verpflichtet, die Wahrheit zu sagen.

Mit der Aussage reichen die Beweise vor Gericht aus. Beide Arbeitnehmer werden zu Schadensersatzzahlungen verpflichtet. Der Fall gilt als abgeschlossen und alle Unterlagen werden in der Kartei "79236" abgeheftet. Doch warum eine Abheftung nach Zahlen?

Ein Karteisystem nach Auftraggebern ist durch das Bundesdatenschutzgesetz verboten. Außerdem müssen Aufträge mindestens zehn Jahre aufbewahrt werden. Das führt schnell zu einem unübersichtlichen Aktenwust, denn viele Detektive bewahren zusätzlich noch alte Fälle als Erinnerungsstücke auf.

Wenn ein Auftraggeber also Jahre später noch einmal etwas über einen Fall wissen will, muss er deshalb die Auftragsnummer nennen können – oder er braucht einen guten Detektiv.

Ein Karteisystem mit bunten Karteikarten

Der letzte Schritt ist die Ablage

Stand: 24.06.2019, 13:38

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