Das inHaus

Zukunft des Wohnens? 03:28 Min. Verfügbar bis 09.12.2020

Zukunft des Wohnens

Das inHaus

Von Michael Ringelsiep

Im Schlafzimmer misst die Matratze automatisch die Atem- und Herzfrequenz. In der Küche gibt es eine Videopinnwand mit einer Webcam, um Bildnachrichten zu hinterlegen. Und auf dem Klo sorgt anstelle von Toilettenpapier eine automatische Warmwasser-Po-Spülung plus Fön zum Trocknen für Sauberkeit. Das "intelligente Haus" der Fraunhofer-Gesellschaft in Duisburg – auch kurz "inHaus1" genannt – ist ein gigantisches Netzwerk, an das nicht nur Computer und Drucker angeschlossen sind, sondern auch Wasserhähne, Betten, Türen, Hifi-Anlage und Küche.

Ein Assistent ersetzt die Fernbedienungen

Das inHaus1 ist ein Doppelhaus. Links liegt der Wohnbereich, rechts Labor und Werkstatt. Von hier aus überwachen die Forscher des Fraunhofer Instituts den Datenfluss im Wohnbereich, testen neue Netzwerke und entwickeln für die unterschiedlichen Haustechniksysteme passende Software und Steckkarten.

Gut 100 Wirtschaftspartner beteiligen sich an dem Forschungsprojekt. Sie alle steuern ihre Produkte mit einer speziell auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Hard- und Software bei. Damit das Bad die Küche und die Haustür die Heizung versteht, schreiben die Informatiker für die unterschiedliche Firmensoftware spezielle Übersetzungsprogramme.

Im Wohnbereich werden die neuen Steuerungen getestet. Das Bild der Garagenkamera kann man von jedem Monitor im Haus abrufen. Möglich wird dies durch moderne Netzwerktechnik, die sämtliche technischen Geräte im Haus - vom Anrufbeantworter über das Radio bis hin zur Zeitungsbox – mit dem Internet verbindet.

Das Haus wird mit einem "Persönlichen Digitalen Assistenten" gesteuert – auch kurz PDA genannt. Der kleine Taschencomputer steht über eine Funkkarte im ständigen Kontakt mit dem Hausserver und kann sämtliche elektrischen Geräte ansteuern. Bedient wird der PDA genauso wie ein Internetbrowser, denn die klassischen Fernbedienungen haben im inHaus1 ausgedient.

Ein graues Doppelhaus mit Garage.

Das inHaus1: links der Wohnbereich, rechts Labor und Werkstatt

Lebensmittel-Manager übernimmt den Einkauf

Das Herz des Hauses – der Hausserver – pulsiert im Arbeitszimmer und ist ein ganz gewöhnlicher PC. Er dient auch als Multimedia-Zentrale und speichert vom aktuellen Fernsehprogramm über Radio bis hin zur Internet-Tauschbörse alle gängigen digitalen Audio- und Videoformate. Ein Funknetz verteilt die Musik und Filme in alle Räume.

Ein Stockwerk tiefer in der Küche ersetzt ein Computer mit Touchscreen-Bildschirm das Kochbuch und listet sofort auf, ob zum Beispiel noch genug Knoblauch, Salz, Butter, Olivenöl, Reis, Gehacktes und Paprika im Haus sind.

Die fehlenden Zutaten erscheinen automatisch im Warenkorb und können über das Internet nachbestellt werden. Ermöglicht wird dieses Lebensmittel-Management durch Einwegchips (RFID), die in Zukunft die Strichcodes auf den Packungen ersetzen sollen.

Zudem wird das Kochen durch kleine technische Details erleichtert. Der Wasserhahn ist zugleich ein automatischer Dosierer, mit dem man millilitergenau und exakt temperiert das Reiswasser abmessen kann. Alle Küchengeräte vom Herd bis zur Waschmaschine lassen sich so programmieren, dass sie bei Störungen selbständig den Kundendienst anrufen und ihren Fehlerbericht über das Internet verschicken.

Helle Küchenzeile mit Kühlschrank, Herd und Schränken.

Intelligente Küche mit Terminal

Wie steht es mit dem Datenschutz?

Den Kontakt zur Außenwelt baut das interne Computernetzwerk des intelligenten Hauses über ein spezielles Telehome-Modem der Deutschen Telekom auf. Diese Plattform verbindet das Haus über eine DSL-Datenleitung mit dem Internet oder Handy und dient zugleich als externe Festplatte.

Genauso wie bei den externen Mailboxen der Mobilfunkanbieter können Firmen dann auch auf der Telehome-Plattform verschiedeneServiceprogramme - von der Alarmmeldung über den Gesundheitscheck bis hin zum Videoverleih – ablegen und anbieten.

Da alle diese Dienste quasi im Internet liegen, kann der Kunde sie von überall abrufen. Das alles wird zudem miteinander kombinierbar sein, sodass man sich sein ganz persönliches Software- und Servicepaket zusammenstellen kann.

Um diese sensiblen Daten vor dem Zugriff Unbefugter zu schützen, werden im inHaus1 der Fraunhofer-Gesellschaft nicht nur neue Servicedienste, sondern vor allem auch neue Sicherheitstechniken entwickelt und getestet. Damit keine Hacker die privaten Gespräche belauschen und die Haustechnik manipulieren, wird das gesamte Netzwerk durch Codenummern, Chipkarten, Passwörter und eine virtuelle Datenmauer gesichert.

Doch für das inHaus1 gilt das Gleiche wie für das Internet: Jede Software ist theoretisch knackbar und kein Programmierer auf der Welt wird je einen hundertprozentigen Schutz garantieren können.

Die intelligente Technik hilft auch, Energie zu sparen. Sensoren überwachen sämtliche Haussysteme. Sie messen Druck, Temperatur und Feuchte der Luft und regulieren – je nach Bedarf – den Energieverbrauch. Die Heizung des inHauses1 verbraucht ein Drittel weniger Energie allein dadurch, dass sie sich automatisch absenkt, wenn alle Bewohner außer Haus sind.

Und sollte während der Abwesenheit trotzdem etwas sein? Kein Problem. Das intelligente Haus benachrichtigt dann sofort via UMTS den mobilen Bordcomputer im Auto.

Mann sitzt vor TV-Bildschirm im Wohnzimmer

Mit der Fernbedienung können alle technischen Geräte im Haus angesteuert werden

Ein Sensor für den Senior

Mit der Technik aus dem inHaus1 kann man nicht nur Einfamilienhäusern, sondern auch ganzen Wohnblöcken, Siedlungen oder gar Stadtvierteln das Denken beibringen. Zusammen mit der Hattinger Wohnungsbaugesellschaft (HWG) untersuchten zwei Fraunhofer-Institute im Feldversuch, wie man Wohneinheiten zum Vorteil der Bewohner sinnvoll vernetzen kann.

Service-Plattform "Smarter Wohnen" nennt sich das ambitionierte Projekt. Die angeschlossenen Wohnungen haben Zugriff auf eine leicht zu bedienende Service-Plattform, deren Angebot sich jedoch erst noch entwickeln muss.

Sich vom Supermarkt Lebensmittel bringen lassen, Medikamente aus der Apotheke, den Hausmeister in Marsch setzen und dem Hausarzt die Blutdruckdaten mitteilen, das sind nur einige Beispiele sinnvoller Nutzung eines solchen Netzwerkes, das auch das normale TV-Angebot, Telefon-Anschluss und Internet-Anbindung bereitstellt.

Auch Einbruchsicherung und Rauchmelder ließen sich in ein solches Netz integrieren oder eines Tages die monatliche Abrechnung über Gas und Strom zur Selbstkontrolle. Speziell für Senioren birgt "Smarter wohnen" die Chance, möglichst lange ein selbständiges Leben in den eigenen vier Wänden zu führen.

Mit dem automatischen "Vitalcheck" könnte über das Netzwerk regelmäßig abgefragt werden, ob der Senior heute Morgen wieder das Licht und die Kaffeemaschine eingeschaltet hat.

Neuer Standard für Hausgeräte

Von solchen Projekten verspricht sich die Industrie Milliarden-Geschäfte. Nur mit digitalen Netzwerken sollen rund um den Globus schon bald rund 17 Milliarden Dollar umgesetzt werden, erwartet das amerikanische Unternehmen In-Stat. Allein in Europa wird der Markt für vernetzte Haussysteme von Experten auf 200 Millionen Objekte taxiert.

Doch bis jetzt findet man die intelligente Haustechnik meist nur in großen Bürogebäuden. Für Privathaushalte sind die meisten Angebote schlichtweg zu teuer. Zudem gab es bisher noch keinen gemeinsamen Standard für die vielen intelligenten Hausgeräte. Einen solchen hat jetzt jedoch das Berliner Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme ausgerechnet – und Universal Plug and Play (kurz: UPnP) genannt.

Immer mehr Hersteller unterstützen inzwischen diesen Standard, der relativ kostengünstig nachzurüsten ist. Die Fraunhofer-Forscher haben auch eine kleine Software entwickelt, die Digitalempfänger fürs Fernsehen in Medienzentralen verwandelt: Digitalkameras, MP3-Player und der digitale Videorekorder können so über eine kleine platzsparende Box gesteuert und koordiniert werden. Der Computer kann im Arbeitszimmer bleiben.

Stand: 25.07.2018, 09:23

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