Schneller, mehr, gieriger: Turbokapitalismus

grüne Heuschrecke knabbert an Geldbündel.

Kapitalismus

Schneller, mehr, gieriger: Turbokapitalismus

Von Martina Frietsch

Turbokapitalismus, Finanzkapitalismus, Raubtierkapitalismus – das Phänomen hat viele Namen. Immer größere Kapitalströme bewegen sich immer schneller um den Globus und beeinflussen dabei die Realwirtschaft. Eine Entwicklung, die für Laien kaum noch zu verstehen ist, die Gewinner hervorbringt, sehr viele Verlierer und so manch eine Krise.

Der entfesselte Markt

2006 hielt ein neues Wort Einzug in den Duden: Turbokapitalismus. "Gebrauch: abwertend". Und noch während Politiker und Ökonomen über diese Entwicklung debattierten, bekam die werktätige Bevölkerung die Folgen zu spüren.

Der Zeitdruck in den Unternehmen stieg, der Personalbestand wurde reduziert. An den Finanzmärkten verdienten Banker und Spekulanten schwindelerregende Summen. Die Lohnquote in den westlichen Industriestaaten dagegen sank, was sich wiederum negativ auf den Konsum auswirkte.

Als Turbokapitalismus hatte der US-Ökonom und Unternehmer Edward Luttwak diese Entwicklung bezeichnet: "den vollkommen deregulierten, völlig entfesselten Markt, ohne alle schützenden Barrieren".

Ein Satz, der übrigens nicht negativ gemeint ist. Die schützenden Mechanismen des Staates fand Luttwak allenfalls ineffizient: Mehr Wettbewerb bedeute mehr Effizienz, Wachstum und Wohlstand. Allerdings nicht für alle, sondern nur für eine kleine Minderheit, das war auch Luttwak klar.

Bronzeskulptur eines Bullen.

Der Bulle steht an der Börse für Gewinne

Die Deregulierung der Finanzmärkte

In den 1970er Jahren begannen die USA mit der Deregulierung in der Wirtschaft, beispielsweise im Luftverkehr. Zu viele staatliche Vorschriften, so die Überzeugung der Volkswirte, schade der wirtschaftlichen Entwicklung.

In den 1980er Jahren nahmen dann mehrere US-Regierungen nacheinander Regulierungen zurück, die vor allem den Bankensektor betrafen: Die Vorschriften für die regionalen Sparkassen wurden verschlankt, die Beschränkung der regionalen Expansion von Banken wurde aufgehoben.

In den 1990ern fiel auch die Trennung zwischen Geschäfts- und Investment-Banken. Und ab 2004 durften Investmentbanken ihre Geschäfte komplett mit Krediten finanzieren.

Haus mit "FOR SALE" Schild auf dem Rasen.

2007 platzte in den USA die Immobilienblase

Gewinne und Steueroasen

Bei den Investitionen gab es in den USA und auch in Europa gewaltige Verschiebungen: Das Geld floss nun weniger in klassische Unternehmen, sondern stattdessen in international gehandelte Finanzprodukte, die kurzfristig sehr üppige Gewinne versprachen. Es wurde also nicht mehr in Waren und Dienstleistungen investiert, sondern mit Geld wurde Geld verdient.

Damit fehlten der Realwirtschaft die Investitionen, mit denen Wertschöpfung erzielt werden kann und sich somit der allgemeine Wohlstand erhöht. Und noch etwas ermöglichte die Zeit der fallenden Regulierungen: Nie zuvor war es so einfach, sein Vermögen in Steueroasen umzuleiten. 

Dies wiederum hat Folgen für das Steueraufkommen, das zunehmend aus der Besteuerung von Löhnen und Konsum stammt und weniger aus der Besteuerung von Kapital und Finanzgeschäften. Auch in den ganz realen Unternehmen sind Veränderungen eingetreten: Gerade bei Großunternehmen geht es häufig nur um die kurzfristige Steigerung der Unternehmensgewinne anstelle von langfristiger, nachhaltiger Planung. 

Schild mit Aufschrift "Steueroase" auf Erdkugel neben Euroscheinen.

Nie zuvor war es so einfach, sein Vermögen in Steueroasen umzuleiten

Wetten, dass...

Noch immer wird weltweit mit Spekulationen auf Nahrungsmittel, auf Zinsentwicklungen oder Wechselkurse viel Geld verdient. Solche Spekulationen sind klar gesagt nichts anderes als Wetten, die auf die Entwicklung von Zinsen, Preisen und anderem abgeschlossen werden.

Erst die Weltwirtschaftskrise von 2007 lenkte den Blick auf diejenigen, die hinter dem Handel mit den für Laien vollkommen unverständlichen Produkten stecken: Oder wer kann schon sagen, was sich beispielsweise hinter Payer-Swaps, Zero-Cost-Collars oder Caps verbirgt?

Banken, Versicherungen, Geldmarktfonds, wohlhabende Anleger, Finanzmakler – diese Akteure sind bekannt. Doch auch kleine Privatanleger investieren heute ganz selbstverständlich in Fonds, deutsche Kommunen versuchten ihre teils klammen Haushalte über Spekulationen zu sanieren. Nicht immer mit positivem Ergebnis.

Stand: 06.11.2017, 16:01

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