Der "Islamische Staat"

Vermummte Demonstranten halten eine Flagge des IS hoch.

Terrorbekämpfung

Der "Islamische Staat"

Die Angst vor den Terroristen des "Islamischen Staats" (IS) ist auch in Deutschland groß. Seit Herbst 2014 ist die Organisation hierzulande verboten. Doch wer steckt eigentlich dahinter? Und was wollen die IS-Kämpfer erreichen?

Wer steckt hinter dem IS?

Der "Islamische Staat" (IS) nennt sich nicht nur so – die Organisation versteht sich auch tatsächlich als eigener Staat. Zwar verlaufen die Grenzen nicht so eindeutig wie bei anderen Ländern, aber inzwischen kontrolliert der IS große Regionen im Irak und in Syrien.

Entstanden ist der IS im Jahr 2003 im Irak, gegründet vor allem von Widerstandskämpfern gegen die US-Besatzung. Die meisten IS-Kämpfer sind Sunniten, die sich politisch und religiös von den Schiiten unterdrückt fühlen. Ihre Anführer sind größtenteils ehemalige Offiziere der irakischen Armee.

Die ersten Anführer stammten aus dem Terrornetzwerk al-Qaida – deshalb stand der IS am Anfang auch al-Qaida nahe. Inzwischen allerdings gelten die beiden Gruppen als verfeindet, seit sich der IS gegen den Willen von al-Qaida auch außerhalb des Iraks stark ausgebreitet hat.

Der Name der Terrorgruppe hat sich über die Jahre immer wieder geändert. So hieß sie unter anderem eine Zeitlang "al-Qaida im Irak" (AQI), "Islamischer Staat im Irak" (ISI) und "Islamischer Staat im Irak und Syrien" (ISIS).

Seit 2014 nennt sie sich nach ihrem Hauptzweck schlicht "Islamischer Staat" (IS). Denn das Ziel des IS ist es, sein Herrschaftsgebiet auch auf den Libanon, Israel, Palästina und Jordanien auszuweiten und einen eigenen Staat beziehungsweise ein "Islamisches Kalifat" auszurufen.

Für seine Anhänger hat der IS ein ausgeklügeltes Sozialsystem entwickelt: Viele IS-Provinzen haben ein eigenes Budget, mit dem sie Krankenversicherungen und Entschädigungsprämien an die Familien von getöteten Kämpfern zahlen. Es gibt Urlaubstage für die Kämpfer und ein eigenes Informationsministerium, das zum Beispiel Propagandavideos ins Netz stellt.

Was bedeutet dschihadistisch und salafistisch?

Der "Islamische Staat" ist sowohl salafistisch als auch dschihadistisch und zählt damit zu den derzeit gewalttätigsten und konservativsten Strömungen der Welt.

Die Idee des Dschihadismus stützt sich auf das islamische Gebot, dass jeder Muslim seine Religion gegen Andersgläubige verteidigen muss.

Während viele Muslime dieses Gebot nur als Anweisung für ein gläubiges Verhalten auslegen, interpretieren es Dschihadisten als Aufruf zum gewaltsamen Kampf (den sogenannten "Dschihad") gegen alles Nicht-Islamische – oder auch gegen andere Muslime, die sich ihrer Meinung nach nicht streng genug an die religiösen Regeln halten. Dschihadisten sind also gewaltbereite, militante, extremistische Muslime.

Dschihad, Scharia, Kalifat - Eine Begriffserklärung 01:56 Min. Verfügbar bis 21.01.2020

Der Salafismus beruht auf einer ultrakonservativen Auslegung des Korans und des Islams. Seine Anhänger legen Wert auf alte Sichtweisen und Traditionen – "salaf" bedeutet "Vorfahre". Salafisten berufen sich auf uralte Auslegungen des Korans und lehnen alles Moderne ab.

Dabei gibt es zwei Hauptströmungen: Ein Teil der Salafisten ist zwar konservativ, aber nicht gewalttätig; dagegen setzen die extremistischen Salafisten auf Gewalt, um ihre Religion zu verbreiten und betrachten die gesamte restliche Welt als feindlich. Auch die islamischen Terroristen des 11. September waren Salafisten.

Was wollen die IS-Kämpfer erreichen?

Die allermeisten IS-Anhänger sind Sunniten und gehören damit zur größten Glaubensrichtung im Islam. Trotzdem fühlen sie sich in vielen Gebieten von anderen Religionen oder von den ebenfalls muslimischen Schiiten unterdrückt. Deshalb ist es ihr Hauptziel, einen eigenen politischen Staat von und für Sunniten zu erschaffen.

Ein kurdischer Junge hält den Käfig seines Kanarienvogels fest in der Hand.

Eine kurdische Familie flüchtet aus der syrischen Stadt Kobani

Der neue "Islamische Staat" soll auch die Einhaltung der religiösen Gesetze überwachen. Diese "Scharia", die Summe aller Gesetze, regelt den Alltag und wird vom IS extrem streng ausgelegt: Alkohol, Drogen und Tabak sind ebenso verboten wie öffentliche Versammlungen. Frauen müssen sich verhüllen und dürfen das Haus kaum noch verlassen.

Schon zu Beginn der IS-Bewegung riefen die politischen Führer dazu auf, alle Nichtgläubigen oder Andersgläubigen zu vertreiben – inzwischen werden die meisten "Abweichler" und "Ungläubigen" sogar getötet, wenn sie sich im Einflussbereich des IS aufhalten.

Besonders verhasst sind den IS-Kämpfern die Jesiden, die eine religiöse Minderheit im Islam bilden. Der IS hat sich die "kulturelle und religiöse Auslöschung der Identität der Jesiden" auf die Fahnen geschrieben, weil er sie für eine heidnische Religion aus vorislamischer Zeit und damit für Ketzer hält.

Wie finanziert sich der IS?

Der Terror gehört zu jedem Krieg dazu – aber beim IS ist er nicht nur Begleiterscheinung, sondern ein gezielt eingesetztes Mittel der Kriegsführung, sagt der Bundesnachrichtendienst.

Denn der IS finanziert sich sogar zu großen Teilen darüber: Laut internen Dokumenten gibt es mehrere Möglichkeiten, größere Geldsummen zu beschaffen, und bei fast allen bildet der Terror die Grundlage.

Ein Artilleriefahrzeug steht auf einer Düne in der irakischen Wüste und feuert, während sich einige Kämpfer schützend zu Boden ducken.

Kämpfer des IS und des irakischen Militärs liefern sich heftige Gefechte

Zum einen werden von wohlhabenden Geschäftsleuten vor allem in der Region Bagdad oft "Schutzgeldzahlungen" gefordert. Wie bei der Mafia handelt es sich dabei weniger um freiwillige Spenden, sondern vielmehr um Erpressungsgeld.

Auch den Menschenhandel haben die Terroristen offenbar zum lukrativen Geschäft gemacht. Zu Tausenden sollen Frauen und junge Mädchen in den besetzten Gebieten verschleppt worden sein. Viele von ihnen wurden als Belohnung an die IS-Kämpfer übergeben oder als Sklavinnen verkauft.

Daneben erzielt der IS auch große Geldsummen, indem er auf dem Schwarzmarkt Öl aus erbeuteten Ölfeldern verkauft. Das US-Finanzministerium schätzt, dass die Terroristen jeden Tag etwa eine Million Dollar durch den Ölverkauf und mehrere Millionen pro Monat durch Erpressung und Lösegeldzahlungen erbeutet haben.

Und auch wenn die Einnahmen im Ölgeschäft laut Schätzungen von Experten stark schwanken: Insgesamt sei der IS die "am besten finanzierte Terrororganisation, mit der wir es je zu tun hatten", hieß es im Herbst 2014 im US-Finanzministerium.

Autorin: Anette Kiefer

Stand: 21.09.2017, 15:00

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