"Wenn eine Frau im Aufzug ist, kann ja kein Mann mehr hinein"

Portraitaufnahme von Dita Leyh im Planet Wissen-Studio.

Stadtentwicklung

"Wenn eine Frau im Aufzug ist, kann ja kein Mann mehr hinein"

Von Frank Drescher

Stadtplanerin Dita Leyh im Interview mit Planet Wissen über Megacities, Besonderheiten beim Städtebau in fremden Kulturen und über Dinge, die Stadtplaner zum Weinen bringen.

Frau Leyh, zehn Millionen Einwohner braucht es per Definition, damit eine Millionenstadt zur Megacity wird. Demnach wäre auch die Metropolregion Rhein-Ruhr eine deutsche Megacity. Ist sie das Ihrer Meinung nach auch?

Nein. Die Definition trifft dort zwar zu, aber für mein Empfinden ist eine Megacity meist aus einer Stadt entstanden und nicht aus mehreren Städten. Das Ruhrgebiet wird daher eher als Stadtregion bezeichnet. Dazwischen ist es im Ruhrgebiet oft vorortartig. Aber in einer Megacity gibt es eine hohe Bevölkerungs- wie auch Bebauungsdichte oft als Hochhäuser. Und das alles gibt es im Ruhrgebiet an vielen Stellen nicht.

2050 sollen laut Prognose der Vereinten Nationen etwa zwei Drittel der Menschen in Großstädten mit mindestens 300.000 Einwohnern leben. Warum drängt es die Menschen dorthin?

Die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen, auf Arbeitsplätze. Denn die meisten, die in die Städte ziehen, kommen vom ländlichen Bereich, vor allem in Ländern, in denen die Landwirtschaft nicht subventioniert ist. Diese Menschen haben wirkliche Lebensnöte, wenn es mal eine Dürre gibt oder die Ernte ausfällt.

Städte bieten da die Möglichkeit, dass man sich irgendwie durchs Leben schlägt, immer mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Und wenn ich's nicht schaffe, dann schafft's vielleicht die nächste Generation, die dort auf eine gute Schule gehen, vielleicht sogar eine Universität besuchen kann.

Sie planen neue Großstädte und Megacities für Millionen Menschen unter anderem in China und in einigen arabischen Ländern. Macht das mehr Spaß als für eine bestehende Stadt zu planen?

Es ist auf den ersten Blick natürlich ein Traum, neue Welten erschaffen zu können. Man muss sich überlegen: Wie fühlt man sich in diesen Städten wohl, wo hat man Möglichkeiten, andere Menschen zu treffen, zu kommunizieren, wo gehen die Kinder zur Schule? Und welche Bevölkerungsgruppen werden dort wohnen?

Bei Städten, die Bestand sind, hat man dafür den Bezug zu den Bewohnern, die schon dort leben und bekommt von ihnen direktes Feedback, wenn man dort etwas plant oder eine Straße umgestaltet. Da müsste man bei den Neuplanungen im Ausland 20 oder 30 Jahre warten.

Überdimensionierte Straße in Myanmar

Eher Landebahn: die Hauptachse in Naypyidaw

Und Sie müssen immer damit leben, dass irgendjemand in Ihre Pläne hineinpfuscht.

Einflussreiche Investoren möchten mitunter höher bauen, als im Plan erlaubt ist. Es ist aber nicht unbedingt schlecht oder falsch, wenn die Pläne geändert werden: Die Bedürfnisse der Bevölkerung ändern sich, sie brauchen vielleicht größere Wohnungen, als wir zehn Jahre zuvor geplant haben. Es wäre auch vermessen zu sagen, alles wird genauso wie der Plan realisiert, Haus für Haus.

Ist das nur ein ästhetisches Problem, wenn sich die Bauherren nicht an ihre Pläne halten?

Es sind auch soziale Fragen, die damit zusammenhängen. In China gibt es ein Dogma, dass alle Gebäude nord-süd-orientiert sein müssen. Dadurch entstehen dann nur noch Häuserzeilen wie in einer Kaserne, die alle gleich sind und keine Abstufung der Privatheit der dazwischenliegenden Räume bieten.

Wären dort auch Blockrandbebauungen wie bei uns möglich, hätte man einen von der Straße abgeschlossenen grünen Hof, und das macht viel für das soziale Miteinander aus, beispielsweise mit den Nachbarn in Kontakt zu kommen. Aber durch die Anonymität, die stattdessen entsteht, wird das soziale Leben in Mitleidenschaft gezogen.

Warum müssen denn die Wohnungen in China von Norden nach Süden ausgerichtet sein?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen hat es mit der chinesischen Feng-Shui-Lehre zu tun. Sie hat bestimmte Regeln dafür, was für die Ausrichtung der Gebäude und die Lage der Eingänge am besten ist.

Außerdem war es in den traditionellen chinesischen Hofhäusern schon früher so, dass die Haupträume nach Süden ausgerichtet waren, und die Nebengebäude in Ost-West-Richtung wurden eher von Kindern, Dienstboten oder Angestellten bewohnt. Auch der Kaiserpalast ist so gebaut. Daher hat es in China viel mehr Status, wenn man nach Süden wohnt.

Und ein dritter Aspekt ist der Einfluss der Moderne, die von Deutschland über die sozialistischen Bauten in Russland den Weg nach China gefunden hat. Die Architekten der Moderne hatten den Gedanken, die Gebäude für mehr Licht, Luft, Sonne frei in die Landschaft zu stellen. Außerdem Gebäude zu schaffen, die für alle gleiche Lebensbedingungen bieten.  Meine chinesische Kollegin, die ich mal gefragt habe, warum man so bauen muss, meinte, das sei soziale Gerechtigkeit.

Auf welche kulturellen Besonderheiten müssen Sie in anderen Ländern sonst noch Rücksicht nehmen?

In Saudi-Arabien ist Privatheit extrem wichtig. Man hat dort keine Häuser, die direkt an der Straße stehen und ihre Fenster von der Fassade direkt zum öffentlichen Raum haben, weil man dann hereinschauen könnte. Dort baut man eher Großfamilienhäuser umgeben von großen Mauern.

Da hatten wir beispielsweise Probleme bei einem Projekt, da es eine nachhaltige Stadt der kurzen Wege sein sollte, eine dichte Bebauung einzuführen. Und da hieß es dann: Geschosswohnungsbau geht nicht in Saudi-Arabien. Denn wenn man jetzt einen Aufzug im Haus hätte und da wäre eine Frau alleine drin, dann könnte ja kein Mann mehr mit in den Aufzug. Und diese Hintergründe muss man als Stadtplaner erst einmal verstehen.

In dem Fall haben wir dann einfach eine Art gestapelte Reihenhäuser geplant, wo jeder über zwei, drei Geschosse eine Wohnung mit einem eigenen Eingang hat, und über diesen drei Geschossen kann es nochmal zwei, drei Geschosse geben mit einer anderen Wohnung, die eine eigene Außentreppe hat oder einen Eingang von der anderen Seite.

Was sind eigentlich die schlimmsten Fehler, die einem Planer unterlaufen können?

Ich glaube, das passiert, wenn ein Planer zu einseitig denkt, also etwa nur nach ästhetischen Kriterien eine moderne, designorientierte Stadt konzipiert, aber die menschlichen Bedürfnisse dabei vielleicht vernachlässigt. Es gibt für viele die Gefahr, dass man sich gern selbst verwirklichen und eine besondere Form bauen möchte, so wie Brasilia von oben wie ein Vogel aussieht oder ein Flugzeug (eigentlich als Markierunsgkreuz gedacht). Städte, die den Menschen eine Lebensform aufdrücken. Meistens funktionieren dann doch die Strukturen besser, die auf den ersten Blick vielleicht gar nicht spektakulär aussehen.

Aufnahme von Naypyidaw in Myanmar.

Monumental mitten ins Nichts geplant: Naypyidaw

Gibt es auch Stadtplanungsfehler, die Stadtplaner zum Lachen bringen?

Eher zum Weinen. In Myanmar beispielsweise wurde 300 Kilometer von der Hauptstadt entfernt eine neue Regierungsstadt geplant, Naypyidaw. Diese Stadt wurde so monumental mitten ins Nichts geplant! Die Hauptachse, die auf den Regierungspalast zuläuft, ist eine ungefähr 16-spurige Straße. Man hat das Gefühl, man steht auf einer Landebahn! Es ist völlig überdimensioniert. Es gibt keine menschlichen Räume darin, alles brachial, axial.

Es ist so schlimm, dass alle, die dort arbeiten müssen, sofort am Wochenende und in jeder Freizeit, die sie haben, wieder in die Hauptstadt zurückfahren, zu ihren Familien, weil diese dort nicht leben möchten. Solche Sachen passieren relativ oft, gerade in diktatorischen Systemen. Das ist völlig am menschlichen Maßstab vorbeigeplant.


Stand: 08.08.2017, 13:00

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