Die D-Mark-Nostalgie

Geschichte der D-Mark

Die D-Mark-Nostalgie

Als am 1. Januar 2002 der Euro die D-Mark in den Geldbörsen der Bundesbürger ablöste, konnte sich mancher nur schwerlich von seinem Zahlungsmittel trennen, das ihn so lange begleitet hatte. Ende 2010 horteten die Deutschen immer noch 13,44 Milliarden D-Mark. Umfragen belegen, dass die Bundesbürger auch nach vielen Euro-Jahren immer noch an die D-Mark denken – und Finanzpsychologen haben schlüssige Erklärungen für diese Nostalgie.

Nachtrauern ist angesagt

Auch wenn die Werte unterschiedlich sind: Drei Studien machen deutlich, dass sich so mancher Bundesbürger immer noch nach der D-Mark sehnt. Eine Umfrage des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) aus dem Jahr 2008 zeigte, dass 59 Prozent der Befragten die Einführung des Euro "nicht gut" finden.

Zwei Jahre später, im Jahr 2010, ergab eine Infratest Dimap-Umfrage, dass 36 Prozent der Befragten die D-Mark wiederhaben möchten. Viel Zustimmung erhielt die D-Mark in einer Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos: Ihr zufolge wünschte sich im Jahr 2010 jeder zweite Bundesbürger die D-Mark zurück.

Nach und nach scheinen sich die Bundesbürger jedoch mit dem Euro anzufreunden. Der Prozentsatz derjenigen, die sich die D-Mark zurückwünschen, nimmt mit jedem Jahr laut Umfragen des Meinungsforschungsinstitutes Forsa ab. Vor allem jüngere Leute, die mit der D-Mark kaum in Berührung gekommen sind, trauern der alten Währung nicht nach.

Warum ein Teil der meist älteren Deutschen sich auch Jahre nach der Euro-Einführung die D-Mark zurückwünscht, erklären die Finanzpsychologen Monika Müller aus Wiesbaden und Guido Kiell aus Düsseldorf sowie der Wirtschafts- und Sozialpsychologe Prof. Stefan Schulz-Hardt von der Universität Göttingen.

"Symbol zum Anfassen"

Porträt Monika Müller.

Die Finanzpsychologin Monika Müller

"Die D-Mark steht für Aufbau, Sicherheit und Wohlstand", sagt Monika Müller. Dies gelte vor allem für die älteren Generationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg miterlebt hätten, dass das ganze Land in Trümmern lag. Doch plötzlich, mit der Geburt der Bundesrepublik Deutschland, habe es eine neue Währung gegeben: "Das ist emotional sehr eng miteinander gekoppelt, vor allem weil das darauffolgende Wachstum mit viel Positivem für die deutsche Bevölkerung verbunden gewesen ist", so Müller.

Ähnlich erklärt sich auch der Kölner Psychologe Guido Kiell die immer noch bestehende Liebe der Deutschen zu ihrer früheren Währung: "Die D-Mark versinnbildlichte nach dem Zweiten Weltkrieg für viele Deutsche ein Land, das sich erfolgreich nach 1945 selbst neu erfunden hat." Denn schließlich habe es die Etablierung einer der stabilsten Demokratien in Europa, Wachstum und wirtschaftlichen Wohlstand für weite Teile der Bevölkerung sowie soziale Sicherheit erreicht.

Zwar habe es auch andere Sachverhalte gegeben, die dieses "neue" Deutschland symbolisierten, beispielsweise die soziale Marktwirtschaft, so Kiell. Aber: "Der wesentliche psychologische Unterschied ist, dass die D-Mark das 'Symbol zum Anfassen' war. Jeder Deutsche hatte sie in der Tasche - jeden Tag", sagt Kiell.

Der Euro als Sündenbock

Börsenmakler vor abgestürzter DAX-Kurve.

Der Euro wurde kurz nach dem Börsencrash 2001 eingeführt

Dass die Deutschen der Einführung des Euros skeptisch gegenüberstanden, erklärt sich Wirtschafts- und Sozialpsychologe Stefan Schulz-Hardt so: "Die Deutschen hatten ja keine Wahl, es gab kein Referendum, ob die Bundesrepublik der Euro-Zone beitreten soll oder nicht." Es sei eine Gesetzmäßigkeit, dass Menschen, wenn sie etwas aufgezwungen bekämen, zunächst mit Ablehnung reagierten.

"Im Laufe der Jahre ist eine latente Unzufriedenheit mit dem Euro geblieben - und immer wenn jetzt etwas schief läuft, dann liegt es nahe, den Euro als Sündenbock heranzuziehen", sagt Schulz-Hardt.

Auch Monika Müller hat eine Erklärung für die unterschiedlichen Sympathien gegenüber Euro und D-Mark: "Der Euro ist in einer problematischen Phase, in der die Börse gecrasht ist und in der wir Wirtschafts-, Finanz- und Immobilienkrisen hatten, eingeführt worden." Zwar hätten die Krisen nicht zwangsläufig mit dem Euro zu tun gehabt.

"Trotzdem nehmen wir diese Dinge gleichzeitig wahr und verquicken sie emotional miteinander, weshalb eine neutrale bis negative Verbindung dieser Themen entsteht." Außerdem sei der Euro das Symbol für die Europäische Union, so Müller: "Das ist die Währung einer Patchwork-Familie, in der auch Teile der Familie zusammenkamen, die das gar nicht wollten."

Guido Kiell ist der Meinung, dass die D-Mark in Krisenzeiten ein Stellvertreter ist: "Es ist nicht die Währung selbst, die man zurück will, sondern nur die Rahmenbedingungen, die man hiermit psychologisch in Verbindung bringt." Zu diesen Wünschen zählten die deutsche Autonomie in der Währungspolitik und damit Währungsstabilität sowie die Abkehr von der europäischen Solidargemeinschaft und dem damit verbundenen europäischen Finanzausgleich, erläutert Kiell.

Euro gleich Teuro?

Porträt Stefan Schulz-Hardt.

Der Wirtschafts- und Sozialpsychologe Prof. Stefan Schulz-Hardt

Der Euro hat seit seiner Einführung mit einem tief sitzenden Image-Problem zu kämpfen: "Es gab die weitverbreitete Meinung, dass der Euro ein 'Teuro' ist, obwohl sich das objektiv gar nicht halten ließ", betont Schulz-Hardt. Er hat im Jahr 2002 eine Reihe von Experimenten durchgeführt, in der die Preiswahrnehmung untersucht wurde.

Die Versuchspersonen bekamen Speisekarten vorgelegt - darunter eine, die angeblich bis kurz vor der Euro-Einführung 2002 Gültigkeit hatte und in der alle Speisen in D-Mark ausgezeichnet waren. Später bekamen sie genau die gleichen Speisekarten gezeigt, allerdings mit Euro-Werten. Dann mussten die Teilnehmer einschätzen, wie sich die Preise nach der Euro-Einführung verändert hatten.

"In der Mehrheit der Fälle haben wir gesehen: Wenn die Preise für die Speisen tatsächlich gestiegen waren, dann wurde das überhöht wahrgenommen: Wenn wir sie um 15 Prozent erhöht hatten, dann haben die Testpersonen 20 bis 25 Prozent wahrgenommen", erinnert sich Schulz-Hardt. Wenn die Preise jedoch stabil geblieben seien, dann hätten die Versuchspersonen trotzdem geglaubt, sie seien um zehn Prozent gestiegen. Bei einer Preissenkung um 15 Prozent hätten sie schließlich den Eindruck gehabt, es habe sich um dieselben Preise wie in D-Mark gehandelt.

D-Mark-Preise als Ankerpunkte

Eine Hand mit Euro- und eine Hand mit Mark-Scheinen.

Viele Bundesbürger rechnen noch in D-Mark um

Auch heute noch werde von Euro in D-Mark umgerechnet, ist sich Kiell sicher. Er stützt seine Einschätzung auf eine Umfrage: "Bei einer Leserbefragung des Sterns im Jahr 2007, also fünf Jahre nach Euro-Einführung, gaben 74 Prozent der 1185 Befragten an, noch immer im Kopf umzurechnen." Das erklärt Kiell wie folgt: "Menschen neigen dazu, Dinge nicht absolut, sondern immer relativ, also im Vergleich zu anderen Menschen oder zu anderen Dingen, zu bewerten."

Die Umrechnung und der Vergleich mit dem alten Bezugssystem suggeriere eine vermeintliche Urteilssicherheit. Kiell betont: "Die D-Mark-Preise sind zwar Ankerpunkte, um dieses Gefühl zu erlangen. Gefährlich dabei ist aber, dass Dinge heute wegen der Inflation auch in D-Mark viel mehr kosten würden als damals."

Auch Müller hat den Eindruck, dass immer noch Euro in D-Mark umgerechnet wird: "Das wird unterschiedlich gehandhabt: Die Älteren, die die D-Mark gewohnt waren, rechnen eher um als die Jüngeren, die sich kaum noch an die D-Mark erinnern können."

Auch in 100 Jahren Nostalgie

Porträt Guido Kiell.

Der Finanzpsychologe Guido Kiell

Wie lange sich die D-Mark-Nostalgie der Deutschen noch hält? Guido Kiell ist sich sicher: "Die D-Mark wird wahrscheinlich auch noch in 100 Jahren in den Köpfen vieler Menschen sein." Weniger weil sie damit direkten Kontakt hätten, sondern vielmehr deshalb, weil sie in den Geschichtsbüchern als Symbol genannt würde, das eine wichtige und erfolgreiche Epoche der deutschen Nachkriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts repräsentierte.

"Eines ist jedoch relativ sicher: In 100 Jahren wird niemand mehr von Euro in die D-Mark umrechnen, denn in hundert Jahren werden nur noch Menschen leben, die die D-Mark niemals in der Hand hielten", sagt Kiell.

Auch Monika Müller ist der Ansicht, dass die D-Mark noch lange in den Köpfen der Deutschen bleiben wird: "Das wird so lange so bleiben, wie der Euro mit Nachteilen in Verbindung gebracht wird. Wenn wir in den nächsten zehn Jahren einen Wirtschaftsaufschwung haben und stabile Preise, dann würde man nicht mehr so häufig nostalgisch an die D-Mark denken und sie zurückwünschen." In diese Richtung denkt auch Schulz-Hardt: "Das Nachtrauern wird erst aufhören, wenn man einen besseren Sündenbock gefunden hat."

Autoren: Irina Fernandes/Tobias Aufmkolk

Stand: 26.09.2014, 16:19

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