Interview mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Beate Dölling

Kinder- und Jugendbuchautorin Beate Dölling

Armut in Deutschland

Interview mit der Kinder- und Jugendbuchautorin Beate Dölling

Von Alicia Rust

Beate Dölling ist eine vielseitige und bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin. In ihrem Buch "Du bist so was von raus! Echte Geschichten aus der Arche" beschreibt sie erstmals aus Sicht der Kinder die traurige Realität eines Alltags in Armut.

Planet Wissen: Frau Dölling, was hat Sie während Ihrer Recherche über Kinderarmut am meisten erschüttert?

Beate Dölling: Am meisten war ich über dieses Ausgeliefertsein der Kinder gegenüber ihrer Umwelt erschüttert. Über diese Hilflosigkeit. Kinder sind der Spielball der Erwachsenen.

Was sind die Hauptursachen von Kinderarmut in Deutschland?

Da kommt vieles zusammen. Mangelnde Bildung, Arbeitslosigkeit, ein zu niedriges Einkommen, Krankheit, Resignation, um nur einiges zu nennen. Unser Sozialstaat ist zu einseitig ausgerichtet.

Wir leben in einer Hochleistungsgesellschaft, die sich zu wenig um die Armen kümmert. Also um jene, die dieses Wachstumssystem und Leistungsprinzip nicht mitmachen können. In unserer Gesellschaft dreht sich alles um Konsum, Wirtschaftswachstum und Besitz. Und wer nicht mithalten kann, fällt raus.

Junge sitzt auf Holzgelaender vor Plattenbau

Armut grenzt aus, das lernen bedürftige Kinder früh

Sie fordern, dass ein ausgewogener Sozialstaat das alles berücksichtigen müsste. Aber wie?

Es fängt mit dem Mindestlohn an und hört bei bezahlbaren Mieten auf. Das heißt nicht, dass die Armen nur versorgt werden sollten. Natürlich sollten sie stärker motiviert werden, sich selber zu versorgen. Aber dazu muss man sie besser in die Gesellschaft integrieren.

Auch im Niedriglohnsektor müssen die Löhne angemessen sein. Eine Stadt ist auch nur lebendig, wenn die Bevölkerung durchmischt ist. Die Armut hat viele Gesichter.

Wie sehen die Auswirkungen in den Familien konkret aus?

Viele sind nicht fähig, sich um andere zu kümmern. In dem Fall sind die Kinder die Leidtragenden. Brecht sagte ja: "Erst kommt das Fressen, dann die Moral". Wenn man arm ist, dann denkt man eigentlich nur an den kommenden Tag. Wie kann ich Lebensmittel reinholen? Wo komme ich zum Beispiel an Kleidung heran?

Dadurch entsteht diese tiefe Frustration, die man wiederum mit Alkohol kompensiert oder mit anderen Drogen. Es kommt zur Betäubung, weil man seine Situation nicht mehr ertragen kann. Das Gefühl der Minderwertigkeit steckt keiner einfach so weg.

Viele der Eltern fühlen sich überfordert. Dann rutscht die Hand öfter mal aus. Oder die Kinder wachsen auf sich alleine gestellt auf, weil die Mutter nicht in der Lage ist, sich zu kümmern.

Babys und Kinder haben natürlich Bedürfnisse. Viele der Mütter fühlen sich damit total überfordert. Gleichzeitig setzen sie immer weitere Kinder in die Welt, weil sie mit einem Säugling im Arm Anerkennung erfahren.

Ich finde es deshalb auch wichtig, dass man über Verhütung spricht. Wenn ein zwölfjähriges Kind davon erzählt, dass drei seiner Geschwister gerade in der Kinder-Notaufnahme sind und nun als Pflegekinder in fremden Familien unterkommen sollen, weil die Mutter eine "Bindungsschwäche" hat, aber schon wieder schwanger ist, stimmt das einen schon nachdenklich.

Man sieht den Kindern und Jugendlichen die Armut nicht auf den ersten Blick an. Hat sich Ihre Wahrnehmung geschärft?

Natürlich möchten diese Kinder und Jugendlichen auch gestylt sein, aber sie können sich die teureren Marken einfach nicht leisten. Heutzutage herrscht aber ein Markendiktat. Arme Kinder müssen sich Billigklamotten kaufen, die sind meistens schrill und bunt.

Wenn man sich als junges Mädchen schminken will, kauft man sich die billigste Schminke, das sieht man. Die Jugendlichen leben von der Wahrnehmung der Video-Clips. Sie wollen zum Beispiel aussehen wie die Sängerin Rihanna.

Fettleibigkeit ist auch ein Thema, weil die Ernährung so unausgewogen ist. Auch an kaputten Zähnen der Kinder erkennt man oft ihre Armut. Viele Kinder wirken erschreckend blass. Etliche haben dunkle Ringe unter den Augen, weil sie die halbe Nacht am Computer oder vor dem Fernseher hocken. Im Unterricht sind sie zu müde, um sich zu konzentrieren. Viele kommen ohne Frühstück in die Schule.

vier Kinder vor Schaufenster

Kinderarmut erkennt man nicht sofort

Könnte man nicht hier genau ansetzen? Ein gemeinsames kostenloses und gesundes Schulfrühstück für alle zum Beispiel?

Es gäbe so viele gute Ansätze. Durch viel mehr Aufklärung, durch Ernährungsprogramme an den Schulen zum Beispiel. Durch bezahlbare Freizeit-, Bewegungs- und Betreuungsangebote. Aber es ist wie überall bei Bildung, Kultur und Soziales: Ausgerechnet hier wird von staatlicher Seite gekürzt.

Wenn wir über Kinderarmut sprechen, bemisst sich das aber nicht ausschließlich nach finanziellen Kriterien, oder? Was fehlt den Kindern am meisten?

Kinderarmut ist kein Phänomen, das nur auf Arme zutrifft. Es gibt ja leider auch die sogenannte Wohlstandsverarmung. Stellen Sie sich einmal vor: Es gibt Kinder, die noch niemals in den Arm genommen wurden. Was fehlt, ist Liebe und Anteilnahme. Aber die können viele Erwachsene ihren Kindern gar nicht geben, weil sie diese selber nie erfahren haben.

Jedes Kind, egal ob arm oder reich, benötigt Aufmerksamkeit und Liebe genauso sehr wie gute Nahrung. Man muss diesen Menschen Mut machen: Nimm doch mal dein Kind in den Arm! Zeige ihm Wertschätzung! Begegne deinem Kind mit Anteilnahme und Respekt!

Junge sitzt zusammengekauert auf dem Boden

Vernachlässigung ist eine Seite der Armut

Diese Art von Kälte gegenüber Kindern gibt es also auch in wohlsituierten und gebildeten Familien?

Auf jeden Fall. Da findet sich die gleiche emotionale Verarmung auch in einem durchgestylten Haus wieder. Viele Eltern müssen sich ständig selbst verwirklichen. Sie sind eigentlich nie zu Hause, nicht anwesend. Sie verwirklichen sich durch ihren Job, durch ihre sozialen Kontakte, durch den Wohlstand und die Anerkennung, die sie sich erarbeitet haben. Das steht im Vordergrund.

Demografisch betrachtet ist die "echte" Kinderarmut eine tickende Zeitbombe. Wenn wir davon ausgehen, dass bereits heute 19 Prozent aller Familien von Armut betroffen sind, dann wachsen diese Kinder ohne Perspektiven auf. Was bedeutet das konkret?

Dass unsere Gesellschaft auf eine Spaltung zusteuert. Es wird noch häufiger zu Ausgrenzungen kommen. Der Druck, mithalten zu können, wird steigen. Wir befinden uns in diesem Kreislauf: immer noch mehr besitzen zu müssen, uns noch mehr mit Technik anzufüttern, noch mehr Konsum. Dies führt zu einer gesellschaftlichen Verrohung, weil ein Gegeneinander gefördert wird. Das sind alles keine guten Voraussetzungen für die nächste Generation.

Weshalb ist es aus Ihrer Sicht so schlimm, Armut bei Kindern zu zulassen?

Arme Kinder stehen gesundheitlich schlechter da. Bildung wird ihnen kaum oder gar nicht vermittelt. Viele von ihnen bekommen selber viel zu früh Kinder. Folglich landen sie als Erwachsene genau dort, wo sie eigentlich nie hinwollten. Ein Teufelskreis.

Mädchen mit Puppe durchsucht Mülltonne

Wer in Armut aufwächst, bleibt oft arm

In Berlin wächst offiziellen Angaben zufolge bereits jedes dritte Kind in einer Hartz-IV-Familie auf. Ein trauriger Rekord unter den deutschen Großstädten. Wie lässt sich diese Entwicklung noch aufhalten?

Durch Bildung, Betreuung, bezahlbare Freizeitangebote und erschwingliche Mieten. Es geht einfach nicht, dass nur noch Luxuswohnungen angeboten werden, und alle anderen, die es sich nicht leisten können, aus dem Stadtbild gedrängt werden.

Der Eintritt für Schwimmbäder ist zum Beispiel für viele zu teuer, dafür werden überall pompöse Spaßbäder gebaut. Dabei müsste dringend mehr in bezahlbare Freizeitangebote investiert werden, damit man die Kinder von den Computern wegholt, raus aus der virtuellen Welt, zurück in die reale! Nur dadurch kann soziale Empathie erlernt werden.

Eigentlich brauchen Kinder gar nicht so viel, oder?

Vor allem brauchen sie Zeit und Aufmerksamkeit von ihren Eltern. Dafür bräuchten wir jedoch einen Bewusstseinswandel in der Gesellschaft. So wie sich unsere Gesellschaft entschleunigen müsste, so müsste auch vieles vereinfacht werden. Ein Spaziergang durch den Wald zum Beispiel kostet nichts. Natürliche Fähigkeiten gehen unseren Kindern zunehmend verloren. Dabei liegen die Lösungen eigentlich auf der Hand.

dickes Mädchen mit Computer-Konsole

Vernachlässigte Kinder bleiben sich selbst überlassen

Hat Harz IV aus Ihrer Sicht das Problem Kinderarmut – unbeabsichtigt – verstärkt?

Das glaube ich nicht. Vielleicht hat es das Problem stärker sichtbar gemacht, weil es plötzlich dadurch ein Thema wurde. Armut und Verwahrlosung gab es ja schon immer, aber heute eben verstärkt.

Wir sollten uns mal fragen, warum die Wirtschaft immer weiter wachsen muss. Auf der einen Seite herrscht dieser Leistungsdruck, auf der anderen Seite fallen immer mehr Leute aus dem System raus und kommen nicht mehr auf die Beine.

In den vergangenen 20 Jahren ist es noch stressiger geworden, dabei mitzuhalten. In meiner Jugend konnte man prima mit wenig Kohle auskommen, heute ist es schwierig, mit wenig Geld überhaupt noch jemand zu sein. Deshalb ja auch die ganzen Statussymbole wie elektronische Neuheiten und schnelle Autos, für die der letzte Cent ausgegeben wird, nur um nicht ausgegrenzt zu werden.

Stand: 08.12.2014, 09:17

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