Dr. Mark Benecke

Kriminalbiologie 04:17 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Rechtsmedizin

Dr. Mark Benecke

Von Andrea Schultens

Der Ring an seiner rechten Hand fällt sofort ins Auge: ein klobiger Mistkäfer aus Silber. Mark Benecke, der Träger dieses extravaganten Schmuckstücks, ist bekannt wie ein bunter Hund. "Madendoktor" oder "Doktor Schmeißfliege" wird Benecke genannt.

Kriminalbiologie – das Randgebiet vom Randgebiet

Immer wieder muss Mark Benecke betonen, dass er ja gar kein Mediziner ist, auch kein Rechtsmediziner. Doch er arbeitet mit Toten, genauer gesagt mit Mordopfern – nur mit den Extremfällen, oft entstellt, meist verwest oder zumindest in einem Zustand, der den meisten Menschen Albträume bereiten würde.

Mark Benecke ist Kriminalbiologe und Experte auf dem Gebiet der forensischen Entomologie (Insektenkunde). Sein Spezialgebiet sind Insekten, also Maden und andere Kleinsttierchen, die sich auch auf und an Leichen befinden. Eklig findet er das nicht.

"Das ist der Kreislauf der Natur", bemerkt er ganz trocken. Und das Lebewesen Mensch sei doch nur ein sehr bedeutungsloses Rädchen in unserem riesigen Naturmechanismus. Alle Lebewesen, so auch der Mensch, werden nach ihrem Tod wieder Teil der Natur. Und dabei helfen Insekten. Alles ganz natürlich!

Mark Benecke weiß natürlich genau, dass sein Job etwas gewöhnungsbedürftig ist. Aber genau das ist auch der Reiz. "Ich arbeite nicht nur in einem Randgebiet, also zum Beispiel mit Leichen, was für viele ja schon sehr unbehaglich ist", erklärt er, "ich arbeite zudem auch noch mit den Insekten auf Leichen – sozusagen im Randgebiet vom Randgebiet. Das ruft bei den meisten Menschen die doppelte Ladung an Ekel und Unverständnis hervor."

Der Fall "Pastor Geyer" – Beneckes Durchbruch

Diese Nische, in die er ganz zufällig geraten ist, ließ ihn zu einem außergewöhnlichen Experten werden. Mark Benecke ist freischaffender Kriminalbiologe – wie außer ihm in ganz Europa nur etwa eine Hand voll anderer Menschen. Er macht weiter, wenn Rechtsmediziner wegen starker Zersetzung der Leichen nicht mehr weiterwissen.

Während seiner Promotion über genetische Fingerabdrücke fing die Spezialisierung wie zufällig an: Er forschte aus Platzgründen in Kellerräumen der Rechtsmedizin, direkt neben den Räumen, wo auch Leichen aufbewahrt und obduziert wurden. "Da lag es natürlich nahe, mal hin und wieder zu den Leichen rüberzugucken und den Medizinern Informationen über die Insekten zu geben, die auf den Leichen lebten", erzählt er.

Nach seiner Promotion als Biologe in der Rechtsmedizin lebte Benecke eine Zeit lang in New York und arbeitete als Biologe für das FBI (Federal Bureau of Investigation). 1997 machte ihn der Fall "Pastor Geyer" bekannt, den er des Mordes an seiner Ehefrau überführte. Aus den Maden an der Leiche schloss Benecke auf genau den Todeszeitpunkt, an dem Geyers Alibi eine Lücke hatte.

Seither wird er als Experte gehandelt und gilt weltweit als Fachmann für Insektenkunde, DNA und Blutspuranalyse. Wie nur etwa fünf freie Kriminalbiologen weltweit besucht er regelmäßig die Orte der Verbrechen und untersucht dort oder später im Labor biologische Spuren, die Aufschluss über den Kriminalfall geben können.

Fliegenlarven

Fliegenlarven geben Hinweise auf den Todeszeitpunkt

Maden – tierische "Kommissare"

Anhand von Insekten kann Mark Benecke Antwort auf viele Fragen geben – etwa dazu, wann eine Person zu Tode gekommen ist, ob die Fundstelle auch der Tatort ist oder wie lange ein toter Körper schon an einer bestimmten Stelle lag.

Die Rückschlüsse zieht er durch die Bestimmung der vorgefundenen Tiere. Aus den Eiern, die Fliegen auf der Leiche abgelegt haben, wachsen weißliche Maden heran. Die Maden fressen Leichengewebe, verpuppen sich, schlüpfen später aus der Puppe und werden dann zu Käfern oder Fliegen. Während ihrer Entwicklung verändern sich also Körpergröße und Körpergestalt.

Lupe vergrößert eine Made an einer Pinzette

Maden helfen bei der Aufklärung von Morden

Mit Hilfe der Altersbestimmung der Insekten, die sich auf der Leiche befinden, lässt sich dann auch die Lebenszeit der Tiere auf der Leiche bestimmen. Und dadurch sind Rückschlüsse auf die Liegezeit des Toten möglich. Die Methode ist sehr präzise und erlaubt die Eingrenzung der Liegezeit bis auf wenige Stunden.

In anderen Fällen – vor allem wenn die Leiche schon länger gelegen hat – kann eine Eingrenzung auf Tage, Wochen oder Monate erfolgen. Je nach Fragestellung können auch weniger genaue Antworten äußerst hilfreich sein, zum Beispiel bei Vermisstenfällen, die schon länger zurückliegen.

Kriminalbiologie macht süchtig

"Ich fühle mich manchmal wie ein Siebzigjähriger", sagt der 1970 geborene Benecke scherzhaft, wenn man ihn auf sein junges Alter anspricht. Ohne Probleme kann man ihn als "Workaholic" bezeichnen. Seine 16 Stunden Arbeit täglich lassen ihm kaum Zeit für Hobbys. Dennoch interessiert er sich für die Phänomenologie von Techno-Musik, den "Liebespfeil der Schnirkelschnecke" oder die Ergebnisse des Spaß-Nobelpreises.

In seinem "Büro für kriminalbiologische Beratung" in der Kölner Südstadt empfängt er Gäste in Gummistiefeln und mit den Worten "Ja, ich komme irgendwie immer gerade aus dem Wald", zeigt sogleich die Schaben in seinem Arbeitszimmer und holt Döschen voller Maden aus dem Kühlschrank.

Der Mann mit dem schrillen Beruf ist äußerst sympathisch und man kann sich nur den Aussagen des Tätowier-Magazins anschließen, das den "Madendoktor" bezüglich seiner diversen Tätowierungen interviewt hat: "Marks Einstellung zu seiner Arbeit ist extrem wissenschaftlich, technisch, sachlich, emotionslos. Trotzdem ist er alles andere als ein verknöcherter dröger Akademiker, ganz im Gegenteil. Sich mit Mark zu unterhalten ist extrem kurzweilig."

Weiterführende Infos

Stand: 30.07.2015, 12:00

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