blu:boks Berlin – Selbstbewusstsein stärken

Bluboks-Kinder bei der Aufführung eines Tanzes

Armut in Deutschland

blu:boks Berlin – Selbstbewusstsein stärken

Von Daniel Schneider

"Das hast du gut gemacht!" – In der blu:boks Berlin hören Kinder und Jugendliche diese Worte oft zum ersten Mal in ihrem Leben. Das sozial-kulturelle Projekt stärkt das Selbstbewusstsein von Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen und verändert damit oft ihr ganzes Leben.

Vernachlässigt, schüchtern und gemobbt

Das Leben von Heiko (Name von der Redaktion geändert) ändert sich in knapp vier Minuten. Sein Herz klopft bis zum Hals, während er die Stufen der Bühne in der Schulaula hinaufsteigt. Er stellt sich mitten ins Scheinwerferlicht und atmet einmal tief durch. Dann beginnt sein musikalischer Vortrag.

Vor allen Mitschülern rappt der 13-Jährige ohne Fehler und mit einer beeindruckenden Ausstrahlung. Seine Zuhörer sind erstaunt. Das haben sie Heiko gar nicht zugetraut. Denn eigentlich ist Heiko sehr in sich gekehrt.

Zwei Jahre zuvor hat Heiko die blu:boks im Berliner Bezirk Lichtenberg zum ersten Mal betreten. Schüchtern und ohne Selbstbewusstsein. Damals wurde er von seinen Mitschülern noch massiv gemobbt.

"Das erleben wir oft", sagt blu:boks-Gründer Torsten Hebel. "Es kommen Kinder, die sehr verschlossen sind. Man sieht schon an der Körperhaltung, dass sie eine emotionale Last zu tragen haben. Sie müssen beispielsweise mit acht Jahren schon Verantwortung übernehmen, die man normalerweise viel später trägt. Für Geschwister kochen, für den täglichen Ablauf sorgen. Dadurch haben sie keine Zeit für Freunde."

Viele Kinder, die zur blu:boks Berlin gehen, leben in sozial schwachen Familien. Sie haben wenig Geld und niemanden in der Familie, der sie fördert oder an sie glaubt. Besonders wegen dieser alarmierenden Zeichen der emotionalen Vernachlässigung hat Torsten Hebel die blu:boks gegründet und bekämpft hier seit Januar 2009 mit seinem Team die Kinderarmut in der deutschen Hauptstadt.

Kind sitzt allein auf einem Zaun

Armut kann einsam machen – eine besonders schlimme Folge der Armut

Ein neuer Hintergrund fürs Leben

Abgeleitet ist der Name blu:boks von der Fernsehtechnik "Blue Box". Hierbei steht beispielweise ein Moderator in einem leeren Studio mit einem blauen Hintergrund. Durch eine besondere Technik ist es möglich, nachträglich den blauen Hintergrund durch ein Bild zu ersetzen und somit den Moderator scheinbar an einen ganz anderen Schauplatz zu stellen. In Anlehnung an dieses Verfahren sollen auch die blu:boks-Kinder eine neue Perspektive bekommen.

Schauspiel- und Tanztrainer, Gesang-Coaches und Kunstlehrer arbeiten mehrmals in der Woche mit knapp 300 Kindern und Jugendlichen und merken, wie diese sich mit der Zeit immer mehr öffnen und Vertrauen gewinnen. Da ist ein langer Atem gefordert. Meistens dauert es mehr als zwei Jahre, bis ein Vertrauensverhältnis hergestellt ist.

Denn in der blu:boks gilt die Regel: Niemand wird zu irgendetwas gezwungen und jeder wird so akzeptiert, wie er ist. Ein pädagogisches Konzept, das viel Fingerspitzengefühl erfordert.

Für Torsten Hebel sind Kunst und Kultur ein perfekter Ansatz, um Vertrauen zu schaffen und die Auseinandersetzung mit sich selbst anzustoßen. "Beim Theater hat man die Möglichkeit, in eine Rolle zu schlüpfen", sagt der gelernte Schauspieler und Theologe. "Trotzdem hat die Rolle immer auch etwas mit einem selbst zu tun, denn man wird immer persönliche Dinge mit in diese Rolle hineinpacken. So werden tief verschüttete Talente ausgegraben und die Kinder und Jugendlichen sind erstaunt, was alles in ihnen steckt."

Die neu entdeckten Talente werden in den Übungsräumen des Projektes geschult und dann mit viel Aufwand als Show auf die Bühne gebracht. Im Sommer 2011 führten die blu:boks-Kids mit ihrem Programm erstmals ein einstudiertes Theaterstück auf, damals noch im Berliner Tempodrom.

Ein tolles Erlebnis, auch für die Eltern – denn die sind in erster Linie das Zielpublikum der Aufführung. "Es ist schön zu erleben, wie stolz die Eltern auf ihre Kinder sind", sagtTorsten Hebel.

Eine Mitarbeiterin der blu:boks schminkt zwei Kinder für ihren Theaterauftritt.

Theater spielen – ein wichtiger Baustein im blu:boks-Konzept

Selbstbewusstsein durch Scheinwerferlicht

Mittlerweile finden die Produktionen in den eigenen Räumen der blu:boks statt. Denn die Arbeit ist gewachsen. Seit 2016 hat die blu:boks ein eigenes Zentrum mit Kita, Café und einem großen Veranstaltungssaal. 51 hauptamtliche und 31 ehrenamtliche Mitarbeiter sind in der blu:boks beschäftigt.

Auch hier sind die Eltern und Angehörigen der Kinder herzlich willkommen. Die Erziehungsberechtigten liegen den Verantwortlichen am Herzen – Elternarbeit gehört auch zu den Aufgaben der blu:boks‑Mitarbeiter. So besuchen sie auch die Familien der Kinder zuhause; allerdings nur, wenn es von den Eltern gewünscht ist.

Dort treffen Torsten Hebel und sein Team oft auf schlimme Zustände. "Da brauchst du ein dickes Fell, wenn du zum Beispiel siehst, dass die ganze Familie auf einer einzigen Schaumstoffmatratze schläft, die nicht mal einen Bettbezug hat."

Die blu:boks arbeitet mit den Kindern und Jugendlichen, damit sie stark werden und sie sich auch selbst wertschätzen. Lange Zeit wird ihnen diese Wertschätzung von den blu:boks-Mitarbeitern zugesprochen. Und irgendwann merken sie selbst: "Ich bin kein Opfer! Ich kann mein Leben in die Hand nehmen und gestalten. Ich bin etwas wert." Heiko bemerkte das nach zwei Jahren blu:boks, vier Minuten Rap und einem langen, ehrlich gemeinten Applaus seiner Mitschüler.

Scheinwerfer beleuchtet blu:boks-Kinder bei einer Aufführung

Durch Bühnenauftritte bekommen die Kinder und Jugendlichen Selbstbewusstsein

Stand: 27.06.2018, 14:10

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