Mysteriöse Mordserie: Adolf Seefeldt

Das Schwarzweiß-Foto zeigt einen etwa zehnjährigen Jungen in einem Matrosenanzug.

Serienmörder

Mysteriöse Mordserie: Adolf Seefeldt

Auch heute noch – mehr als 70 Jahre später – bleibt der Fall Adolf Seefeldt mysteriös. So viel ist sicher: Der Uhrmacher tötete in den 1930er Jahren mindestens zwölf Jungen in Matrosenanzügen. Alle bis auf einen fand man scheinbar friedlich entschlafen in Kiefernschonungen – ohne Anzeichen für einen gewaltsamen Tod. Adolf Seefeldt wurde in einem Schauprozess schnell zum Tode verurteilt. Heute glaubt man zu wissen, was damals geschah.

Onkel Ticktack und die Jungen

Kinder mögen Onkel Ticktack, diesen alten verschrobenen Uhrmacher, der in den 1930er Jahren in Norddeutschland von Ort zu Ort zieht. Er schenkt ihnen Süßigkeiten und manchmal eine kaputte Uhr. Onkel Ticktack mag Kinder, am liebsten zehnjährige Jungen, am allerliebsten, wenn sie Matrosenanzüge tragen. Sie sehen so unschuldig aus, sie haben noch kein Leid erfahren. Onkel Ticktack will es ihnen ersparen.

Onkel Ticktack heißt eigentlich Adolf Seefeldt und sein Leben ist geprägt von Leid und Kummer. Er wird 1870 als jüngstes Kind von neun Geschwistern geboren. Sein Vater ist Alkoholiker, seine Mutter vergnügt sich mit anderen Männern. Seine Kindheit bleibt ohne Liebe und Zuneigung, Wertmaßstäbe lernt er nicht kennen.

Mit zwölf Jahren verführen ihn zwei Männer zu sexuellen Handlungen, die er angeblich genießt – ein Schlüsselerlebnis. Adolf Seefeldt heiratet mit 20 Jahren, aber die Ehe hält nur knapp ein Jahr. Mit 25 kommt er zum ersten Mal ins Gefängnis, weil er einen Achtjährigen missbraucht. Dort benimmt er sich so seltsam – er spielt mit seinem Kot, hat Gliederzuckungen und Lähmungen – dass er in die Irrenanstalt verlegt wird.

Fast 20 Jahre lang verbringt er abwechselnd in Gefängnissen und Psychiatrien. Ist er in Freiheit, missbraucht er wieder Jungen. Niemand findet heraus, dass er schon 1923 einen kleinen Jungen ermordet.

Nahaufnahme einer alten Taschenuhr, die von einer Hand gehalten wird.

Der Uhrmacher ist viel unterwegs

Ein Unschuldiger wird verhaftet

Im Februar 1935 verschwinden zwei Jungen aus Schwerin innerhalb einer Woche spurlos. Beide trugen am Tag des Verschwindens Matrosenanzüge.

Die Staatsanwaltschaft stellt daraufhin eine Liste mit ungeklärten Todesfällen zusammen und entdeckt schier Unglaubliches: 1933 und 1934 wurden sechs Jungen in Matrosenanzügen tot in schwer einsehbaren Kiefernschonungen gefunden. Alle sahen so aus, als wären sie im Schlaf gestorben. Anzeichen für einen gewaltsamen Tod oder ein Sexualverbrechen gab es nicht.

In diesen Fällen hatte die Polizei leichtsinnigerweise nicht ermittelt, weil es keine klaren Indizien für einen Mord gab. Sie war von natürlichen Toden ausgegangen. Eine Nachlässigkeit mit schrecklichen Folgen.

Eine Puppe ohne Kleidung liegt auf dem Boden im Wald.

Missbrauchte Seefeldt die Jungen?

Kriminalrat Hans Lobbes wird auf den Fall angesetzt. Er stößt auf drei weitere ähnliche Todesfälle im norddeutschen Raum. Der Täter muss, so die Annahme, viel unterwegs sein, weil die Tatorte weit auseinander liegen: Potsdam, Brandenburg, Rostock.

Die Polizei nimmt bald darauf einen Geschäftsreisenden fest. Der Fall scheint geklärt. Doch der Mann erhängt sich in der Untersuchungshaft und das Morden geht weiter. Am 23. März 1935 wird ein Elfjähriger im Matrosenanzug in einer Kiefernschonung bei Wittenberge gefunden – tot.

Immerhin kann die Polizei nun nach einem konkreten Verdächtigen fahnden. Der Junge war am Tag seines Verschwindens mit einem Mann mit auffälligem Hut gesehen worden. Daraufhin kann Adolf Seefeldt im April 1935 verhaftet werden.

Vor Gericht leugnet Seefeldt

Doch der Verdächtige streitet alles ab. Zunächst sogar, dass er die fünf- bis zwölfjährigen Jungen überhaupt gekannt habe. Später gibt er zu, sie mit leeren Versprechungen in den Wald gelockt zu haben. Getötet habe er sie aber nicht. Bei dieser Aussage bleibt er auch im 32-tägigen Prozess.

Die Gutachter stehen vor einem Rätsel. Sie wissen weder, wie Seefeldt die Jungen umgebracht haben soll, noch warum. Ein sexuelles Motiv liegt nahe, doch haben die Leichen keine darauf hinweisenden Spuren.

Bei der Todesursache tippt ein Gutachter auf Erwürgen – ohne dass die Jungen Würgemale am Hals aufweisen. Ein anderer geht von Gift aus, das Seefeldt den Kindern verabreicht haben soll. Allerdings hätten sie dann nicht so friedlich dagelegen, der Todeskampf hätte sich im Gesicht und am Körper abgezeichnet.

Eine grüne Flasche, auf der 'Giftflasche' steht und auf der das Totenkopfzeichen abgebildet ist.

Tötete der Serienmörder mit Gift?

Trotz aller Unklarheiten verurteilt das nationalsozialistische Gericht Adolf Seefeldt zum Tode, um seine Stärke und Entschlossenheit zu beweisen.

Mehr noch: Die Gestapo (Geheime Staatspolizei) foltert den Ungeständigen nach dem Prozess grausam und veröffentlicht im Anschluss, dass Seefeldt außer den zwölf Morden eine große Anzahl weiterer Knabenmorde gestanden habe. Getötet habe er mit einem selbst gebrauten Gift. Kurz darauf wird das Todesurteil vollstreckt.

Die Lösung?

Was passierte damals wirklich? Wie und warum tötete Onkel Ticktack seine Opfer? Hans Pfeiffer beschreibt in einem Aufsatz (veröffentlicht im Buch "Serienmörder in Deutschland") eine auf den ersten Blick merkwürdige, aber doch nachvollziehbare Version: Adolf Seefeldt versetzte seine Opfer in einen hypnotischen Schlaf, verging sich dann oral an ihnen, weckte sie nicht aus ihrem schlafartigen Zustand und ließ sie im Wald zurück. Sie starben an Unterkühlung, denn Seefeldt schlug nur an kalten Tagen zu.

Folgt man dieser Fassung, konnte der Sexualmörder Seefeldt mit ruhigem Gewissen behaupten, dass er kein Kind getötet habe. Denn als er sie im Wald zurückließ, lebten seine Opfer noch.

Wie viele Jungen der Serienmörder tatsächlich auf dem Gewissen hat, wird ungeklärt bleiben. Seefeldt versteckte seine Opfer in dichten Wäldern – einige wurden vielleicht nie gefunden. Der "Sandmann", wie er wegen seiner scheinbar nur schlafenden Opfer genannt wurde, nahm die Wahrheit mit ins Grab.

Autorin: Mareike Potjans

Stand: 02.07.2018, 15:40

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