Harriet Bruce-Annan – Eine Toilettenfrau spendet jeden Cent

Harriet Bruce-Annan.

Ghana

Harriet Bruce-Annan – Eine Toilettenfrau spendet jeden Cent

Mit ein paar Cent die Welt verändern? Das geht: Harriet Bruce-Annan hat in Düsseldorf Klos geputzt und damit den ärmsten Kindern in Ghana eine Schulausbildung ermöglicht. Cent für Cent, Kunde für Kunde. Heute sammelt sie mit ihrem Verein "African Angel" Spenden für Kinder aus dem Armenviertel in Bukom.


Harriets Kindheitstraum

Es ist noch gar nicht so lange her, da arbeitete Harriet Bruce-Annan in einer Düsseldorf Altstadtkneipe als Toilettenfrau. In ihrer Heimat Ghana war sie eine erfolgreiche Programmiererin, hier putzte sie Toiletten.

Aber nicht nur das: Jeden Cent, den ihr die Gäste hinlegten, spendete sie und schenkte damit Kindern in Ghanas Hauptstadt Accra ein neues Zuhause. Sie bekommen regelmäßig etwas zu essen, können die Schule besuchen und wohnen in einem Kinderhaus.

Heute lebt Harriet Bruce-Annan teils in Ghanas Hauptstadt Accra und teils in Düsseldorf. Als Toilettenfrau arbeitet sie nicht mehr, ihr Verein zahlt ihr monatlich ein Einkommen, sodass sie sich voll und ganz ihrem Projekt "African Angel" widmen kann. Es war ihr lang ersehnter Kindheitstraum, den Kindern aus dem Armenviertel in Bukom nahe der Hauptstadt Accra zu helfen.

Als kleines Mädchen hatte Harriet dort ihre Oma besucht und war fassungslos, dass die Kinder auf der blanken Erde schlafen mussten, dass sie nur Fetzen auf dem Leib trugen und kaum etwas zu essen bekamen. "Wenn ich mal groß bin, werde ich diesen Kindern in Ghana helfen", schwor sie sich damals.

Als Harriet 1991 mit ihrem ghanaischen Ehemann nach Deutschland kam, hatte sie zunächst ganz andere Träume und Wünsche. Sie wollte studieren und Systemanalytikerin werden. Dafür war sie bereit, ihre Stelle als Programmiererin in Ghana aufzugeben. "Ich habe dich in Düsseldorf schon für ein Studium angemeldet", sagte ihr Mann und so wagte sie gemeinsam mit ihm einen Neustart in einer anderen Welt.

Doch in nur wenigen Wochen verwandelten sich Harriet Bruce-Annans Hoffnungen und Träume in einen Scherbenhaufen. Ihr Mann schien in Düsseldorf ein anderer Mensch zu sein. Seine fürsorgliche und hilfsbereite Art, die sie aus Ghana von ihm kannte, gehört der Vergangenheit an. Er war brutal und schlug sie.

Deutschland – Vom Traum zum Albtraum

Harriet Bruce-Annan war verzweifelt. Am liebsten wollte sie zurück nach Ghana, doch sie hatte kein Geld für einen Flug. Auch konnte sie sich nicht abschieben lassen, denn sie war mit einem britischen Staatsbürger verheiratet. Im Frauenhaus gelang es ihr, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. "Es ist immer das Wichtigste, sein Bestes zu geben und aus einer solchen Situation das Beste zu machen", sagt Harriet heute. Sie zog in eine kleine Wohnung in Düsseldorf, in der sie heute noch lebt.

Vom Arbeitsamt bekam Harriet eine Stelle als Putzkraft bei der Düsseldorfer Messe zugewiesen – ihre Ausbildung als Programmiererin wurde nicht anerkannt: "Davon wollte niemand etwas wissen. Und wenn doch, dann dachte der wahrscheinlich: Computer? Ah ja, haben die so etwas überhaupt in Afrika? Es wäre klüger zu fragen: 'Was bringst du mit?', als einem Einwanderer die einfachste Arbeit zuzuweisen", sagt Harriet Bruce-Annan.

Tag und Nacht Toilettenfrau

Doch die Programmiererin aus Ghana hatte kein Problem damit, als Putz- und Toilettenfrau zu arbeiten. "Meiner Meinung nach ist man kein Mensch zweiter Klasse, wenn man einer solchen Arbeit nachgeht. Ich empfand keine Scham dabei", sagt Harriet Bruce-Annan. Tagsüber arbeitete sie nun als Putzkraft auf der Messe, die Abende verbrachte sie einsam zu Hause. Das soll alles gewesen sein?

Harriet Bruce-Annan erinnerte sich an ihren Kindheitstraum und die Kinder im Armenviertel Bukom. Sie beschloss, sich einen zusätzlichen Job als Toilettenfrau in der Düsseldorfer Altstadt zu suchen, um Spenden zu sammeln. Mit dem Chef einer Kneipe machte sie aus, nur auf Basis der Trinkgelder zu arbeiten, die sie komplett spendete. Sie brauche nur einen Stuhl und einen Tisch vor den Toiletten, wo sie Flyer für ihr Projekt auslegen könne.

"Harriet ist keine normale Klofrau, sie ist ein afrikanischer Engel", sagte damals ein Gast in der Düsseldorfer Altstadtkneipe und so entstand der Name für ihren Verein "African Angel". Viele Gäste bewunderten ihr Engagement für ihre Heimat Ghana und spendeten gerne, manche übernahmen sogar eine Patenschaft. "Eigentlich denkt man sich immer, man zahlt viel Geld für Getränke in der Kneipe und muss dann auch noch etwas zahlen, wenn man es wieder loswerden möchte, aber für einen guten Zweck, immer gerne", sagte ein Stammkunde.

Mit ein paar Cent die Welt verändern

Mit den ersten Trinkgeldern und Spenden schenkte Harriet 26 Kindern in Ghanas Hauptstadt Accra ein neues Zuhause. Sie bekommen regelmäßig etwas zu essen, können die Schule besuchen und wohnen im Kinderhaus von "African Angel". Harriet lebte selbst sehr bescheiden. 1000 Euro im Monat hatte sie zum Leben, Trinkgelder und Spenden gingen komplett nach Ghana.

Das Geld war oft knapp und Harriet Bruce-Annan musste ihren Chef bei der Düsseldorfer Messe um einen Vorschuss bitten. Irgendwie trieb sie das fehlende Geld aber immer auf, zum Beispiel für einen nicht eingeplanten Besuch eines Kindes beim Arzt.

"Wir wollen die Straßenkinder hier nicht"

Heute leben 62 Kinder im Kinderhaus von "African Angel" in Ghana. Die Suche nach einem passenden Haus für die ehemaligen Slumkinder war nicht einfach. Harriet Bruce-Annan war es wichtig, ein Haus weit weg vom Armenviertel Bukom zu finden. Doch kein Hausbesitzer wollte die Kinder aufnehmen und auch die gut betuchte Nachbarschaft rümpfte die Nase: "Diese Mädchen und Jungen sind verwahrlost, haben keine Erziehung und machen alles kaputt. Wir wollen sie hier nicht."

Am Ende wurde Harriet Bruce-Annan doch noch fündig, obwohl das Gelände zunächst einer Müllhalde glich. Ihre beste Freundin Helena, die sich als Haushälterin um die Kinder kümmert, war äußerst skeptisch: "Dieses dreckige Gelände kann niemals ein Zuhause für Kinder werden."

Doch Harriet Bruce-Annan hat es geschafft. Das Haus von "African Angel" hat heute drei Stockwerke, im Garten gibt es viel Platz zum Spielen und bald soll noch eine Bibliothek eingerichtet werden. Stolz ist sie, dass es im Haus endlich fließend Wasser zum Duschen und Toiletten gibt. "Mit den Handwerkern in Ghana ist es nicht immer einfach", sagt die Deutsch-Ghanaerin. Sie will noch 38 Kinder aufnehmen, sodass insgesamt 100 Kinder bei "African Angel" leben können.

Bundesverdienstkreuz für Harriet Bruce-Annan

Auch die Schulen taten sich am Anfang schwer, Harriets Kinder in ihre Klassen aufzunehmen. Die Lehrer trauten den Slumkindern nichts zu. Aber sie bewiesen ihnen das Gegenteil. Veronika, die von Anfang an in Harriets Kinderhaus dabei war, gehört heute zu den Besten der Klasse. Sie will Ärztin werden. Ein Berufswunsch, den sie sich dank dem "afrikanischen Engel" Harriet Bruce-Annan vermutlich erfüllen kann. In Bukom wäre sie wahrscheinlich auf dem Straßenstrich gelandet.

Im März 2013 wurde ihr Engagement für Kinder in Ghana geehrt: Harriet Bruce-Annan erhielt von Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz. "Ich war zwar nur eine einfache Klofrau, aber ich habe aus etwas Negativem etwas Positives gemacht. Egal, was man macht, egal, wie weit unten man ist, jeder Mensch kann einen Unterschied machen, um anderen zu helfen", sagt Harriet Bruce-Annan.

Autorin: Annika Zeitler

Stand: 17.10.2018, 14:10

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