Interview mit Susanne Goebel

Kulturwissenschaftlerin Susanne Goebel vor der Aufzeichnung im Planet Wissen Studio

Industrialisierung in Deutschland

Interview mit Susanne Goebel

Von Ana Rios und Claudia Heidenfelder

Das "Maschenmuseum" in Albstadt auf der Schwäbischen Alb schildert die Geschichte der regionalen Textilindustrie. Die Kulturwissenschaftlerin Susanne Goebel leitet das Museum und hat diese Ausstellung zur Textilgeschichte aufgebaut.

Planet Wissen: Frau Goebel, wie kam eine so abgelegene Region wie die Schwäbische Alb relativ früh zu einer Industrie?

Susanne Goebel: Es war nicht der Reichtum an Bodenschätzen oder Wasserkraft – das gab es auf der Alb nämlich kaum. Die Region war nicht nur abgelegen, die Menschen waren auch bitterarm.  Die Grundstücksgrößen in der Landwirtschaft waren wegen der Erbsitte der Realteilung klein. Die Erträge reichten oft nicht mal für den Lebensunterhalt der Familie.

Aufgrund der kargen Böden und des rauen Klimas waren die Bauern auf einen Nebenerwerb angewiesen – und dieser Nebenerwerb war oft ein textiler Nebenerwerb. Man begann Flachs und Hanf anzubauen, das schwäbische Landschaf mit den Merino-Schafen zu kreuzen und natürlich die verschiedenen Textiltechniken zu erlernen.

Man kann schon sagen, dass dieser Nebenerwerb des Webens, Strickens oder Stickens die Grundlage einer späteren Textilindustrie in dieser Region bildete. Hier wurde aus der Not eine Tugend gemacht.

Die gewirkten Trikotstoffe von der Alb hatten schnell großen Erfolg. Warum?

Zeichnung von Herrenwäsche um 1930.

Herrenwäsche um 1930

Zuerst mal passt sich gestrickte und gewirkte Unterwäsche einfach viel besser der Körperform an, weil sie dehnbar ist. Man kennt das ja vom Stricken mit der Hand: Es handelt sich hier um ein Einfadensystem, das heißt es wird immer wieder derselbe Faden in Maschen gelegt, das Gestrickte bleibt in sich flexibel. Beim Weben arbeite ich dagegen mit Kette und Schuss, die rechtwinklig fest miteinander verbunden werden. Das ist nicht dehnbar. Gewebte Leinenhemden waren jahrhundertelang die Unterkleidung eines Großteils der Bevölkerung. Man hat früher gesagt: "So ein Leinenhemd hält ein Leben lang", weil es unglaublich haltbar und strapazierfähig war. Es war Teil der Aussteuer, die Frauen mit in die Ehe brachten, und ihr ganzer Stolz, da sie es meist selbst genäht hatten. Aber so haltbar diese Hemden auch waren, so unbequem waren sie.

Wie kam es zum Durchbruch der Trikot-Wäsche?

Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 hatten Soldaten erstmals Kontakt mit gewirkter Unterwäsche und wollten seitdem nicht mehr darauf verzichten. Verschiedene Ärzte haben sich für die neue bequeme und hygienische Wäsche ausgesprochen.

Außerdem war die Zeit um die Jahrhundertwende geprägt von einer zunehmenden Mobilität, von Sport und mehr Tempo. Die neue gewirkte Unterwäsche beziehungsweise Kleidung entsprach diesem Zeitgeist voll und ganz. Seit den 1880er Jahren wurde gewirkte Unterwäsche dann im Albstädter Raum im großen Stil, also in Massenproduktion, hergestellt und vertrieben.

Schwarzweiß-Foto einer Frau beim Arbeiten in der Textilfabrik

Am Webstuhl in der Textilfabrik

Wohin wurden die Trikotagen "Made in Albstadt" damals verkauft?

Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts exportierte das Ebinger Strumpfwirkergewerbe neben Baden und Bayern auch in die Schweiz, nach Oberitalien und Holland. Sogar Russland und Amerika bezogen Wirkwarenprodukte aus dem Tal.

Am Ende des Jahrhunderts war der Export noch wichtiger geworden: Ich glaube, man kann sagen, die Albstädter Trikotagen gingen in die ganze Welt.

Wie viele Frauen arbeiteten auf der Alb in den Textilfabriken?

Die Textilherstellung und die klassischen Handarbeiten zogen sich wie ein roter Faden durch das Leben der Frauen. Die Textilindustrie war schon immer und ist auch heute noch der Industriezweig mit einer der höchsten Frauenerwerbsquoten überhaupt. Albstadt hatte lange eine der höchsten Frauenerwerbsquoten im ganzen Bundesgebiet.

Das Nähen ist eine Arbeit, die nicht weiter automatisiert werden kann, die personalintensiv ist. Von den Fabrikherren wurde immer wieder ein Mangel an "Nähterinnen" beklagt. Viele Frauen, die wegen der Kinder nicht in die Fabrik gehen konnten, arbeiteten dann eben in Heimarbeit oder in Nähfilialen im Nachbardorf.

Es war früher üblich, dass Mädchen mit 14 Jahren in die Fabrik gingen. Die meisten konnten dann schon nähen und mussten nicht, wie sich ein Ebinger Textilfabrikant 1875 beklagte: “…von diesen erst beim Arbeitgeber auf dessen Kosten eingeführt werden.“

Schwarz-weiß-Aufnahme mit Frauen in einer Textilindustrie.

Vor allem Frauen arbeiteten in der Textilindustrie

Mussten auch Kinder mit anpacken?

Ja! Kinderarbeit war durchaus üblich und weit verbreitet. Die Betroffenen haben es selbst nicht unbedingt als Kinderarbeit bezeichnet, sondern kurz und knapp: "Ma hat halt mitschaffa müssa."

Kinder haben nicht nur in der Landwirtschaft geholfen, sondern auch der Mutter bei der Heimarbeit: Sie haben – je nach Auftragslage auch bis in die Nacht hinein – Knöpfe angesetzt oder Knopflöcher gemacht. Kinderarbeit war dann ab 1904 verboten, konnte aber bei der Heimarbeit schlecht kontrolliert werden.

Schwarz-weiß-Aufnahme Im Nähsaal der Firma Balthasar Blickle.

Im Nähsaal der Firma Balthasar Blickle

Menschen, die früher im Freien auf dem Feld gearbeitet haben, standen plötzlich in Fabrikhallen an Maschinen. Wie kamen sie mit dieser Umstellung zurecht?

Ich denke, dass diese Umstellung enorm war. Die Menschen waren mit der Sonne aufgestanden, hatten das Vieh versorgt und das Feld bestellt, ihr Tagewerk verrichtet. Ihr Tagesrhythmus orientierte sich an der Natur, an den eigenen Lebensbedürfnissen wie Wohnen, Kleidung und Ernährung.

Mit der Arbeit in der Fabrik kam plötzlich die Trennung von Wohnen und Arbeiten. Man musste sich an einen genauen Zeitplan halten, an einen vorgegebenen Arbeitsrhythmus. Durch die Arbeitsteilung wurden immer die gleichen Handbewegungen gemacht:  Die Arbeit war monoton, die Luft stickig und das Licht schlecht.

Dazu war die Arbeit sehr anstrengend und dauerte lange: Bevor 1918 der Acht-Stunden-Tag eingeführt wurde, arbeiteten die Arbeiter täglich noch zehn Stunden – wohlgemerkt – bei einer Sechstagewoche!

Für uns heute ist ein Leben nach der Uhr ganz normal. Wie war das damals?

In der Zeit der Industrialisierung hieß das Motto plötzlich "Zeit ist Geld". Morgens wurde man vom Wecker geweckt, die Fabriksirene gab das Signal für den Arbeitsbeginn in der Fabrik, die Maschine gab das Arbeitstempo vor.

Häufig wurde im Akkord gearbeitet und die Arbeit von einem Werkmeister beaufsichtigt. Bei Interviews, die ich in den 1980er Jahren geführt habe, erzählten manche, dass sie jeden Morgen geweint haben, wenn sie in die Fabrik mussten. Es war der reine Stress für sie. Andere wiederum sind gerne gegangen.

Auf Belegschaftsbildern kann man sehen, dass der Gesichtsausdruck und die Körperhaltung der Menschen sich verändert und zunehmend erstarrt. Der Mensch wurde mehr und mehr durch Arbeitszeit und Maschinen geprägt und damit eigentlich fremdbestimmt.

Belegschaft der Firma Wohnhas & Schmid um 1905.

Belegschaft der Firma Wohnhas & Schmid um 1905

Wie brachte man die Leute dazu, sich plötzlich nach Zeiten zu richten?

Für die Einhaltung der langen Arbeitszeiten sorgten einerseits Stech- oder Stempeluhren, die den Arbeitsbeginn, die Pausen und das Arbeitsende auf Stempelkarten festhielten. Ein Übriges taten mahnende Worte der Vorgesetzten, vom Werkführer bis zum Fabrikanten. Und wenn das nicht half, dann auch mal Sanktionen wie Abzüge vom Lohn.

Welche Rolle spielten damals Gesundheit und Umweltschutz?

Auf zahlreichen alten Fotografien sehen wir rauchende Fabrikschlote. Diese galten in erster Linie als Zeichen des Fortschritts und der Industrialisierung und vor allem als Zeichen von Vollbeschäftigung. Dass die Hausfrauen tunlichst ihre Weißwäsche nicht an einem Montag draußen aufhängen konnten, wenn in allen Fabriken die Dampfmaschinen angefeuert wurden und dunkler Rauch aus den Schloten kam, das wird heute nicht mehr bedacht.

Ein Beispiel für den Umgang mit der Umwelt ist die Schmiecha, ein kleiner Fluss, der durch Albstadt fließt. Die Schmiecha floss, wie man so schön sagen kann, damals in den Farben der Saison und war biologisch tot.

Viele erinnern sich noch, dass bis in die 1970er Jahre sich hier Schaumberge zeigten und man sehen konnte, mit welchen Farben gerade gefärbt wurde. Es gab zwar schon seit den 1930er Jahren eine Kläranlage. Die war aber einfach überbelastet, da so viele Betriebe vollstufig gearbeitet auch gefärbt haben.

Baumwolle für die Trikotagen.

Baumwolle für die Trikotagen

Gab es in Albstadt auch mal Protest gegen die Arbeitsbedingungen?

Alles in allem kann man sagen, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein gutes, eben auch patriarchalisch geprägtes Verhältnis hatten. Doch in Krisenzeiten sind die Arbeiter auch hier auf die Straßen gegangen, wie nach dem Ersten Weltkrieg, genau am 2. Juli 1919, als sich ein großer Demonstrationszug durch die Straßen Ebingens zog. Die Menschen hatten nichts zu essen, die Versorgung mit Lebensmitteln war katastrophal. Dazu kam die Ungewissheit ihrer Existenz, da die meisten keine Arbeit mehr – oder noch nicht – hatten.

Oder auch in Zeiten der Inflation, in den 1920er Jahren, als die Arbeiter für ihre Arbeit mit dem empfangenen Lohn kaum mehr als das Nötigste zum Überleben kaufen konnten, da die Geldentwertung so rasant war. Da flogen dann schon mal Steine gegen das Rathaus und in die Fenster einiger Textilfabriken. Aber selbst in diesen turbulenten Zeiten blieb die Arbeiterschaft recht moderat und ließ sich selbst von Gewerkschaften nur schwerlich auf einen Arbeitskampf einschwören.

Stand: 07.06.2018, 12:00

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