Trabantensiedlungen

Gedichttext

Stadtentwicklung

Trabantensiedlungen

Von Helmut Frei

1927 erschien Kurt Tucholskys Gedicht "Das Ideal" in einer Berliner Zeitung. Die Stadt war damals Inbegriff einer modernen Metropole und wurde mit New York und Chicago verglichen. In den 1920er Jahren erlebte Berlin einen Bauboom. Wie Pilze schossen Siedlungen und Villenviertel aus dem Boden. Berühmt wurde die "Hufeisensiedlung" im Berliner Stadtteil Britz, deren Bau 1925 begann. Sie ist eines der ersten Projekte sozialen Wohnungsbaus und steht unter Denkmalschutz.

Berlin war in den 1920ern eine beliebte Wohnstadt

Wie heute zog es damals Menschen aus allen sozialen Schichten in die deutsche Hauptstadt. Und wie heute gaben wohlsituierte Aufsteiger den Ton an. Sie träumten von der Superstadt, die alle ihre Bedürfnisse befriedigen sollte. Sie wollten in der Stadt den Puls der Zeit fühlen, sich unterhalten lassen und schick einkaufen.

Das taten sie schon damals im KaDeWe und im 1929 eröffneten Karstadt-Warenhaus am Hermannplatz. "Karstadt Hermannplatz", dieses Warenhaus im amerikanischen Stil, hatte viel von einem Shoppingcenter unserer Tage. So gab es beispielsweise einen großen Dachgarten – Natur in der Stadt.

Plattenbausiedlungen gegen Wohnungsnot

Als die größte Not beseitigt war, haben Stadtplanung und Stadtarchitektur in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg an die Tradition der Großsiedlungen angeschlossen. Sowohl in der DDR als auch in der Bundesrepublik entstanden Trabantensiedlungen.

Um einer neuen  Wohnungsnot zu begegnen, mussten in den Ballungszentren in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Wohnungen gebaut werden. Das funktionierte nur mit einer standardisierten Fertigbauweise, wie sie schon führende Architekten und Stadtplaner der 1920er Jahre erprobt hatten.

Ergebnis war Jahrzehnte später im geteilten Deutschland die Plattenbausiedlung – und das nicht nur, wie gerne unterstellt, im Osten Deutschlands, sondern auch im Westen.

Die größte Plattenbausiedlung der DDR sollte Marzahn mit mehr als 58.000 Wohneinheiten werden. In Schwerin entstand Dreesch I bis III mit fast 21.000 Wohnungen und rund 55.000 Einwohnern. Ähnlich groß die Münchner Trabantenstadt Neuperlach: 24.000 Wohneinheiten für 55.000 Bewohner. Oder Köln-Chorweiler, ebenfalls für 20.000 Wohnungen geplant und auf der grünen Wiese aus dem Boden gestampft.

"Satellitenstädte" wie Chorweiler oder Perlach galten damals als Vorzeigebeispiele moderner Architektur – Zeitgeistarchitektur. Allerdings betrug zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung der Anteil der Wohnungen in Großsiedlungen, auf alle Wohnungen bezogen, 22 Prozent in Ostdeutschland und drei Prozent in Westdeutschland, wo es Großsiedlungen nur in Großstädten gab, während "die Platte" in Ostdeutschland flächendeckend zu finden war.

Plattenbauten in Dresden

Dresdener Stadtteil Johannstadt-Nord: Plattenbausiedlung mit 3.800 Wohnungen

Einheitswohnungen oder moderner Wohnkomfort?

Nun verbindet sich die Vorstellung von Plattenbauten aus Westsicht vor allem mit leidlich komfortablen Einheitswohnungen, die nach der Wende zu sozialen Brennpunkten geworden seien. Diese Einschätzung verkennt, dass Plattenbau in der alten Bundesrepublik eine Wohnform war, die auch gehobene Ansprüche befriedigen konnte.

Beispiel: der Stuttgarter Stadtteil Asemwald. Fertiggestellt 1972. Er besteht aus drei scheibenförmigen Hochhäusern mit 23 Stockwerken. Ursprünglich sollten dort mehr als 1100 Wohnungen Platz für 3000 Bewohner bieten.

Nicht zuletzt aufgrund gehobener Ansprüche an das Wohnen und entsprechender Umbauten hat sich die Einwohnerzahl verringert. Die Wohnungen im Stuttgarter Asemwald sind nichts für kleine Geldbeutel. Entsprechend ambitioniert sollte von Anfang an das Ambiente sein: Tennisplatz, Restaurant mit Fernsicht und ein Panorama-Schwimmbad im 20. Stock. Platte geht also auch anders.

Zwei Hochhäuser mit je 23 Stockwerken im Stuttgarter Stadtteil Asemwald

Wohnen im Stuttgarter Stadtteil Asemwald – nichts für kleine Geldbeutel

Stand: 25.07.2018, 08:56

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