Mediation – wenn beide Seiten gewinnen

Paar redet mit Beraterin

Nachbarschaft

Mediation – wenn beide Seiten gewinnen

Von Ingo Neumeyer

Statt vor Gericht gehen immer mehr Menschen zu Mediatoren, um ihre Konflikte zu lösen. Aber wie genau läuft eine Mediation ab? Was erwartet einen dort? Kann man jeden Streit auf diese Art lösen? Alexandra Bielecke vom Bundesverband Mediation gibt Einblicke.

Planet Wissen: Was genau ist eine Mediation? Ein moderierter Kompromiss?

Alexandra Bielecke: Nein. Bei einem Kompromiss verlieren ja beide Seiten. Die Beteiligten stecken zurück, um aufeinander zuzugehen. Unser Ziel in einer Mediation ist immer, etwas Besseres zu finden. Eine Lösung, die für beide Sinn ergibt. Das können zum Beispiel Dinge sein, über die man bislang noch gar nicht nachgedacht hat. Etwa, in dem man auf etwas verzichtet oder etwas gibt, was einem überhaupt nicht schwerfällt, für den anderen aber sehr bedeutsam ist.

Nennen Sie ein Beispiel.

Ich hatte mal ein Paar, das sich getrennt hatte, und beide wollten unbedingt das gemeinsame Haus haben. Da war relativ klar, dass das nicht funktioniert – sie konnten es nicht beide haben.

Bei der Mediation kam dann heraus, dass es gar nicht um dieses spezielle Haus ging, sondern generell um die Möglichkeit, schön zu wohnen. Sie einigten sich darauf, dass die Frau ausbezahlt wird und sich davon ein anderes Haus kauft. Der Mann hat dann beim Umbau geholfen und unentgeltlich Arbeitsleistung zur Verfügung gestellt. Am Ende hatten beide ein tolles Haus, und jeder war glücklich.

Mediatorin Alexandra Bielecke

Mediatorin Alexandra Bielecke

Sind sich die Parteien in der Regel einig, sich helfen zu lassen, wenn sie zu Ihnen kommen? Oder müssen Sie oft noch eine Streitpartei von einer Mediation überzeugen?

Es gibt beides. Sehr oft haben sich die Beteiligten schon im Vorfeld darauf geeinigt, dass sie eine Mediation in Anspruch nehmen wollen.

In anderen Fällen werde ich nur von einer Seite kontaktiert. Ich biete dann meistens an, dass die andere Streitpartei mich ebenfalls anrufen kann, damit ich den Ablauf und die Chancen einer Mediation erklären kann und zu beiden Seiten schon ein erster Kontakt bestand.

Wichtig ist der Rahmen, in dem die Mediation stattfindet. Der muss für alle Beteiligten stimmen, da muss ein gutes Gefühl vorhanden sein. Im Arbeitskontext fühlen sich manche Menschen sicherer, wenn sie einen Freund, einen Kollegen oder einen Familienangehörigen zum Gespräch mitbringen. Das muss man dann wiederum mit der Gegenseite abklären.

Erst wenn der Rahmen für beide Seiten passt, legen wir los. Man kann das vielleicht mit einem Zahnarztbesuch vergleichen. Man weiß: Es wird wahrscheinlich ein bisschen wehtun und stellenweise unangenehm sein. Da hilft es dann, wenn man vorher schon Vertrauen aufgebaut hat.

Streitendes Paar

Auch Ehepaare setzen oft auf Mediation

Wie genau gehen Sie bei einer Mediation vor?

Idealerweise erarbeiten die Beteiligten selbst eine Lösung, die besser passt, als wenn irgendein Unbeteiligter eine Lösung vorschlägt. Dabei hat sich ein mehrstufiges Vorgehen bewährt. Am Anfang gestaltet man einen guten Rahmen, in dem das Gespräch stattfindet. Wir klären, wer sich mit wem zusammensetzen muss, wie viel Zeit investiert werden kann und in welchen Abständen wir uns treffen und so weiter.

Dann muss man klären: Was nervt die Parteien, was steht zwischen ihnen? Was muss besprochen werden? Als nächstes wird die Bedeutung geklärt: Warum ist es zum Beispiel so wichtig, dass das Grundstück nicht betreten wird oder dass der Baum ungestört an dieser Stelle wachsen kann?

Es geht nicht darum, dass jemand angegriffen wird und sich verteidigen muss. Sondern einfach um eine Bestandsaufnahme von Interessen, Bedürfnissen und Wertschätzungen, die nicht verwirklicht sind. Darauf aufbauend unterstützen wir die Parteien, eine Lösung zu finden, mit der sie beide zufrieden sind.

Wo sind überall Mediatoren tätig? Wie stößt man auf Sie?

Die Mehrzahl der Mediatoren ist freiberuflich. Sie haben eigene Homepages, werden meist gegoogelt oder auf Empfehlung aufgesucht. Andere sind einer Organisation angeschlossen. Das kann ein Unternehmen sein, ein Verband oder ein Verein. Beim Bundesverband Mediation sind beispielsweise mehr als 2600 Mediatoren organisiert und können auf einer Liste für das gesamte Bundesgebiet gefunden werden.

Viele der großen DAX-Unternehmen haben Konfliktmanagementsysteme mit Anlaufstellen nur für Konflikte eingerichtet, wenn man innerhalb des Betriebs Rat und Unterstützung eines Mediators sucht. Dazu kommen immer mehr Versicherungen, die in ihrem Leistungsspektrum Mediation anbieten und mit externen Mediatoren zusammenarbeiten – sie bewerben diese Möglichkeit der Konfliktlösung auch offensiv und machen das Konfliktlösungsverfahren als Alternative zum Gericht dadurch publik.

Inwieweit spielen Kosten eine Rolle? Kommen viele Menschen zu Ihnen, die einen teuren Gerichtsprozess scheuen, der womöglich über mehrere Instanzen geht?

Das kann durchaus der Fall sein. Es gibt aber auch noch andere Gründe. Für Paare, die sich trennen, ist es oft entscheidend, dass eine Trennung schnell und ohne zusätzliche Verletzungen vorbei ist. Gerade wenn Kinder im Spiel sind oder die Frage der Wohnsituation geklärt werden muss, scheuen viele einen Gerichtsprozess aus Angst, dass sie dann sehr lange auf eine Entscheidung warten müssen.

Manchmal geht es auch um Vertraulichkeit: dass die Informationen in diesem Rahmen bleiben und nicht anderweitig verwendet werden. Das ist vor allem bei Wirtschaftsmediationen der Fall. In einem Gerichtsverfahren werden ja viele Informationen öffentlich. Das ist bei uns nicht der Fall, und daher kommen viele Unternehmen zu uns.

Was ist mit Nachbarn, die um die Höhe der Hecke oder das Laub auf dem Rasen streiten? Kommen die auch zu Ihnen oder ist das ein Klischee?

Nein, ist es nicht. Dieser Bereich macht tatsächlich einen großen Teil der Arbeit aus. In Berlin gibt es sogar Wohnungsbaugesellschaften, die eigene Mediatoren beschäftigen, einfach weil das ein sehr sensibler Bereich ist, in dem es immer wieder zu Problemen kommt und in denen die Menschen auf eine gut funktionierende Nachbarschaft angewiesen sind.

Nachbarn streiten im Garten

Kein Klischee: Streit unter Nachbarn

In wie vielen der Fälle geht es denn um klassische Nachbarschaftsstreits?

Das lässt sich nicht genau sagen, da die Verfahren vertraulich sind und es daher keine verlässlichen Datenbanken gibt. Am häufigsten sind Konflikte in der Nachbarschaft, in der Familie / Partnerschaft und bei der Arbeit. Eben dort, wo langfristige Beziehungen bestehen bleiben sollen. Auf der Arbeit, beim Wohnen und auch in Familien muss man einfach miteinander auskommen. Wegziehen, kündigen oder mit der Familie brechen sind eben oft keine attraktiven Alternativen.

Wie hoch ist die Erfolgsquote von Mediationen?

Das hängt davon ab, wie man Erfolg definiert. Ich schätze mal, dass bei 80 Prozent der Mediationen am Ende eine Vereinbarung gelingt. Es kommt aber auch manchmal vor, dass Parteien ohne Vereinbarung auseinandergehen, dann aber Wochen oder Monate später eine Lösung finden, eben weil sie sich in der Mediation über den Konflikt und die Bedeutung für den anderen klar geworden sind.

Wie wird sichergestellt, dass die Vereinbarung eingehalten wird?

Das liegt eigentlich schon in der Natur der Sache. Im Idealfall sieht das Ergebnis einer Mediation ja so aus, dass beide Seiten sozusagen gewinnen und entsprechend auch von sich aus ein Interesse daran haben, dass die Vereinbarung gewahrt bleibt. Warum sollte ich die Abmachung platzen lassen, wenn ich erreicht habe, was ich wollte?

Wer allerdings ganz sichergehen will, kann auch zum Notar gehen und die Vereinbarung beglaubigen lassen. Das ist in der Regel bei Finanz- oder Wirtschaftsmediationen der Fall.

Fünf Personen sitzen an rundem Tisch

Am Ende fühlen sich alle als Sieger

Mediatoren bezeichnen sich oft als "allparteilich". Wo ist der Unterschied zu "unparteiisch"?

Wer unparteiisch ist, versucht, ganz neutral zu bleiben – gegenüber den Themen und den Personen. Wir versuchen dagegen, uns in die jeweiligen Parteien einzufühlen. Uns ist es wirklich wichtig, die Sichtweise der einzelnen Personen zu verstehen und zu berücksichtigen. Dafür stellen wir uns mal auf die eine Seite, mal auf die andere. Wir sind also nicht unparteiisch, sondern durchaus parteilich. Allerdings nur für eine bestimmte Zeit und für beide Seiten gleichermaßen.

Stand: 07.12.2017, 13:00

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