Ulrike Herrmann: "Kapitalismus ist Wachstum"

Portraitaufnahme von Ulrike Herrmann.

Kapitalismus

Ulrike Herrmann: "Kapitalismus ist Wachstum"

Von Kerstin Deppe

Geld, Konsum, Überfluss: Daran denken Menschen auf der Straße, wenn sie den Begriff Kapitalismus hören. Für Ulrike Herrmann bedeutet Kapitalismus vor allem Wachstum und technischen Fortschritt. Die Journalistin ist Wirtschaftskorrespondentin der "tageszeitung" und hat ein Buch über den Kapitalismus geschrieben ("Der Sieg des Kapitals").

Frau Herrmann, was hat Kapitalismus mit Wachstum zu tun?

Im Kern geht es darum, dass Unternehmer in Technik investieren, um hinterher mehr Waren und Dienstleistungen zu produzieren. Der Beginn des Kapitalismus ist recht genau datierbar: Vor etwa 250 Jahren wurde in England die "Spinning Jenny" erfunden, die erste industrielle Spinnmaschine. Plötzlich konnte jeder Arbeiter viel mehr Garn herstellen, die Produktivität nahm unglaublich zu. Damit begann die Wirtschaft pro Kopf zu wachsen, was es bis dahin in der gesamten Menschheitsgeschichte nicht gegeben hatte. 

Warum ausgerechnet England?

Dort gab es damals die höchsten Löhne der Welt.  Die Engländer waren daher nicht mehr konkurrenzfähig und mussten sich etwas einfallen lassen, wie sie die teuren Arbeiter ersetzen konnten. Technik wird nicht eingesetzt, weil man sie hat, sondern weil sie sich lohnt. Das gilt bis heute.

Hohe Löhne sind der eigentliche Motor des Kapitalismus. Sie müssen hoch sein, damit sich Investitionen lohnen und es technischen Fortschritt gibt – und sie müssen steigen, damit es genug Menschen gibt, die die vielen Waren auch kaufen können. Massenproduktion braucht Massenkonsum.

Der Kapitalismus hat uns also reich gemacht?

Ja, aber nicht von Anfang an. Als die ersten Fabriken entstanden und die Menschen vom Land in die Städte zogen, verarmte das Proletariat zunächst. Die Arbeiter wurden schlecht bezahlt, Kinder und Frauen als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. In Industriestädten wie Liverpool und Manchester sank die durchschnittliche Lebenserwartung auf gerade einmal 17 Jahre.

Erst die Gewerkschaften haben bessere Arbeitsbedingungen durchgesetzt, sodass die Reallöhne stiegen. Und weil die Waren durch die Massenproduktion ständig billiger wurden, konnten sich die Menschen immer mehr leisten. Unseren heutigen Wohlstand haben wir dem Kapitalismus zu verdanken.

Was hat uns der Kapitalismus sonst noch gebracht?

Eine ganze Menge. Nur vier Beispiele: Als Folge des Wohlstands ist unsere Lebenserwartung auf etwa 80 Jahre gestiegen, wir leben in einer Demokratie, etwa 50 Prozent eines Jahrgangs machen Abitur, und auch die Gleichberechtigung der Frauen kommt voran. Im Feudalismus hatte die große Mehrheit der Bevölkerung nichts zu melden, und es war auch undenkbar, dass jedes Kind zur Schule ging. 

Zudem sind diese Prozesse nicht abgeschlossen. Stichwort Gleichberechtigung: Erst jetzt haben wir zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands eine Kanzlerin, aber es ist schon abzusehen, dass sie nicht die letzte bleiben wird. Die soziale Dynamik des Kapitalismus ist ungebrochen. Der Wohlstand schiebt sozusagen von hinten und wird die Gesellschaft weiter verändern.

In welche Richtung wird diese Veränderung gehen? Im Moment häufen sich die Krisen des Kapitalismus.

Wir hatten seit der Jahrtausendwende drei schwere Finanzkrisen, das ist ein deutliches Alarmzeichen. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus dachte man, der Kapitalismus sei der ewige Sieger, und hat stark dereguliert. Der Staat zog sich zurück; die Banken konnten machen, was sie wollten. Was wir heute erleben, ist die Pervertierung des Kapitalismus.

Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, das Vermögen ist extrem ungleich verteilt. Um den Kapitalismus zu stabilisieren, müsste die Politik dringend gegensteuern und dafür sorgen, dass die Löhne wieder steigen. Der Kapitalismus funktioniert nur, wenn alle profitieren. Wie gesagt: Massenproduktion erfordert Massenkonsum.

Ein weiteres Problem ist die Endlichkeit der Ressourcen. Bricht der Kapitalismus zusammen, wenn die Rohstoffe verbraucht sind?

Ich denke, ja. Der Kapitalismus gerät an zwei absolute Grenzen: die Umwelt, und die Rohstoffe werden knapp. Der Kapitalismus ist ein System, das permanentes Wachstum braucht. Diese Expansion ist aber nur möglich, wenn man ständig Energie und Rohstoffe umwandelt. 

Auch "grüne" Technologie ist nicht wirklich grün. Schwindende Rohstoffe bedeuten jedoch, dass weiteres Wachstum irgendwann nicht mehr möglich ist – und damit muss dann leider auch der Kapitalismus verschwinden.

Viele Menschen versuchen, Energie und Rohstoffe zu sparen und bewusst zu konsumieren. Ist das die Lösung?

Nein. Wenn wir jetzt alle anfangen, weniger zu kaufen, sinkt die Nachfrage und  Arbeitsplätze gehen verloren. Bewusster Konsum ist wichtig, um ein Zeichen zu setzen, aber er befreit uns nicht aus dem zentralen Dilemma: Ohne Wachstum bricht das System sofort chaotisch zusammen, weil der Konsum fehlt – und diesen Zusammenbruch darf man sich nicht friedlich vorstellen. Es würde zu brutalen Verteilungskämpfen kommen.

Es ist tragisch: Theoretisch gibt es Visionen einer anderen Wirtschaftsform wie der Sharing Economy oder einer ökologischen Kreislaufwirtschaft. Aber es fehlt bisher die Brücke, die vom jetzigen Kapitalismus in diese Kreislaufwirtschaft führt.

Man muss verhindern, dass es unterwegs zu einer so schweren Krise kommt, dass viele Menschen in ihrer Verzweiflung rechte Populisten wählen und die Demokratie in Gefahr gerät. Wir haben in Deutschland 15.400 hauptberufliche Wirtschaftswissenschaftler, aber kein einziger erforscht, wie man den Kapitalismus als Gesamtsystem transformieren könnte. Wir fahren vor eine Wand, aber niemand erforscht den Bremsweg.

Warum fehlt es an solchen Transformationsideen?

Weil der Kapitalismus nicht nur eine Wirtschaftsform ist, sondern ein totalitäres System. Er beeinflusst unser ganzes Leben: Wie Regierungen zustande kommen, wie Kindheit aussieht, wen wir als Partner wählen, wie Anerkennung organisiert ist, wie wir unsere Freizeit verbringen.

Wir alle sind so sehr Teil dieses Systems, dass  es uns sehr schwer fällt, Alternativen zu entwickeln. Aber wer weiß. Vielleicht wiederholt sich die Geschichte, und es entsteht gerade ein neues System, ohne dass wir es selbst bemerken. Den Kapitalismus hatte ja auch niemand geplant.

Stand: 31.05.2016, 12:00

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