Rechtsmedizin in den Medien

Rechtsmediziner Börne betrachtet eine Leiche.

Rechtsmedizin

Rechtsmedizin in den Medien

Von Andrea Schultens

Quincy machte den Anfang. Jack Klugman als unermüdlicher Rechtsmediziner der US-Fernsehserie Quincy faszinierte in den 1970er Jahren die deutschen Zuschauer. Seitdem scheint es in Büchern und Filmen einen Boom der Rechtsmedizin zu geben. Während auch im ARD-"Tatort" die Rolle des Rechtsmediziners immer mehr Präsenz bekommt, sprießen seit einigen Jahren Bücher, Filme und Serien aus dem Boden, in denen der Rechtsmediziner die Hauptrolle einnimmt. Viele Krimis drehen sich nicht mehr nur um Kommissare und Detektive, sondern Rechtsmediziner sind hier die Stars.

Kathy Reichs und Patricia Cornwell

Krimifans verschlingen die Werke von Kathy Reichs und Patricia Cornwell. Schriftstellerin Reichs ist wie ihre Protagonistin Dr. Tempe Brennan selbst forensische Anthropologin: Sie untersucht in gerichtlich zweifelhaften Fällen Knochen von Verstorbenen. Mit Dr. Tempe Brennan hat sie eine Rechtsmedizinerin geschaffen, die die Fans mit ihren spannenden Ermittlungen in Atem hält.

Mittlerweile gibt es eine ganze Krimi-Serie um Dr. Brennan. Der Leser erfährt so manches Detail der forensischen Aufklärungsarbeit, manchmal realistischer geschildert als ihm lieb ist. Man kann mit ihr mitzittern, da sie sich durch ihre Ermittlungen immer wieder in Gefahr begibt. Und zuletzt stößt sie dann doch immer noch auf einen Hinweis, der den Mörder entlarvt.

Wie Kathy Reichs weiß auch Patricia Cornwell, wovon sie spricht. Die forensischen Details sind fundiert. Auch Cornwells Hauptfigur, Dr. Kay Scarpetta, ist Rechtsmedizinerin mit Leib und Seele.

Beim Lesen der preisgekrönten Bücher spürt man die Erfahrungen einer Autorin, die ebenfalls Pathologin ist. Patricia Cornwell lässt sich ständig bei ihr bekannten Rechtsmedizinern und deren aktuellen Fällen inspirieren.

Der Reiz des Verbrechens

Verbrechen faszinierten schon immer die Menschheit. Mord und Totschlag waren vor 3000 Jahren in den Räubergeschichten der Antike genauso aktuell wie heute.

Ob Krimis mit Sherlock Holmes oder Miss Marple in der Hauptrolle, ob Romane von Patricia Highsmith und Donna Leon, ob Serien wie Columbo oder der aktuelle "Tatort" – die menschlichen Abgründe lassen den Zuseher immer wieder schaudern.

Aristoteles sah den Zweck von Schrecken und Entsetzen in der "Reinigung" der menschlichen Seele. Manch ein Krimifan sieht das bodenständiger. Er zittert mit dem Ermittler, der dem Täter auf der Spur ist. Und es ist faszinierend, die unsäglichen Morde und Verbrechen aus nächster Nähe mitzubekommen.

Der Wunsch, ganz nah am Geschehen dabei zu sein, ist wohl ein Grund für das Interesse an Kriminalliteratur und -filmen. Ein bisschen Voyeurismus und Spannung locken uns.

Andererseits sind wir beruhigt, dass alles nur in begrenztem Rahmen geschieht – und auf Entfernung. Die Geschehnisse betreffen ja glücklicherweise nicht uns selbst, weshalb es umso faszinierender scheint, die Grausamkeiten anzuschauen.

Rechtsmediziner, wie wir sie kennen

Die "Tatort"-Rechtsmediziner Börne und Roth sind für den sonntäglichen Zuschauer zu festen Figuren geworden. Sie sind vertrauenswürdige Spezialisten, die durch ihre Untersuchungen und ihr Wissen tatkräftig zur Aufklärung beitragen. Ihre Arbeit erfreut sich beim Publikum höchster Beliebtheit, ebenso wie die des Rechtsmediziners in der ZDF-Krimiserie "Der letzte Zeuge".

Zu genaue Details aus den rechtsmedizinischen Untersuchungen will der Zuschauer jedoch nicht sehen. Und dies wird respektiert. Das Szenario im "Tatort" unterscheidet sich vom realen Seziersaal: Glücklicherweise lässt sich der Geruch nicht ins Fernsehen übertragen. Und alles ist klinisch sauber – viel klinischer als in Wirklichkeit, wo die Obduktion in einer schmutzigeren, blutigeren Atmosphäre stattfindet.

Zudem sehen wir im "Tatort" nicht, welches Drama sich unter dem Leichentuch versteckt. Oft winkt der Kommissar schon ab, wenn der Mediziner auch nur andeutet, er wolle die entstellende Verletzung zeigen. Der Zuschauer stimmt ihm dankbar zu. Es würde beide überfordern und abschrecken, das Zusammensetzen eines zertrümmerten Schädels oder die Untersuchung eines aufgeschnittenen Darmes zu sehen.

In der US-Fernsehserie "CSICrime Scene Investigation" löst ein mehrköpfiges Team von Forensikern komplizierte Mordfälle. Hierbei faszinieren vor allem die neuesten technischen Methoden, mit denen das unschlagbare Ermittlerteam die Schuldigen entlarvt.

Blonde Frau und braunhaariger Mann inspizieren Tatortfotos

Technisch versierte Rechtsmediziner der US-Serie "CSI"

Faszination der Rechtsmedizin

Was macht gerade diese Art von Film und Literatur so interessant? Es scheint die Mischung aus Faszination, Sensationslust, wissenschaftlichem Interesse und Tabubruch zu sein.

So geht der Münchener Professor und Rechtsmediziner Wolfgang Eisenmenger davon aus, dass die menschlichen Extremsituationen, mit denen es die Rechtsmedizin zu tun hat, der Grund für die große Faszination sind. "Die Verknüpfung von Kriminalistik mit Naturwissenschaft und Medizin macht uns Rechtsmediziner reizvoll für den Zuschauer", erklärt er.

Diese wissenschaftliche Sensationslust gab es schon immer. In den Anatomiesälen des 16. Jahrhunderts tummelten sich schaulustige Adelige und Fürsten. Hier hatten nur höhere Schichten Zutritt. Diese gönnten sich das Zuschauen bei einer Obduktion wie ein faszinierendes Theaterstück. Kulturell und wissenschaftlich interessant gab die Darbietung gleichzeitig der Sensationslust Raum.

Heute erleben wir Ähnliches – zum Beispiel bei der umstrittenen Ausstellung "Körperwelten", die präparierte Leichen zeigt. Wissenschaftlich wertvoll und spannend, sehen sie viele als geschmacklosen Tabubruch. Doch als faszinierende Mischung aus Medizin, Wissenschaft und Sensation lockt sie Besucher in Scharen an.

Gerechtigkeit und Aufklärung

Joe Bausch, der den Rechtsmediziner Roth im Kölner Tatort spielt, liefert eine weitere Erklärung: "Das große Interesse von Zuschauern und Lesern an der Arbeit der Rechtsmediziner rührt vermutlich aus dem Wunsch nach Sicherheit. Sicherheit im Bezug auf Aufklärungsarbeit und ungeklärte Todesfälle.

Im Film wird so gut wie jedes Verbrechen aufgeklärt. Stets ist der Rechtsmediziner zur Stelle und findet wissenschaftlich fundierte Details, die zum Stellen des Täters führen. Der Rechtsmediziner schafft Vertrauen."

Zwei Männer und eine Tote auf einem Boot. Männer knien beide, vor ihnen tote Prostituierte in roter Reizunterwäsche.

Thanner und Schimanski klärten jeden Fall auf

Anhand von Fakten, und seien sie noch so unscheinbar, findet er heraus, wer der Mörder ist. Der Zuschauer fühlt sich beruhigt zu wissen, dass Wissenschaftler und Mediziner alles tun, um den Täter zu entlarven. Und dies erfolgreich, denn dank DNA-Analyse, Haarproben und ähnlichen Fakten ist einiges möglich. Und so wird am Ende des "Tatorts" meist der Täter gestellt und der Mord aufgeklärt.

Im richtigen Leben ist das nicht so. Hier verringert sich die Anzahl der rechtsmedizinischen Institute ständig. Statistiken gehen davon aus, dass jeder zweite Mord erst gar nicht als solcher erkannt wird.

Somit ist auch der Erfolg bei der Aufklärung von Morden äußerst fragwürdig. Vielleicht sehen wir deshalb so gerne "Tatort" oder "CSI", weil es nach jedem Verbrechen ein Happy End gibt – der Tote wird zwar auch hier nicht mehr lebendig, der Täter aber auf jeden Fall bestraft.

Stand: 24.07.2018, 12:00

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