Crowdfunding – Geld vom Schwarm

Eurozeichen auf Computer-Tastatur.

Sozialunternehmer

Crowdfunding – Geld vom Schwarm

Wenn herkömmliche Finanzierungswege nicht funktionieren, weichen Musiker, Regisseure, Software-Entwickler oder Journalisten immer öfter auf das Internet aus. Auf Crowdfunding-Portalen stellen sie ihr Projekt vor und hoffen auf finanzielle Unterstützung.


Die Masse macht's

Es gibt Hunderte von Crowdfunding-Portalen im Internet, das System ist aber immer gleich: Jemand stellt ein geplantes Projekt vor, für das er um finanzielle Unterstützung bittet.

Ein Musiker will eine neue Platte aufnehmen, ein Regisseur plant einen Film, ein Software-Entwickler hat die Idee für ein Programm, ein Journalist will eine aufwändige Reportage schreiben.

Und da sie die herkömmlichen Finanzierungswege über Verlage, Produzenten oder Banken nicht nutzen wollen oder können, bitten sie die Masse (englisch: "crowd") darum, das Projekt zu finanzieren (englisch: "funding").

Meist muss ein (moderater) Mindestbetrag gezahlt werden, manchmal gilt aber auch das Motto: Jeder Euro zählt.

Vor der Aktion wird eine Summe festgelegt, die mindestens benötigt wird, sowie ein Zeitraum, in dem dies geschehen muss. Wenn also die Band innerhalb von acht Wochen 50.000 Euro auftreibt, produziert sie damit eine neue Platte.

Wenn nicht, lässt sie es bleiben – und die Unterstützer erhalten ihr Geld zurück. Und wenn sie mehr als die 50.000 Euro erwirtschaftet, hat sie die Möglichkeit (und moralische Verpflichtung) die Aufnahmen noch besser und aufwändiger zu gestalten.

Live-Album und Tourfilm durch Crowdfunding

Die Motivation, Geld für Crowdfunding-Projekte zu geben, ist unterschiedlich. Manchen geht es tatsächlich rein idealistisch darum, eine "gute Sache" zu fördern.

Oft steckt dabei die Bewunderung und Begeisterung für einen bestimmten Künstler dahinter, den man unterstützen und dem man auf eine bestimmte Art näherkommen will. Denn für die Unterstützung gibt es meist exklusives und persönlich gestaltetes Material.

Rockband Donots.

Rockband Donots: großer Rückhalt bei den Fans

Siehe zum Beispiel die deutsche Rockband Donots. Die erfüllte sich im März 2013 einen lang gehegten Traum und ging vier Wochen lang in den USA auf Tour. Einen Teil der Kosten deckte die Band über das Crowdfunding-Portal Pledgemusic, wo Fans eine Live-CD sowie einen Film über die Tour vorfinanzieren konnten.

"Wir wollten nicht nur das Übliche anbieten wie alte Drumsticks oder ein paar Autogramme. Ein bisschen besonderer und hochwertiger sollte es schon sein", sagt Donots-Schlagzeuger Eike Herwig.

Und so bekamen die Fans – je nach Höhe ihres Beitrags – persönliche Postkarten, ein Video mit Geburtstagsgrüßen, exklusive T-Shirts, selbstgemalte Zeichnungen oder Einwegkameras mit Schnappschuss-Aufnahmen, die die Donots auf der Tour gemacht hatten.

Zwei Fans investierten sogar jeweils 750 Euro, um einen Song mit der Band live bei einem Konzert zu spielen.

Auch Psychologie spielt eine Rolle

Am Ende hatte die Band fast viermal so viel Geld eingenommen, als sie als Ziel ausgegeben hatte. Die Mehreinnahmen wurden benutzt, um die Aufnahmen und die Aufmachung der DVD des Tourfilms aufwändiger zu gestalten.

"Wir haben das Ziel bewusst sehr niedrig gesetzt. Erstens, um nicht gierig zu erscheinen, aber auch aus psychologischen Gründen", so Herwig. Denn der aktuelle "Spendenstand" wird bei Pledgemusic auf einem Balken angezeigt.

"Und die Bereitschaft, sich zu beteiligen, ist einfach größer, wenn das Ziel schon fast erreicht ist, als wenn der Balken bei elf Prozent verharrt."

Im Nachhinein hat die Band das Abenteuer USA-Tour mit einer schwarzen Null beendet. Das Crowdfunding hat sich also gelohnt, und nicht nur für die Band: "Die Fans waren alle sehr zufrieden."

Eine Wiederholung soll es dennoch vorerst nicht geben. "Ich finde, das kann man den Fans nicht ständig bieten. Die Gefahr ist schon da, dass die sich verschaukelt oder ausgenommen fühlen, wenn man zu oft solche Aktionen macht."

Wie wichtig ist "Stromberg" den Fans?

Es zeigt sich, dass Crowdfunding im kulturellen Bereich vor allem dann Erfolg hat, wenn derjenige, der ein Projekt verwirklichen will, schon eine gewisse Popularität hat.

"Für Newcomer ist das System kaum vorstellbar", glaubt Herwig. Tatsächlich dürften Autogramme oder persönlich gestaltete Aufmerksamkeiten von No-Names nicht allzu begehrt sein.

Dreharbeiten zum Film "Stromberg".

3000 Fans kauften Anteile

Ein ähnlicher Fall ist der "Stromberg"-Film, der im Februar 2014 in die Kinos kam. Auch hier konnten sich die Fans, die die Serie schon aus dem Fernsehen kannten, finanziell beteiligen. Die Produktionsfirma gab "Anteile" im Wert von 50 Euro heraus, um so innerhalb von drei Monaten eine Million Euro zu erlösen.

"Jetzt werden wir ein bisschen objektiver herausbekommen, wie wichtig wir den Fans sind", sagte Autor Ralf Husmann zum Start der Aktion. Das Ergebnis: In einer Woche war der Betrag erreicht, über 3000 Fans hatten einen oder mehrere Anteile gekauft. Die Investoren bekamen eine Gewinnbeteiligung, abhängig von der Zuschauerzahl:

Wenn eine Million Menschen den Film sehen, gibt es den eingesetzten Betrag zurück; werden es mehr, machen die Anteilseigner Gewinn. Und es wurde auch ideell entlohnt: Wer mehr als einen Anteil gekauft hat, kann seinen Namen im Filmabspann lesen.

Bloggen aus Kairo

Auch freie Journalisten nutzen immer öfter Crowdfunding. So können sie etwa auf dem Portal "Krautreporter" Geschichten und Themen vorstellen, die sie gerne recherchieren würden. Hier zählt dann tatsächlich die Idee und nicht die Popularität der Autoren, die ja in der Regel keine Fanbasis haben.

Wer sich beteiligt, bekommt Vorabversionen, Einblicke in die Arbeit, kleine oder größere Aufmerksamkeiten. Zudem dokumentiert "Krautreporter" die erfolgreichen Projekte und liefert Links auf veröffentlichte Artikel oder Videos.

Journalist Richard Gutjahr.

Auf eigene Faust nach Ägypten: Journalist Gutjahr

Einen etwas anderen Weg ging der Münchener Journalist Richard Gutjahr im Februar 2011. Er reiste spontan nach Ägypten, um von den dortigen Umwälzungen zu berichten, ohne dass ihn ein Sender oder Verlag beauftragt hatte.

Seine Berichte und Eindrücke veröffentlichte er via Twitter und in seinem Blog, unmittelbar, ohne Platzvorgaben oder Zeitbeschränkungen. Die Leser konnten ihm Fragen stellen, Hinweise geben, sich miteinander austauschen – und ihn finanziell unterstützen.

Ob seine Berichte honoriert würden, wusste Gutjahr nicht, solange er in Kairo war. "Das war ein totaler Blindflug."

Letztendlich kamen über 4000 Euro zusammen - damit konnte er zumindest einen Großteil der laufenden Kosten für Unterbringung, Verpflegung, Transport und – der mit Abstand größte Posten – Telefon- und Internetgebühren begleichen.

Gutjahr glaubt: "Crowdfunding kann eine großartige Finanzierungssäule für Projekte sein, die ohne Anschubfinanzierung nicht oder nur schwer möglich sind.

Gerade als Journalist sollte man möglichst unabhängig bleiben und nicht allzu viele Zugeständnisse machen; nicht gegenüber Werbekunden und auch nicht gegenüber politischen Einflüssen."

85.000 Vorbestellungen für eine Hightech-Uhr

Crowdfunding hat sich vom Internet-Phänomen für Insider zu einer ernstzunehmenden Finanzierungsoption entwickelt, immer öfter auch in Bereichen jenseits von Kultur und Journalismus.

So wurden über Kickstarter, das weltweit erfolgreichste Crowdfunding-Portal, schon Dip-Saucen, Kartenspiele, Bierbrauereien oder leuchtende Fahrradreifen finanziert.

Eines der erfolgreichsten Projekte ist Pebble: eine Armbanduhr, mit der man sein Smartphone bedienen kann, auf der aber auch eigene Apps ausgeführt werden können.

Für Pebble kamen bis Mai 2012 über zehn Millionen Dollar zusammen, im Januar 2013 gingen die Uhren in den Verkauf. Ursprünglich hatten die Pebble-Macher das Ziel, 100.000 Dollar zu sammeln, um eine Auflage von 1000 Uhren zu realisieren.

Allerdings gingen allein durch die Kickstarter-Kampagne 85.000 Vorbestellungen ein. Die Mehreinnahmen wurden unter anderem dafür genutzt, die Uhr wasserdicht zu gestalten sowie ein besseres Bluetooth-System zu installieren.

Wenn 13 Millionen Dollar nicht reichen

Allerdings werden längst nicht alle Crowdfunding-Projekte zur Erfolgsgeschichte. Experten schätzen, dass nicht einmal die Hälfte aller Ideen realisiert wird. Im Juli 2013 stellte die Software-Firma Ubuntu ihr neuestes Projekt vor: ein hochwertiges und technisch innovatives Smartphone namens Edge.

Homepages verschiedener Crowdfunding-Portale.

Nicht immer kann die Crowd helfen

Über das Portal Indiegogo kamen zwar innerhalb eines Monats knapp 13 Millionen Dollar von 27.000 Unterstützern zusammen – der höchste bis dato via Crowdfunding erreichte Betrag. Dennoch ging das Edge nicht in Produktion. Denn benötigt wurden 32 Millionen.

Auch die klamme New York City Oper bat 2013 via Kickstarter um finanzielle Unterstützung. Doch statt einer Million Dollar kamen nur 301.000 Dollar zusammen. Zu wenig: Im Oktober 2013 meldete das Opernhaus Insolvenz an.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 10.10.2017, 16:13

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