Die sowjetische Vergangenheit

Zahlreiche Kreuze in verschiedenen Größen auf einem Hügel.

Litauen

Die sowjetische Vergangenheit

Während der sowjetischen Besetzung wurden mehr als 350.000 Menschen nach Sibirien deportiert. Viele kehrten nie zurück. Die Erinnerung an diese Verbrechen ist in Litauen stets mit dem Kampf um die eigene nationale Unabhängigkeit verknüpft.

Ausflug nach "Stalin World"

Auf das Knie will er, der kleine Junge mit dem Pagenschnitt. Er tritt der sitzenden Statue auf den Fuß, zieht sich am Steinsims hoch, sucht mit dem zweiten Fuß Halt, zieht sich noch einmal hoch und hat es schließlich geschafft. "Lach mal, Vytuk!", ruft sein Vater ihm zu, und Vytuk schaut mit breitem Grinsen in die Kamera. Aber weiß er auch, auf wessen Knie er da sitzt?

Das stählerne Gesicht blickt mit gerunzelter Stirn in die Ferne – weise, schwermütig und alt. Doch für ein Denkmal ist der stählerne Genosse noch jung: Erst 1982 wurde die Lenin-Skulptur im Kurort Druskininkai feierlich aufgestellt – damals, in der Sowjetunion.

Nach der Unabhängigkeit Litauens wurde sie im April 1991 auf einen Schrottplatz am Rande der litauischen Hauptstadt Vilnius gebracht und sollte eingeschmolzen werden.

Verhindert hat das der frühere Rotarmist Viliumas Malinauskas. Als er nach der Unabhängigkeit Litauens mit dem Export von Pilzen und Beeren ein Vermögen gemacht hatte, investierte er einen Teil davon in die Errichtung seines sowjetischen Skulpturenparks.

70 Stück ließ er im "Gruto Parkas" im Süden Litauens zusammentragen und restaurieren – viele waren enthauptet, verbeult oder verbogen.

Tourist mit Lenin-Denkmal.

Posieren mit Lenin fürs Fotoalbum

Der Park ist von Stacheldraht umzäunt, von Gulag-Türmen umstellt und wird über Lautsprecher mit Marschmusik beschallt. Doch die Touristen, die den Park besuchen, sollen sich auch amüsieren.

Sie lachen über den Rauschebart von Karl Marx, spazieren an dem berüchtigten Geheimdienst-Gründer Felix Dserschinski vorbei und raten die Vornamen der niederen Parteichargen.

Gulag mit Freizeitcharakter – und viel Kritik

Lenin und Co. werden betatscht und umarmt – oder im Winter mit Schneebällen beworfen. Es heißt, im Frühling niste in Stalins abgebrochenen Daumen ein Vögelchen. Der Park wird von den Litauern auch "Stalin World" genannt – in Anlehnung an den Vergnügungspark "Disney World".

Am Wochenende mischen sich regelmäßig frisch vermählte Brautpaare unter die Besucher und lassen sich vor den Ikonen des Kommunismus ablichten – wie in alten Zeiten.

Stalin-Skulptur, umrahmt von mehreren jungen Mädchen.

Gruppenbild mit Stalin: ein Schulausflug

Dieser lapidare Umgang mit der Vergangenheit passt nicht allen Litauern. Für Gulag-Überlebende und andere Opfer des Kommunismus symbolisieren die Statuen Angst, Deportation und den Tod von Freunden und Verwandten. Die Verbrechen werden ihrer Ansicht nach durch den Park verharmlost.

Eindrucksvolle Ausstellung im KGB-Museum

Wer wissen will, wie der sowjetische Geheimdienst Litauer unter Druck setzte und politische Gefangene behandelte, bekommt die Wahrheit wesentlich direkter im KGB-Museum in Vilnius zu Gesicht.

Während die Besucher bedrückt in dem düsteren Gefängnis herumstehen, die kargen Räume und Folterzellen anstarren, erfahren sie über Kopfhörer von den hier verübten Verbrechen. Bevor sie das Museum verlassen, können sie einen Blick auf die wenigen persönlichen Gegenstände werfen, die die hier Ermordeten zurückließen – Schuhe, eine zerbrochene Brille, ein Kamm.

Gefängniszellen im KGB-Museum in Vilnius.

Im KGB-Museum wird der sowjetische Terror greifbar

Erinnerung an den Widerstandskampf der Waldbrüder

Im gleichen Museum, das offiziell "Museum der Opfer des Genozids" heißt, gibt es auch eine Ausstellung über den litauischen Widerstandskampf zu Beginn der Sowjetherrschaft. In allen drei baltischen Ländern nannte man die Widerstandskämpfer "Waldbrüder". Sie hatten bereits gegen die Nationalsozialisten gekämpft und verübten in der Frühphase der Sowjetherrschaft Anschläge auf Beamte des Innenministeriums und auf die Miliz.

Der sowjetischen Führung machte die Widerstandsbewegung im Baltikum enorme Probleme. Allein in Litauen wurden für die Bekämpfung der rund 30.000 Partisanen zum Schluss über 100.000 Mann benötigt.

Die Sowjets stellten Spezialeinheiten auf: Die Soldaten erhielten eine besondere Ausbildung und wurden "Istrebiteli" genannt – "Vernichter". Lange Zeit konnten sich die Waldbrüder dennoch behaupten, auch weil sie einen hohen Rückhalt unter der bäuerlichen Bevölkerung hatten.

Große Hoffnungen setzten die Widerstandskämpfer auf das westliche Ausland – aber sie warteten vergeblich. 1953 erlebten sie, dass sich die Westmächte nach der Niederschlagung des Ostberliner Arbeiteraufstandes am 17. Juli still verhielten.

Entmutigt nahmen viele das nach dem Tode Stalins von der sowjetischen Regierung ausgesprochene Amnestie-Angebot an und legten ihre Waffen nieder.

Stiller Protest: der Berg der Kreuze

Der überwiegende Teil der litauischen Bevölkerung passte sich an die Fremdherrschaft an, zog sich in die innere Emigration zurück oder übte stillen Protest. Eines der eindrucksvollsten Zeichen dieser Form des Widerstandes ist heute noch auf einer kleinen Anhöhe nahe der Stadt Šiauliai zu sehen.

Mit kleinen aufgestellten Holzkreuzen drückten die Litauer ihre Trauer und ihr Mitgefühl mit den nach Sibirien deportierten Angehörigen und Freunden aus. Der Berg mit Kreuzen und Jesus-Skulpturen wuchs und wurde für die überwiegend streng katholischen Litauer zu einem nationalen Symbol.

Mehrere Kreuze im Abendlicht.

Abenddämmerung am Berg der Kreuze

Die sowjetischen Besatzer beobachteten das mit Argwohn und machten den Berg der Kreuze im Jahre 1961 mit Bulldozern dem Erdboden gleich. 14 Jahre später wurden die neu aufgestellten Kreuze erneut zerstört. Während der Unabhängigkeitsbewegung ab dem Jahre 1988 wuchs ihre Anzahl schließlich schneller als je zuvor. Heute stehen Schätzungen zufolge fast 100.000 Kreuze in verschiedenen Größen und Variationen auf dem Feld unter freiem Himmel.

Seit auch Papst Johannes Paul II. eines aufstellte, hat sich der Berg der Kreuze zum Wallfahrtsort für Katholiken aus aller Welt entwickelt. Für die Litauer ist er darüber hinaus ein Symbol für Frieden im Land und ihre nationale Unabhängigkeit.

Autorin: Jennie Radü

Stand: 25.01.2018, 16:00

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