Mafia

Organisierte Kriminalität

Mafia

"La mafia non esiste." – "Es gibt sie nicht, die Mafia!" Zur Geschichte der italienischen Verbrechensorganisation gehört, dass ihre Existenz totgeschwiegen oder abgestritten wird. Denn das Gesetz der "omertà" gebietet den Mafia-Mitgliedern Schweigen, wenn ihnen ihr Leben lieb ist. Wo Angst und Verschwiegenheit herrschen, ist es nicht leicht, Ursprünge herauszufinden. Und dennoch lassen sich die Wurzeln der Mafia vermuten und ihre Geschichte zurückverfolgen bis hinein ins 19. Jahrhundert.

Die Ursprünge der Mafia

Mafia – dieser Begriff steht heute für organisiertes Verbrechen weltweit, für Schutzgelderpressung, Drogenhandel und Mord. Die Anfänge der italienischen Mafia liegen vermutlich auf Sizilien, wo sie Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden sein soll.

Man vermutet, dass der Typ des Mafioso aus der Schicht der sogenannten "Gabelloti" hervorging: Die Gabelloti pachteten Land von Großgrundbesitzern und verpachteten es weiter an die Bauern vor Ort. Als Wächter und Aufseher sorgten sie auf den Plantagen für Sicherheit, zwangen aber die Bauern gleichzeitig zur Abgabe des "pizzu", einem Teil ihrer Ernte. Es war die erste Form von Schutzgeldzahlung.

Die Gabelloti wurden im Lauf der Zeit immer mächtiger, eigneten sich Polizeiaufgaben an und stellten ihre eigenen Schutztruppen. Ihre Macht sicherten sie durch Androhung von Gewalt. Nach und nach entstand ein kriminelles Netzwerk, das von Sizilien aus auf die anderen Regionen Süditaliens übergeschwappt sein soll.

Die "ehrenwerte Gesellschaft"

Nach der Einigung Italiens 1861 galten Roms Gesetze auch für Sizilien. Zu diesen Neuerungen gehörten zum Beispiel das Steuersystem und die allgemeine Wehrpflicht.

Die Sizilianer zeigten sich wenig begeistert von dieser neuen Situation. Wahrscheinlich hatte auch die Jahrhunderte dauernde und ständig wechselnde Fremdherrschaft dazu geführt, dass die Einwohner jeder neuen Obrigkeit misstrauten.

Anstatt die Institutionen des italienischen Staates aufzusuchen, wandten sie sich an die Gabelloti. Aus dem System der Gabelloti entstand im Lauf der Zeit eine Art Schattenregierung, die "onorata società" genannt wurde – die "ehrenwerte Gesellschaft."

Treue bis in den Tod

Noch immer pflegt die Mafia den Mythos, eine Art Kämpfer für die Unabhängigkeit zu sein – auch wenn sie die Menschen schon immer mit Gewalt unterdrückt hat und auch vor Mord nicht zurückschreckte.

Ihr oberstes Gebot und ein Garant ihrer Macht war die Einhaltung der "omertà", das Gesetz des Schweigens. In einem blutigen Aufnahmeritual schwören Neuzugänge der Organisation ihre Treue bis in den Tod. Bis heute gilt: Wer die omertà bricht, hat sein Leben verwirkt.

Ein Opfer der Mafia auf einer Straße.

Das Schweigen zu brechen ist tödlich

Ein Staat im Staat

Oberstes Ziel der Mafia war es seit jeher, Geld und Macht zu erlangen. Um dieses Ziel zu erreichen, suchte sie die Nähe zu einflussreichen Politikern. Sie hat es nur allzu oft verstanden, bis in die höchsten Etagen der Politik vorzudringen. Auch den Staatschefs Giulio Andreotti und Silvio Berlusconi wurden Verstrickungen mit der Mafia nachgesagt, doch sie wurden freigesprochen.

Die Verbindungen zur Politik fielen umso leichter, je schwächer und bestechlicher der Staat war. Schon direkt nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts 1881 besorgte die Mafia die erforderlichen Stimmen für konservative Politiker.

Als Gegenleistung verhinderten die gewählten Abgeordneten Gesetze zur Bekämpfung der kriminellen Organisation. Mafia und Politik wuchsen enger zusammen. Darum wird die Mafia auch als Staat im Staat bezeichnet.

Der Duce gegen die Mafia

Einzig dem faschistischen Regime unter Benito Mussolini wäre es beinahe gelungen, die Mafia auszuschalten. Der "Duce" hatte den "eisernen Präfekten" Cesare Mori nach Sizilien entsandt.

Dieser Mann ging mit allen Mitteln eines autoritären Staates gegen das organisierte Verbrechen vor: Tausende ließ er inhaftieren - oft zu Unrecht Verdächtigte und häufig ohne Prozess. Doch selbst Mussolinis Feldzug gegen das organisierte Verbrechen konnte die "ehrenwerte Gesellschaft" nicht auslöschen.

Farbfoto von Benito Mussolini.

Duce Benito Mussolini

Revival der Mafia

1943 verpflichtete sich die Mafia, die Invasion der Alliierten auf Sizilien zu unterstützen. Ihren Einfluss auf der Insel und auf dem italienischen Festland konnte sie dadurch noch ausbauen.

Zudem baute die sizilianische Mafia nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Kontakte in die USA aus und sicherte sich so eine Vormachtstellung im internationalen Drogenhandel. Auch die Mafia-Organisationen Camorra in und um Neapel und die 'Ndrangheta in Kalabrien gewannen nach dem Krieg wieder rasch an Macht und Einfluss.

Clan-Krieg um die Macht

Neben dem wachsenden Rauschgifthandel kontrollierte die Mafia nach 1945 vermehrt die Vergabe von öffentlichen Aufträgen, verdiente am Baugeschäft und zweigte Entwicklungsgelder des Staates ab. Die gigantischen Profite führten zu Kriegen zwischen den einzelnen Mafia-Clans.

Bekannt wurde vor allem der brutale Machtkampf zwischen den Familien aus Palermo und einem Clan aus dem sizilianischen Städtchen Corleone. Mehr als 300 Menschen wurden grausam hingerichtet. Die Oberhand gewannen schließlich die berüchtigten Corleonesi mit ihrem Boss Salvatore Riina, der auch "die Bestie" genannt wurde.

Polizeifoto des sizilianischen 'Boss der Bosse' Salvatore Riina.

Salvatore Riina

Im Kampf gegen die Mafia

Nach diesem Clan-Krieg gingen die italienischen Strafverfolger in die Offensive: Ein Anti-Mafia-Gesetz von 1982 wertete die bloße Zugehörigkeit zur Mafia als Straftat. Dazu wurde eine Anti-Mafia-Kommission ins Leben gerufen, um das organisierte Verbrechen effektiver zu bekämpfen.

Ein gewaltiger Schlag im Kampf gegen die Mafia gelang 1986: Der Mafia-Boss Tommaso Buscetta brach sein Schweigen. In seinem umfassenden Geständnis offenbarte er die Machenschaften der sizilianischen Cosa Nostra, was dazu führte, dass zahlreiche hochrangige Mafiosi vor Gericht kamen. In den darauf folgenden Maxiprozessen wurden mehrere Hundert Mafiosi zu langen Haftstrafen verurteilt.

Schwarzweiß-Bild: Nahaufnahme mehrerer junger Männer, die einen Sarg durch die Straßen eines Dorfes tragen.

Viele mussten ihr Leben wegen der Mafia lassen

Die Rache der Mafia ließ nicht lange auf sich warten: mehrere Ermittlungsrichter wurden in den 1990er Jahren grausam hingerichtet, darunter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die 1992 brutalen Anschlägen zum Opfer fielen. Salvatore Riina soll Drahtzieher für die Morde gewesen sein. 1993 gelang es einem Sonderkommando der Carabinieri, den "Boss der Bosse" in Palermo festzunehmen.

Die Geschäfte der Mafia heute

Auch wenn immer wieder einer ihrer Bosse spektakulär verhaftet wird: Die Macht der italienischen Mafia ist bis heute ungebrochen. Ihr Umsatz wird auf 90 Milliarden Euro im Jahr geschätzt – damit wäre die Mafia das erfolgreichste Unternehmen Italiens.

Ihre Haupteinnahmen beziehen sie aus Schutzgelderpressung, Drogen- und Waffenhandel, gefälschter Markenware, Baugeschäften, illegalem Abladen von Giftmüll und dem Abzweigen von staatlichen Entwicklungsgeldern. Ihre kriminell erwirtschafteten Gelder hat sie weltweit gewinnbringend angelegt.

Die Mafia agiert heute international, auch in Deutschland ist sie aktiver denn je. Spätestens seit den Morden von Duisburg im August 2007 ist uns diese Tatsache schlagartig bewusst geworden.

Eine Leiche in einem Leichensack wird von einem Bestatter in Duisburg vom Tatort zu einem Leichenwagen geschoben.

Auch in Deutschland ist die Mafia aktiv

Autorin: Claudia Heidenfelder

Weiterführende Infos

Stand: 31.01.2018, 09:16

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