Die alte Seidenstraße

Kolorierter Stich aus dem 19. Jahrhundert: Kamel-Karavane auf der Seidenstraße

Neue Seidenstraße

Die alte Seidenstraße

Von Beate Krol

Weit über tausend Jahre verband die alte Seidenstraße die Menschen in Europa und Asien. Der Handel war lukrativ und gut organisiert. Aber den Reisenden drohten auch viele Gefahren.

Der Mythos Seidenstraße entsteht

Als Marco Polo im 13. Jahrhundert auf der Seidenstraße nach China reiste, hatte die Handelsroute noch keinen besonderen Namen. Erst der deutsche Geograf Ferdinand von Richthofen taufte sie im 19. Jahrhundert auf den Namen "Seidenstraße" – und machte sie so weltweit bekannt. 

Der einprägsame Name legt nahe, dass es sich um eine durchgehende Straße handelt. In Wirklichkeit bestand die historische Seidenstraße aus einem vielfach verzweigten und sich immer wieder ändernden Wegenetz, das den Mittelmeerraum mit Zentral- und Ostasien verband.

Viele Wege führen nach China

Kernstück war das heute als mittlere Seidenstraße bezeichnete Gebiet zwischen der ostiranischen Hochebene im Westen und der Wüste Gobi im Osten. Die daran anschließende östliche Seidenstraße verband die damals wichtigsten Städte innerhalb von China. Auf der westlichen Seidenstraße gelangten die Menschen zum Mittelmeer, auf der südlichen Seidenstraße, die Marco Polo ebenfalls bereiste, ging es nach Indien.

Die historische Seidenstraße in der Wüste.

Die historische Seidenstraße führte durch unwirtliche Regionen

Anfangs nutzten die Menschen die Seidenstraßen vor allem zu diplomatischen Zwecken. Die Völker und Stämme in dem riesigen Gebiet fühlten sich oft voneinander bedroht und suchten deshalb untereinander Verbündete. Erst später transportierten sie auch Waren über die unwegsamen Routen. Auch Gelehrte und Armeen waren auf den Seidenstraßen unterwegs.

Anders als häufig angenommen, reisten die Händler meist nur einen Teil der Strecke, dann verkauften sie ihre Waren an Händler der nächsten Etappe. Die Kontrolle über die Knotenpunkte lag bei den einzelnen Seidenstraßen-Völkern. Manche von ihnen gibt es bis heute wie die Han-Chinesen, die Mongolen und die Uiguren. Andere, wie die Awaren, Skythen und Hephthaliten sind verschwunden.

Seide für den Westen, Pelze für den Osten

Und was transportierten die Kamele der Händlerkarawanen? Zum einen die namensgebende Seide, die es in unterschiedlicher Qualität gab. Sie wurde in China in Manufakturen für den Export produziert. Daneben gab es unzählige andere Handelsgüter wie Edelsteine, Pelze, Metalle, Glas, Gewürze, Früchte und Arzneien. Auch Sklavinnen und Sklaven oder Pferde wurden über die Seidenstraßen gehandelt. 

Meist bezahlten die Händler die Waren mit Waren. In einem erhaltenen Vertrag wurde der Kauf eines Mädchens gegen Seide besiegelt. Auch Kaurimuscheln waren als Zahlungsmittel akzeptiert. Münzen und später auch Scheine kursierten meist nur im lokalen Handel und in chinesischen Garnisonen entlang der Strecke.

Gemälde: Seidenraupenzucht in China

Lange hüteten die Chinesen das Geheimnis der Seidenproduktion

Die Reise war riskant

So lukrativ der Seidenstraßen-Handel war, so anstrengend und gefährlich war er auch. Mit seinen vielen Steppen, Wüsten, Flüssen und Hochgebirgen gehört das Gebiet bis heute zu den besonders unwirtlichen Weltgegenden.

Die Händler konnten ertrinken, abstürzen und litten unter der Höhenkrankheit, es drohten Sturzfluten sowie Sand- und Schneestürme. Im Sommer kletterten die Temperaturen auf bis zu 40 Grad, im Winter konnten sie auf bis zu minus 20 Grad sinken. Und immer wieder lauerten Diebe an der Strecke.

Entlang der Seidenstraße gab es ummauerte Herbergen zum Übernachten und um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Diese sogenannten Karawansereien waren in relativ kurzen Abständen angelegt. So mussten die Händler kein Futter für ihre Kamele mitnehmen und konnten ihre anspruchslosen Lasttiere ausschließlich mit Ware beladen.

Außer den Karawansereien gab es auch feste Zeltplätze an Quellen. Außerdem machten die Händler Station in Oasen, Klöstern und natürlich den großen Städten. Wissenschaftler vermuten, dass während der jahreszeitlichen Höhepunkte des Seidenstraßen-Handels zusätzlich zu den einheimischen Bewohnern tausende Händler in den Städten lebten.

Die Oase Chiwa in Usbekistan.

Die Oase Chiwa in Usbekistan liegt an einem der spektakulärsten Abschnitte der Seidenstraße

Wasserwege der Seidenstraße

Neben dem Landweg nutzten die Händler auch die Flüsse für den Transport. Außerdem gab es eine maritime Seidenstraßen-Route. Die Schiffe hatten den Vorteil, dass sie deutlich mehr Waren fassten. In einen Dau-Segler passte so viel wie auf tausend Kamele. Allerdings waren die Händler vom Monsun abhängig. Im Sommer wehte er von West nach Ost, im Winter drehte er die Richtung. Außerdem drohten Schiffbruch und Überfälle von Piraten.

Fortschritte im Schiffbau trugen wesentlich dazu bei, dass der Handel über den Landweg immer mehr nachließ. Auch dass Flüsse rund um die beiden innerchinesischen Wüsten Lop und Taklamatan versiegten, scheint das Ende der Seidenstraßen-Karawanen beschleunigt zu haben.

Während viele der Karawansereien verfielen und Handelsstädte an der Route niedergingen, blieb das immaterielle Erbe der Seidenstraße erhalten. Über die Handelsverbindungen verbreiteten sich auch Erfindungen wie Papier und Schwarzpulver. Zudem tauschten die Menschen unterwegs Geschichten, Lieder sowie philosophische, politische und religiöse Ansichten aus. Seit 2014 sind Teile der historischen Seidenstraße UNESCO-Weltkulturerbe.

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SWR | Stand: 20.06.2021, 15:30

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