Innovation City Bottrop

Der Oberbürgermeister von Bottrop Bernd Tischler jubelt über den Sieg seiner Stadt beim Wettbewerb Innovation City.

Zukunft des Wohnens

Innovation City Bottrop

Von Marika Liebsch

Hartnäckig hält sich das Vorurteil, Bottrop sei der Prototyp der trostlosen grauen Ruhrgebietsstadt. Doch dieses Klischee könnte bald der Vergangenheit angehören. Bottrop arbeitet daran, zum Vorreiter klimafreundlicher Innovation zu werden.
Der erste Schritt ist bereits geschafft. Die frühere Bergbau-Kommune gewann im November 2010 einen Wettbewerb unter 16 teilnehmenden Ruhrgebietsstädten und trägt seither den offiziellen Titel "Innovation City". Der Träger dieses Titels tritt an, den bisherigen CO2-Ausstoß in einem Pilotgebiet mit 69.000 Einwohnern zu halbieren – und das innerhalb von zehn Jahren.

Die ganze Stadt klimafreundlich umbauen

Insgesamt 12.500 Gebäude stehen in dem Pilotgebiet der Bottroper Innenstadt und der angrenzenden Stadtteile. Viele dieser Gebäude sind alte Zechensiedlungen, Industriegebäude oder Wohnhäuser aus den 1970er oder 1980er Jahren. Diese alten Gebäude benötigen viel Heizenergie und stoßen eine zu große Menge Kohlenstoffdioxid (CO2) aus.

Da es nicht realistisch ist, alle Häuser abzureißen und neu zu bauen, sollen die Häuser im Sinne des Klimaschutzes saniert werden. Das bedeutet Wärmedämmung, um unnötigen Energieverbrauch zu vermeiden. Aber auch die Energieerzeugung und die Heizanlagen müssen auf einen modernen und klimafreundlichen Stand gebracht werden.

Neu an dem Bottroper Pilotprojekt ist die systematische Sanierung. Nicht einzelne Häuser werden saniert, sondern ganze Straßenzüge und Siedlungen. Da 10.000 Gebäude in Privatbesitz sind, sucht man Lösungen, wie die Eigentümer den Umbau finanzieren können, um langfristig von der Sanierung und den Energieeinsparungen zu profitieren.

Das Projektteam von Innovation City bietet kostenlos Beratung und Sanierungsbetreuung an. Es werden zum Beispiel Einkaufsgemeinschaften vermittelt. Viele Hausbesitzer starten gemeinsam die Sanierung und bekommen so Mengenrabatt bei Material oder günstigere Handwerkerstunden durch Großaufträge.

Der ein oder andere Fördertopf wird ebenfalls angezapft. Denn wichtig ist den Initiatoren von "Innovation City", dass der Stadtumbau sozial verträglich durchgeführt wird. Nicht nur Hausbesitzer sollen profitieren, sondern auch die Mieter. Ihre Wohnungen sollen deutlich mehr Wohnkomfort bieten und weiterhin bezahlbar bleiben.

Modernes Geschäftshaus

Das BMS Zukunftshaus wurde zu einem modernen Plus-Energie-Haus umgebaut

Energie regenerativ vor Ort erzeugen

Den Energieverbrauch zu senken, ist nur eines von insgesamt fünf Feldern des Stadtumbaus, an denen bei Innovation City Bottrop parallel gearbeitet wird. Die dezentrale und klimafreundliche Energiegewinnung ist ein weiteres wichtiges Arbeitsfeld. Auch hier gibt es Projekte, die bereits umgesetzt wurden oder in der Planung sind.

Auf der Halde Donnerberg steht der bisher größte Vertikaldreher zur Windkraftnutzung. Er ist effektiver als herkömmliche Windkrafträder, da er den Wind aus allen Richtungen aufnimmt, bereits bei einer geringeren Windgeschwindigkeit läuft, weniger Lärm macht und weniger Schatten wirft.

An welchen Orten weitere Vertikaldreher sinnvoll sind, wird geprüft. Seit 2012 werden bei der Sanierung von Straßenlaternen effektivere LED-Leuchten eingesetzt. Langfristig könnte jede zweite Laterne eingespart werden. Statt der Laternen können dann kleinere Varianten von Vertikaldrehern aufgestellt werden, die zusätzliche Energie erzeugen.

Drei Vertikaldreher

Vertikaldreher nutzen Windenergie effektiver

Einige Privathäuser und öffentliche Gebäude sind bereits mit Photovoltaik-Anlagen ausgerüstet. Auch das Dach der nach eigenen Angaben längsten Skihalle der Welt, des Alpincenter Bottrop, wurde komplett mit einer Photovoltaik-Anlage bebaut.

Neben der Stromerzeugung hat die Anlage außerdem einen wertvollen Isoliereffekt, der jetzt weniger Energie zur Kühlung der Skihalle nötig macht. Geplant ist außerdem eine Lärmschutzwand in Kombination mit einer Photovoltaikanlage an der Autobahn A42.

Vorhandene Ressourcen besser ausschöpfen

Verschiedene Projekte in Bottrop befassen sich mit der Verwertung bisher nicht genutzter Energiequellen. So entsteht zum Beispiel in einigen Industriebetrieben viel Abwärme, die im Moment noch einfach verpufft. Dabei könnten mit dieser Abwärme diverse angrenzende Wohngebiete beheizt werden.

Mittlerweile ist das Fernwärmenetz deutlich ausgebaut worden. Wer im Bottroper Stadtgebiet einen Fernwärme-Neuanschluss beantragt, erhält von der Stadt einen finanziellen Zuschuss.

Die Emscher-Kläranlage stellt Wasserstoff her. Dieser wird bisher für eine Wasserstofftankstelle und einen öffentlichen Kleinbus genutzt. Doch es gibt auch Pläne, mit einer größeren Wasserstoffanlage eine ganze Siedlung zu beheizen.

Ein weiteres wichtiges Projekt ist das intelligente Stromnetz, auch "Smart Grid" genannt. In einem Versuchsgebiet werden alle Stromverbraucher in ein gemeinsames System von Stromerzeugung, Speicherung, Netzmanagement und Verbrauch gebracht.

So kann man etwa Abwärme ideal nutzen, Photovoltaikanlagen oder Vertikaldreher kollektiv bauen und durch ein gemeinsames Netz noch effizienter machen. Von diesen Erfahrungen sollen später andere Stadtgebiete und Städte profitieren.

Alle Möglichkeiten der CO2-Reduzierung nutzen

Um das große Ziel zu erreichen, den CO2-Ausstoß zu halbieren, müssen alle denkbaren Wege genutzt werden. Großflächige Gebäude wie Industriehallen, Supermärkte oder das neue Hochschulgebäude sollen begrünte Dächer bekommen. Dies dient der besseren Isolierung des Gebäudes und damit der Energieeinsparung. Die Dachpflanzen selbst nehmen CO2 auf und verringern so zusätzlich den CO2-Ausstoß des Gebäudes.

Im Bereich Mobilität muss vieles verändert werden. Ein Wasserstoffbus und ein Dieselhybridbus fahren bereits im öffentlichen Nahverkehr. Doch es sollen deutlich mehr werden.

Die Bergwerksbetriebe der RAG erforschen gemeinsam mit der Universität Duisburg-Essen Algen, die besonders schnell im Grubenwasser wachsen. Auch diese Algen nehmen CO2 auf. Und der eigentliche Clou: Sie können zu künstlicher Kohle gepresst werden, die dann wieder als Energielieferant dienen soll. Noch ist dieses Projekt im Forschungsstadium, aber Experten sehen die Umsetzung als durchaus realistisch an.

Flachdach mit Pflanzenbegrünung zur CO2-Reduzierung.

So sollen in Zukunft großflächige Dächer in Bottrop aussehen

Mehr Lebensqualität für alle

Die massive Reduzierung der CO2-Produktion muss im Einklang mit den Bürgern erfolgen. Die klimafreundliche Stadt soll den Menschen eine höhere Lebensqualität bieten. Auch dieses Ziel verfolgt das Projekt Innovation City.

Das bedeutet: Die Mieten müssen bezahlbar sein, die Energiekosten dürfen nicht drastisch steigen, die Mobilität muss gewährleistet sein, die Umgebung muss Freizeitwert haben und möglichst schön aussehen.

Doch wer bezahlt all diese Projekte und Sanierungen? Mit dem Gewinn des Wettbewerbs Innovation City bekam Bottrop lediglich eine Anschubförderung des Landes Nordrhein-Westfalen von 500.000 Euro. Nun geht es darum Ideen, Know-how, Macher und vor allem Investoren zusammenzubringen, um die verschiedenen Projekte zu realisieren.

Ein 14-köpfiges Projektteam hat einen Masterplan entwickelt, um Investoren und Fördergelder zu gewinnen. Gerade was Fördergelder angeht, scheitern Antragsteller oft an der Bürokratie und vorhandene Mittel werden gar nicht abgerufen. Mit der Betreuung durch die Berater soll sich das ändern. Außerdem hoffen die Projektleiter auf Synergieeffekte – gerade durch die Vernetzung der Wirtschaft mit der Forschung.

Fast alle Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen Nordrhein-Westfalens sind an dem Pilotprojekt Innovation City Bottrop beteiligt. Das Wuppertal Institut für Klimaforschung leitet und koordiniert die wissenschaftliche Betreuung von Innovation City. So soll langfristig nicht nur Bottrop, sondern das ganze Land profitieren.

Alte Zechensiedlung in Bottrop.

Zechensiedlungen sollen modernisiert werden

Stand: 25.07.2018, 09:23

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