Interview: Wie werden wir in Zukunft alle satt?

Das Bild zeigt den Filmemacher Valentin Thurn.

Kampf um Nahrungsmittel

Interview: Wie werden wir in Zukunft alle satt?

Es wird eng auf unserer Erde – die Weltbevölkerung wächst und wächst. Jede Sekunde kommen im Schnitt fünf Menschen dazu. Gleichzeitig ist Nahrung schon heute in vielen Teilen der Welt knapp. Und die Ressourcen schwinden: Ausgelaugte Böden, leergefischte Ozeane und knapper werdendes Trinkwasser sind die Folgen unserer Ernährung. Wie sollen wir also erst alle satt werden, wenn es Mitte des Jahrhunderts zehn Milliarden Menschen gibt? Der Filmemacher und Aktivist Valentin Thurn hat für seinen Kinofilm "10 Milliarden – Wie werden wir alle satt?" rund um den Globus nach Antworten gesucht.

Darum geht's:

  • In Deutschland landen jährlich tonnenweise frische Lebensmittel im Müll.
  • Immer mehr Menschen weltweit müssen in Zukunft satt werden.
  • Das größte Problem ist die gerechte Verteilung der Nahrung.
  • Jeder kann helfen: regionale Lebensmittel und weniger Fleisch essen.

Planet Wissen: Seit vielen Jahren beschäftigen Sie sich mit den Thema Nahrung. Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Valentin Thurn: Zum einen hat mich eine frühe Erfahrung nachhaltig beeindruckt: Bei einer Fahrradtour als Schüler in den Ferien war meinen Freunden und mir nach gut vier Wochen das Geld ausgegangen.

Trotzdem konnten wir neun Tage lang in London von dem leben, was an Lebensmitteln auf dem "Borough Market" täglich einfach weggeschmissen wurde. 20 Jahre später habe ich in Erinnerung daran meinen Film "Taste the Waste" gedreht, in dem es um unsere Wegwerfgesellschaft geht.

Allein in Deutschland landen jährlich zehn bis 20 Millionen Tonnen frischer Lebensmittel im Müll. Das entspricht einem Wert von zehn bis 20 Milliarden Euro.

Sowohl in den Diskussionsrunden im Kino nach "Taste the Waste" als auch an der Flut von Zuschriften nach der Fernseh-Ausstrahlung habe ich gemerkt, dass diese unglaubliche Verschwendung nicht nur mich, sondern offenbar auch viele andere Menschen bewegt. Da war mein journalistischer Instinkt geweckt, an dem Thema dranzubleiben.

Eine noch fast volle Packung Toastbrot und ein Schale Kartoffelsalat liegen in einer Mülltonne.

Tonnenweise frische Lebensmittel landen im Müll

Nach "Taste the Waste" haben Sie nun den Kinofilm "10 Milliarden" gedreht. Beantwortet er die Frage, wie die Weltbevölkerung 2050 satt wird?

Eine einfache Lösung gibt es für das Problem nicht. Aber in meinem Film kommen viele Menschen zu Wort, die unterschiedliche Antworten und Lösungsansätze haben.

Die Vertreter der Agrarindustrie sind zum Beispiel sehr optimistisch, dass sie mit ihren Mitteln Mitte des Jahrhunderts genug Nahrung für alle liefern können. Weil die industrielle Landwirtschaft global immer weiter expandiert und auf Gentechnik, Düngemittel und Massenproduktion setzt.

Auf der anderen Seite stehen die Biobauern und die Kleinbauern in der Dritten Welt, die weniger produzieren, aber dafür nachhaltig arbeiten und die Ressourcen schonen. Ich treffe aber auch einige der vielen Wissenschaftler, die weltweit an Ideen für ganz neue Nahrungsquellen tüfteln.

Am Ende des Films stelle ich Projekte vor, mit denen Menschen in ihrer Region oder in ihrer Stadt ihre Ernährung sichern wollen. Es wird deutlich, dass jeder von uns mit seinem Essverhalten Einfluss nehmen und mitentscheiden kann, ob es in 30 oder 40 Jahren weltweit genug für alle gibt.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem bei der Ernährung von zehn Milliarden Menschen?

Das größte Problem ist ganz sicher die gerechte Verteilung der Nahrung. In den Industrieländern leiden zwei Milliarden unter Übergewicht, während in den Entwicklungsländern mindestens ebenso viele Menschen unter Hunger oder Fehlernährung leiden.

Schon jetzt hat die UNO ihr Ziel, die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 zu halbieren, verfehlt. Mein Optimismus, dass die Verteilung der Nahrung bis 2050 gerechter wird, hält sich in Grenzen.

Wie kann denn jeder von uns dazu beitragen, dass die Nahrung für alle Menschen auf der Welt reicht?

Wenn wir alle weniger Fleisch essen, weniger Lebensmittel wegwerfen und mit Zutaten aus unserer Region kochen würden, wäre schon ein großer Schritt getan. Denn unser riesiger Hunger nach Fleisch sorgt unter anderem dafür, dass weltweit immer mehr Getreide für Tiere statt für Menschen angebaut wird. Allein in Europa gehen 57 Prozent der Getreideernte für Tiernahrung drauf.

Weil bei uns außerdem ein Großteil der Lebensmittel im Müll landet, wird viel mehr produziert, als eigentlich gebraucht wird. Das lässt die Preise für Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt steigen und arme Menschen können sich diese nicht mehr leisten.

Und wenn wir Produkte aus unserer Region kaufen und so die Landwirtschaft im Umfeld stärken, machen wir uns unabhängiger vom globalen Handel und wappnen unser Ernährungssystem gegen Krisen.

Warum haben Sie parallel zum Film die Online-Plattform "Taste of Heimat" ins Leben gerufen?

Die Seite soll es den Verbrauchern leichter machen, Lebensmittel zu suchen, die direkt vor der Haustür angebaut beispielsweise hergestellt werden. Sie finden auf der Online-Plattform zum Beispiel die nächstgelegenen Biosupermärkte oder Links zu mietbaren Gemüsegärten und Solidarischer Landwirtschaft.

Läden, Restaurants oder Landwirte, die regionale Produkte anbieten, können sich bei uns registrieren. Darüber hinaus wollen wir mit der Seite auf das Thema Welternährung aufmerksam machen und informieren, warum es Sinn macht, Produkte in der eigenen Region zu kaufen.

Das Foto zeigt eine Frau, die am Marktstand einkauft.

Auf vielen Wochenmärkten gibt es regionale Produkte

Interview: Annette Holtmeyer

Weiterführende Infos

Stand: 15.04.2015, 12:50

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