Hans-Jürgen Jakobs: "Große Investoren verändern die Gesellschaft"

Portraitaufnahme von Hans Jürgen Jakobs.

Kapitalismus

Hans-Jürgen Jakobs: "Große Investoren verändern die Gesellschaft"

Von Beate Krol

Wem gehört die Welt? Der renommierte Wirtschaftsjournalist und frühere Chefredakteur des Handelsblatts, Hans-Jürgen Jakobs, wollte es wissen. Ein Jahr lang hat er mit 30 Kolleginnen und Kollegen recherchiert und ein höchst aufschlussreiches Buch über die Macht von Konzernen und Großinvestoren geschrieben.

Planet Wissen: In Ihrem Buch erfährt man, wo sich auf der Welt das meiste Geld ballt. An der Spitze stehen die Vermögensverwalter. Wie klar war Ihnen, über welche gigantischen Summen die Branche verfügt?

Hans-Jürgen Jakobs: Dass bei Fondsgesellschaften – insbesondere aus den USA – große Vermögen zusammengeballt sind, wusste ich. Dass es derart große Summen sind und dass so viel Vermögen bei so Wenigen konzentriert ist, hat mich dann doch überrascht.

Und mir war auch nicht klar, wie stark die Finanzindustrie – also Vermögensverwalter, Banken und Private Equity-Firmen – untereinander verflochten ist.

Wie viel Macht ist mit dem Geld verbunden?

Je größer die Summe ist, umso größer sind die Einflussmöglichkeiten. Der weltweit größte Vermögensverwalter Blackrock beispielsweise ist an Börsengesellschaften in aller Welt beteiligt und oft unter den drei größten Aktionären. Und diese Großaktionäre sind gefragt, wenn es um grundlegende Entscheidungen in Unternehmen geht.

Warum ist das problematisch?

Die Vermögensverwalter vertreten die Interessen derjenigen, die bei ihnen Geld anlegen, also Pensionsfonds, Staatsfonds, große Stiftungen, sehr reiche Menschen und Versicherungen. Die Interessen von Arbeitnehmern und Verbrauchern sind für die Vermögensverwalter nachrangig.

Das verändert Gesellschaften und Volkswirtschaften. Viele der Fusionen, die wir gerade weltweit erleben, sind beispielsweise nur durch die großen Vermögensverwalter oder durch Aktivitäten von Staatsfonds und Pensionsfonds zu erklären. So unschuldig wie die Branche tut, ist sie bei Weitem nicht.

Wie klar ist den Großinvestoren, dass sie gegen große Teile der Bevölkerung handeln?

Blackrock und die anderen haben das Gefühl, für alle da zu sein und für alle das Geschäft zu machen. Und ein bisschen profitiert der sogenannte kleine Mann ja auch von den Firmen, weil er sein Geld in öffentlichen Pensionsfonds hat, die das Geld über die Vermögensverwalter anlegen. Auch die derzeit durchaus lukrativen Indexfonds der Vermögensverwalter zielen auf die breite Masse.

Trotzdem nimmt der Unmut gegenüber der Globalisierung zu. Wie geht die Branche damit um? Nimmt sie ihn überhaupt wahr?

Ich glaube, die großen Geldgeber kommen an der negativen Wahrnehmung der Globalisierung nicht vorbei. Das System, das sie geschaffen haben und das sie aufrechterhalten, weil sie von ihm profitieren, hat sich zu sehr gelöst von der Welt der einfachen Menschen. Denen ist das zu diffus, zu kompliziert und es passiert ihnen zu viel im Verborgenen.

Außerdem glauben sie nicht mehr, dass das System höhere Einkommen und eine größere Jobsicherheit produziert, sondern im Gegenteil: Zukunftsunsicherheit. Deshalb machen Populisten mit dem Thema auch so erfolgreich Wahlkampf.

Und wenn sie dann – wie Donald Trump – gewählt sind, engagieren sie Großinvestoren als Berater oder holen sie gleich in die Regierung.

Das ist ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Es gibt keine größeren Geschäfte in der Weltwirtschaft, die ohne politische Begleitung funktionieren.

Auf der anderen Seite hat Larry Fink, der Gründer von Blackrock, während der Finanzkrise am Sanierungs- und Rettungspapier für die amerikanische Bankenlandschaft mitgeschrieben. Man braucht einander, wenn man so will. Trotzdem ist das System herausgefordert und muss sich erklären.

Heißt das, dass die Macht der großen Investoren tatsächlich eingedämmt werden könnte?

Ich sehe im Augenblick nicht sehr viele, die die Globalisierung beredt und mit glaubhaften Argumenten verteidigen können. Da haben die Kritiker ein gewisses Übergewicht. Aber auch sie werden nicht so schnell erfolgreich sein. Neue, weltweit gültige Gesetze und Institutionen zu schaffen, ist ein sehr schwieriges politisches Unterfangen. Das geht in Minischritten vorwärts.

Und bei den bestehenden globalen Institutionen wie UN, Welthandelsorganisation und Unesco wird es schwierig, sich auf weltweit gültige Regulierungen zu einigen, weil die USA diese Organisationen nicht mehr unterstützt oder sogar verlässt. Man braucht sie aber für einen Konsens.

Und davon profitieren die großen Investoren?

Ich glaube, dass es noch lange viele freie Betätigungsfelder für sie gibt.

Stand: 03.11.2017, 08:00

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