Geschichte der Haftstrafe

Eine Folterkammer aus dem Mittelalter.

Gefängnis

Geschichte der Haftstrafe

Verbrecher gibt es vermutlich schon genau so lange, wie es Menschen gibt – Freiheitsstrafen jedoch nicht. Die beginnen erst mit den Klostergefängnissen: Reue statt Vergeltung. Im 19. Jahrhundert denkt man dann an Resozialisierung, umgesetzt wird sie aber erst heute. Planet Wissen blickt zurück und zeigt, wie sich die Haftstrafe entwickelt hat.

Rache: Der "Feind" muss bekämpft werden

In der Frühzeit benutzte der Mensch wahrscheinlich noch Erdlöcher, um Übeltäter festzuhalten. Wer nicht sofort starb, musste dort so lange ausharren, bis er als Opfergabe gebraucht wurde. Bevor es Staaten und Gemeinden gab, hatte dann der Hausherr – auch Patriarch genannt – das Recht, Familienmitglieder und Sklaven zu bestrafen. Er sperrte sie in seinen Privatkerker.

Die alten Griechen und Römer hatten zudem eine öffentliche Justiz. Diese betrachtete den Straftäter als Feind der Gesellschaft. Er musste daher unschädlich gemacht werden. Üblich waren vor allem Folter, Ehrenstrafen und Verbannung. Schwere Delikte wurden mit der Todesstrafe geahndet, kleinere Vergehen mit einer Geldstrafe. Wer nicht zahlen konnte, musste Sklavenarbeit leisten.

Das Strafmotiv in dieser Zeit war Rache. Eingesperrt wurde ein Täter nur bis zur Verurteilung, eine Art Untersuchungshaft. Freiheitsstrafen, die länger dauerten, gab es nicht. Zwangsarbeit und Versklavung galten als Körper-, nicht als Freiheitsstrafe.

Klostergefängnisse und Zuchthäuser

Im Mittelalter galt in Deutschland das Allgemeine Recht. Es entwickelte sich 542 aus dem "Corpus Iuris Civilis", dem Bürgerlichen Gesetzbuch Römischen Rechts. Das Allgemeine Recht sah vor allem Leibes- und Todesstrafen vor. Freiheitsstrafen spielten kaum eine Rolle.

Mit der Einführung der Klostergefängnisse änderte sich das jedoch. Die Klöster unterhielten neben Armenhäusern auch eigene Gefängnisse. Jede Straftat galt als Sünde. Durch eine Freiheitsstrafe sollte der scheinbar Verirrte Reue und Buße empfinden und wieder auf den richtigen Weg zurückkehren.

Im 16. Jahrhundert läuteten Martin Luther und die Reformation einen Wandel ein. Protestanten sollten nicht in Klostergefängnissen von Katholiken landen. Zu dieser Zeit entstanden auch die ersten städtischen Gefängnisse. Oft befanden sie sich in den Türmen der Stadtbefestigungen.

Es gab aber auch Verliese, die unter den Rathäusern lagen. Hier mussten die Häftlinge auf ihre Verurteilung warten. Wenn sie nicht zum Tode verurteilt wurden, dann zu einer sogenannten peinlichen Strafe – einer Körperstrafe, die peinigend war, etwa Schlägen oder Folter durch verschiedene Instrumente.

Parallel zu den städtischen Gefängnissen entstanden in Deutschland die ersten Zuchthäuser. Diese dienten zunächst nicht der Bestrafung von Kriminellen. In ihnen sollten Menschen, die nicht für ihren Unterhalt aufkommen konnten, Arbeitsmoral lernen – etwa ehemalige Krieger aus den Kreuzzügen, die als Bettler und Diebe durchs Land zogen.

Ein Gemälde zeigt Gottfried von Bouillon, einen Kreuzritter, mit erhobenem Schwert auf einem Pferd.

Erst hoch zu Ross, dann in den Knast: Das konnte Kreuzrittern passieren

Als die Kirche im 18. Jahrhundert nicht nur ihre Gefängnisse sondern auch ihre Armenhäuser schloss, brachte man die Insassen in den Zuchthäusern unter. Dazu gehörten vor allem Frauen, die nicht verheiratet waren, Prostituierte und Bettler.

In den Zuchthäusern sollten sie im wahrsten Sinne Züchtigung erfahren, also dazu erzogen werden, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Mit der Zeit entwickelten sich die Zuchthäuser aber immer mehr zu Haftanstalten für Kriminelle.

Die Haft sollte standesgemäß sein

Bis 1800 gab es außer dem Zuchthaus sowie der Gefängnis- und Arbeitsstrafe auch die sogenannte Festungshaft. Der Inhaftierte lebte hierbei nicht in einer Zelle. Er verbrachte seine Haftzeit in streng bewachten Räumen, die durchaus komfortabel waren.

Zu dieser Zeit unterschieden die Menschen zwischen Verbrechern niederer Herkunft und solchen aus angesehenen Kreisen. Strafen sollten vom Stand der Person abhängig sein, hieß es. Um ihr Ansehen zu erhalten, wurden Politiker, Offiziere und Adlige mit einer Festungshaft bestraft. Die Kurprinzessin Sophie Dorothea musste zum Beispiel wegen Ehebruchs in Festungshaft.

Auch Johann Friedrich Böttger kam in Festungshaft. Der Naturforscher hatte vor dem Sachsenkönig August dem Starken behauptet, künstlich Gold herstellen zu können. Der König sperrte den Schwindler daraufhin in eine Festung. Dort ließ er ein Laboratorium einbauen, damit Böttger sein Versprechen einlösen konnte. Mit dem Gold klappte es nicht. 1707 fand Böttger dafür heraus, wie man Porzellan herstellt: die Geburtsstunde des Meißener Porzellans.

Ein Porträt von Johann Friedrich Böttger.

Johann Friedrich Böttger entdeckte das Porzellan in Gefangenschaft

Reformen sollten den Strafvollzug neu regeln

Seit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 war in Deutschland nicht mehr das Reich für das Strafrecht zuständig, sondern die einzelnen Territorien. Bis 1860 erließen diese daher neue Strafgesetzbücher: Die Freiheitsstrafe bestimmte fortan das Strafsystem.

Eine gesetzliche Regelung des Strafvollzugs gab es zu dieser Zeit allerdings noch nicht. Man begnügte sich mit einer Anstaltsordnung: Anstaltskleidung und Disziplin standen hierbei im Vordergrund. Menschen, die psychisch krank waren, wurden in Pflegeheimen untergebracht. Jugendliche kamen gesondert unter. Von 1860 an gab es die ersten Frauenhaftanstalten.

Mit der Reichsgründung wurden die Strafgesetzbücher der einzelnen Territorien jedoch schon wieder hinfällig. Von 1871 an galt einheitlich nur noch das Reichsstrafgesetzbuch. Vorbild dafür war die Variante aus Preußen.

1919 bemühten sich die Menschen das erste Mal auch um eine gesetzliche Regelung des Strafvollzugs: Der Erziehungsgedanke sollte hierbei im Mittelpunkt stehen. Er sollte mit einer schrittweisen Lockerung des Vollzugs, dem Stufenstrafvollzug, verbunden werden. Allerdings blieb es nur beim Entwurf für ein Gesetz.

Eine Statue der Justizia vor einem Gerichtsgebäude.

Vor dem Gesetz waren lange Zeit nicht alle gleich

Gefängnisse bei den Nationalsozialisten und Sowjets

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland kam es zu einem Wandel der Haftstrafe: Zweck der Strafe war nun nicht mehr Erziehung, sondern Sühne und Abschreckung, "um die Volksgemeinschaft zu schützen".

Auch stand nicht mehr die Tat im Vordergrund, sondern der Täter. Es gab kaum noch Geld-, dafür aber mehr Freiheitsstrafen. Von 1933 an richteten die Nazis für Gegner des Regimes Konzentrationslager ein. Gerichtsverfahren gab es kaum.

In der Nachkriegszeit waren die Gefängnisse in der von den Sowjets besetzten Zone oft überbelegt. Das Anstaltspersonal handelte grausam und willkürlich. Unter der alliierten Militärregierung änderte sich nur wenig am Strafgesetzbuch. Lediglich die Volksschädling-Strafrechtsordung fiel weg.

1957 wurde die Strafe auf Bewährung eingeführt. Allerdings konnten nur diejenigen darauf hoffen, die als "gesellschaftsfähig" galten – das heißt als angepasst an die sozialistische Gesellschaftsordnung. Mit dem Fall der Mauer 1990 und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik verloren die Gesetze der Sowjets ihre Gültigkeit.

Schwarzweiße Luftaufnahme des riesigen Gebäudekomplexes inmitten von Feldern und Äckern.

Zelle im Zuchthaus Bautzen "Gelbes Elend"

Nach 1945 lautet das Ziel Resozialisierung

Die Gefängnisse in der Nachkriegszeit waren überbelegt, das Personal nicht qualifiziert. Eine gesetzliche Grundlage für den Strafvollzug war längst überfällig. Am 1. Januar 1977 trat schließlich das erste Strafvollzugsgesetz in Kraft. In einigen Bundesländern, etwa in Nordrhein-Westfalen, ist es noch heute gültig.

Nach dem Strafvollzugsgesetz ist es Ziel und Aufgabe des Vollzugs, die Gefangenen zu resozialisieren und die Allgemeinheit vor weiteren Straftaten zu schützen. Um das zu erreichen, sollen Persönlichkeit und Lebensumstände des Gefangenen ermittelt werden. Auf dieser Grundlage soll dann ein Vollzugsplan erstellt werden.

Luftaufnahme des Gebäudekomplexes von 'Santa Fu'. Das Hauptgebäude hat einen sternförmigen Grundriss.

JVA Fuhlsbüttel, "Santa Fu", in Hamburg

Autorinnen: Bärbel Heidenreich/Andrea Böhnke

Stand: 03.01.2018, 14:04

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