Spenden ja, aber wie?

Fluglotse steht vor Ladung mit Hilfsgütern am Flughafen.

Deutsche Entwicklungshilfe

Spenden ja, aber wie?

Gutes tun – das will eigentlich jeder. Über 5,5 Milliarden Euro spendeten die Menschen in Deutschland 2015. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts GfK spendet über ein Viertel der Bevölkerung. Aber wem sollte ich mein Geld geben, wem nicht?

Darum geht's:

  • Den Erfolg von Hilfsprojekten zu messen, ist schwierig.
  • Unter den Hilfsorganisationen gibt es auch schwarze Schafe.
  • Ein Anhaltspunkt ist das Deutsche Spendensiegel.
  • Eine Organisation sollte ihre Finanzen veröffentlichen.
  • Ceval stellt eine Negativliste zur Verfügung.
  • In Katastrophengebieten wird oft Geld verschwendet.
  • Freiwilligenhilfe nutzt nur, wenn die Helfer Experten sind.
  • Evaluationen der eigenen Arbeit zeugen von Qualität.

Richtig spenden: Schwer, aber nicht unmöglich

Hilfsorganisationen gibt es viele. Zu viele, so scheint es. Richtig zu spenden - das ist in etwa so schwer wie die Wahl eines neuen Mobilfunktarifs. Aber nicht unmöglich. Es gibt kein Patentrezept fürs Helfen, sagen die Experten. Einige Standards könne jedoch jeder beachten.

"Lange Zeit wussten wir gar nicht, ob Entwicklungshilfe überhaupt etwas bewirkt", sagt Reinhard Stockmann. Er ist Leiter des Centrums für Evaluation (Ceval) an der Universität des Saarlandes.

Erst in den vergangenen Jahren hätte man Evaluationsmethoden entwickelt, um die Wirkung von Hilfsprojekten systematisch zu erfassen, sagt der Soziologe. Um diese Wissenslücke zu schließen, hat auch das Ceval in Saarbrücken viele Untersuchungen durchgeführt.

Wer den Erfolg von Entwicklungshilfe beurteilen will, muss verschiedene Faktoren beachten, die das Ergebnis einer Studie beeinflussen, darunter die Bildung, das politische System oder das Gesundheitswesen.

Ob ein Land mehr Wohlstand erlangt, je mehr Entwicklungshilfe es erhält – darüber können die Wissenschaftler bisher keine klare Aussage treffen.

Zu dem Ergebnis kommen neben Stockmann und seinen Forscherkollegen auch die Entwicklungsökonomen an der Georg-August-Universität in Göttingen.

"Ob ein Projekt Früchte trägt, können wir bis dato nur auf lokaler Ebene zeigen", sagt Axel Dreher. Er ist Professor für Entwicklungsökonomik und Internationale Wirtschaft. Etwa drei Viertel der Entwicklungsprojekte würden Erfolge verzeichnen, sagt Dreher.

Wer hält, was er verspricht?

"Wer helfen will, sollte sorgfältig auswählen, wem er sein Geld gibt", rät Reinhard Stockmann vom Ceval. Nicht alle Initiativen erfüllen, was sie versprechen: Unter den gemeinnützigen Organisationen gibt es auch schwarze Schafe, die das Mitgefühl der Spender für ihren eigenen Profit nutzen.

"Einen ersten Anhaltspunkt für vertrauenswürdige Organisationen gibt das Deutsche Spendensiegel", sagt Stockmann. Dieses Gütesiegel können Organisationen und Vereine freiwillig beim Deutschen Zentralinstitut für Soziale Fragen (DZI) beantragen.

Die drei Kleinbuchstaben dzi sind umrahmt von einem Kreis aus grünen Sternen.

Das DZI-Spendensiegel zeichnet vertrauenswürdige NGOs aus

Zertifiziert wird nur, wer eine Reihe von Kriterien erfüllt und etwa das Geld sauber und transparent verwaltet. "Hat eine Organisation kein DZI-Siegel, sollte sie zumindest der Initiative Transparente Zivilgesellschaft angeschlossen sein", rät Burkard Willke, wissenschaftlicher Leiter am DZI.

Dass die Hilfsorganisation ihre Finanzen veröffentlicht, sei aber in jedem Fall wichtig.

"Bei einer Organisation ohne DZI-Siegel sollten Spender sich zudem vergewissern, dass diese nicht auf unserer Negativliste erscheint", sagt Wilke. Auf der Liste erscheinen Initiativen, die offensichtlich mit fragwürdigen Methoden die Hilfsbereitschaft von Spendern ausnutzen.

"Ein Warnzeichen dafür ist eine extrem gefühlsbetonte Spendenwerbung, etwa mit Fotos von stark leidenden Menschen", sagt Wilke. Aufrufe wie "Spenden sie noch heute!" seien unseriös.

Bilder vom Elend regen zum Spenden an

Blutverschmiert, dreckig, krank – das Elend der Menschen zu zeigen, ist nicht der beste Anreiz fürs Spenden. "Bilder von Katastrophenregionen erregen viel Mitgefühl. Vor allem hier wird das Geld aber nicht immer sinnvoll eingesetzt", sagt der Entwicklungsökonom Axel Dreher.

Mann mit Emblem vom Roten Kreuz auf dem Hemd steht vor weißen Zelten.

Mit Spenden finanziert: Notunterkünfte in Krisengebieten

In den Krisengebieten mangle es oft an Koordination: Anstatt zu helfen, stehen sich die Entwicklungsorganisationen am Ende selbst im Weg. "Es kommt vor, dass bei Impfkampagnen ein Kind dreimal die gleiche Impfung erhält - von drei verschiedenen Hilfsorganisationen", sagt Dreher.

Viel Geld hilft viel – das stimmt so also nicht. Das zeigt auch eine Evaluation von Reinhard Stockmann und seinen Kollegen. Die Wissenschaftler untersuchten die Tsunami-Wiederaufbauhilfe in Sumatra 2004.

"Damals wurde viel Geld verschwendet", fasst Stockmann die Ergebnisse zusammen. "Menschen, die ein Haus verloren haben, besaßen auf einmal drei."

Aktiv Hilfe leisten statt Geld spenden

Nicht immer kommen die Spenden dort an, wo sie gebraucht werden. Ist es vielleicht besser, sich das Geld zu sparen und stattdessen selbst in den Katastrophengebieten zu helfen?

Nein, sagt Reinhard Stockmann. Den Freiwilligendiensten stehe er kritischer gegenüber als den Organisationen, die Spenden sammeln.

Zwei Tunesier und ein Deutscher beugen sich über Eisenrohre.

Tunesien: Deutsche Ingenieure helfen Brunnen zu bauen

"Die Freiwilligeneinsätze im Ausland helfen in erster Linie den Menschen hier, einen anderen Blick auf die Welt zu bekommen", sagt er. Oft seien die Helfer nicht ausreichend auf das vorbereitet, was sie erwartet. "Im Extremfall bereiten sie mehr Arbeit, als sie helfen", sagt er.

Das ist anders, wenn die Helfer Experten in ihrem Gebiet sind, vor allem der Austausch von Spezialwissen kann Früchte tragen. Eine Studie der Leuphana Universität Lüneburg zeigt das am Beispiel von Fortbildungen für Unternehmensgründer in Uganda.

Die spezialisierten Entwicklungshelfer trainierten die Teilnehmer und konnten diese so motivieren, eigene Unternehmen aufzubauen. Die Wissenschaftler luden für ihre Studie etwa 150 Studenten zu dem Existenzgründer-Training ein.

Ein Jahr später lag die Zahl der Firmengründungen unter den Teilnehmern um die Hälfte höher als in einer Vergleichsgruppe von Kommilitonen, die nicht geschult worden waren.

Evaluation zeugt von Qualität

"Unsere Studie bedeutet allerdings nicht, dass Existenzgründer-Programme per se förderungswürdig sind", sagt Michael Frese vom Institut für strategisches Personalmanagement der Leuphana Universität Lüneburg. Weltweit würden unzählige solcher Trainings angeboten. Systematisch auf ihre Wirkung geprüft seien jedoch nur eine Handvoll.

Und das führt wieder zurück zum Anfangsdilemma: Vielen gemeinnützigen Organisationen fehlt es noch an Projektevaluationen, um die Qualität ihrer Arbeit einschätzen zu können. "Dies ist eines der wichtigsten Qualitätskriterien für eine Hilfsorganisation - auch wenn das DZI-Spendensiegel das nicht erfordert", sagt Stockmann.

Sich selbst auf den Websites der jeweiligen Organisation zu informieren – das rät der Entwicklungshilfe-Experte all jenen, die sich für Spenden interessieren. Führe eine Organisation Evaluationen durch, so würden diese für gewöhnlich im Netz veröffentlicht. Und bestenfalls haben nicht die Organisationen selbst, sondern Unabhängige die Projekte überprüft.

Autorin: Inka Reichert

Weiterführende Infos

Stand: 26.07.2017, 13:30

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