Nach der Apartheid

Eine weiße Frau hält ein afrikanisches Kind

Geschichte Südafrikas

Nach der Apartheid

Mehr als 40 Jahre dauerte das rassistische System der Apartheid. Politische Beobachter prophezeiten eine demokratische Gesellschaft nur um den Preis eines erbitterten Bürgerkrieges. Das Gegenteil trat ein: Seither ist vom "südafrikanischen Wunder" die Rede.


Das Prinzip "vergeben ohne zu vergessen"

Es war vor allem das Verdienst Nelson Mandelas, dass es 1994 nach den ersten freien Wahlen in Südafrika mit dem Sieg des von Mandela geführten Afrikanischen Nationalkongress (ANC) nicht zu einem blutigen Bürgerkrieg kam. Eines seiner wichtigsten Mittel der Versöhnung war die Einrichtung der Wahrheitsfindungskommission (Truth and Reconciliation Commission) durch das südafrikanische Parlament.

Unter Vorsitz des südafrikanischen Erzbischofs Desmond Tutu war das Ziel einer 17-köpfigen Kommission, die Wahrheit vergangener Unmenschlichkeit und Unterdrückung während der Apartheid an die Öffentlichkeit zu bringen und so die Menschenrechte zu stärken.

Die Schuldigen kamen nicht vor ein Gericht, sondern sollten Motive und Vorgehensweisen bei Ereignissen der Apartheid-Ära öffentlich darstellen. Wer sich freiwillig der Kommission stellte, konnte mit Amnestie rechnen.

Bischof Desmond Tutu auf dem Podium

Desmond Tutu war Vorsitzender der Kommission

Viele Opfer der Apartheid konnten sich nicht mit diesem Vorgehen anfreunden und verlangten harte Strafen. Trotzdem gelang es der Kommission und der südafrikanischen Regierung unter Nelson Mandela in der Öffentlichkeit, dass das Prinzip "vergeben ohne zu vergessen" in der Bevölkerung anerkannt wurde. Erleichtert wurde dies durch den Blick nach vorn, bei dem es nicht um Rache an den Tätern, sondern um Hilfe für die Opfer ging.

Bis heute hat der Wandel vom rassistischen Apartheidsregime hin zur Regierungsmacht der schwarzen Bevölkerungsmehrheit kaum Gewalt hervorgebracht. Das heutige Südafrika hat das multikulturelle Zusammenleben zur Vision einer neuen modernen Gesellschaft erhoben.

Auch wenn dieses Ziel aufgrund erheblicher sozialer Unterschiede noch weit entfernt ist, scheinen die Voraussetzungen für eine derartige Gesellschaftsform günstig zu sein.

Ein Modell für die Welt?

Über die Gründe für das "südafrikanische Wunder" wird nach wie vor diskutiert. Klar ist, dass neben charismatischen Persönlichkeiten wie Nelson Mandela und Desmond Tutu und ihrem konsequenten Eintreten für eine gewaltfreie Veränderung des Landes auch besonnenes Handeln auf Seiten der Weißen erheblich zum friedlichen Wandel beitrug.

Wichtig in der Vorbereitung eines allmählichen Übergangs zu demokratischen Verhältnissen war dabei die Reformpolitik der "National Party" unter dem weißen Ministerpräsidenten Willem de Klerk. Knapp 70 Prozent der weißen Bevölkerung unterstützten durch ein Referendum 1992 seine Reformpolitik, die nach zwei Jahren zu den ersten freien Wahlen 1994 führte. Aus ihnen ging am 10. Mai 1994 Nelson Mandela als erster schwarzer Präsident Südafrikas hervor.

Dass der Weiße de Klerk auch in der Interimsregierung unter Nelson Mandela zweiter Vizepräsident blieb, war ein weiteres Kennzeichen dieses auf Konsens statt Konfrontation ausgerichteten Wandels.

Verständlich wird die friedliche südafrikanische Entwicklung vor dem Hintergrund des Alltagslebens. Trotz aller Versuche die Rassen über Jahrzehnte strikt voneinander zu trennen, gab es immer wieder Treffpunkte zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen, zum Beispiel bei der gemeinsamen Arbeit. Im Alltag gab es eine Menge Berührungspunkte zwischen Schwarz und Weiß, die trotz aller sozialer Unterschiede anscheinend tragfähig genug waren, gegenseitige Gewalt auszuschließen.

Nelson Mandela und Frederik de Klerk bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 1993 in Oslo

Bereits 1993 erhielten Nelson Mandela und Frederik de Klerk den Friedensnobelpreis

Das "Modell Südafrika" ist für die Konfliktlösung in anderen Regionen der Welt interessant geworden. Unmittelbare Nachahmung fand das Modell der Wahrheitsfindung nach dem Völkermord in Ruanda Mitte der 1990er Jahre.

Folgt man international renommierten Friedensforschern, dann hat diese Art der Konfliktbewältigung zwar den Nachteil langer Dauer, aber den Vorteil hoher Effektivität. Mögliche Keime neuer Konflikte sollen dabei langsam ausgetrocknet werden.

Autor: Wolfgang Neumann-Bechstein

Stand: 03.01.2019, 12:53

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