Die neue Sehnsucht nach Heimat

Fenster mit geöffneten Läden und Geranien in einem Blumenkasten

Heimat

Die neue Sehnsucht nach Heimat

Sie liegen im Trend: Läden von Einheimischen für Einheimische. Ein Shop in der Frankfurter Innenstadt verkauft Fußmatten mit der Aufschrift "I Gude", der Heimatladen in München gibt Kuscheltiere aus Dirndlstoff oder Müslischalen mit der Aufschrift "dahoam" an die Kunden weiter. Ist das Kitsch oder Ausdruck einer neuen Sehnsucht nach Heimat?

Bedürfnis nach Heimat ist größer geworden

Schrebergarten, Volksmusik und Spießigkeit – Heimat war für viele Menschen ein Synonym für Enge und konservative Lebensführung. Nicht die einzige negative Bedeutung, die das Wort Heimat in seiner Begriffsgeschichte erfahren musste. Mit dem Missbrauch des Wortes durch die Nationalsozialisten wurde Heimat mit "Blut und Boden", "Volk ohne Raum" und der Idealisierung einer bäuerlichen Lebensweise verbunden.

Doch das einst gemiedene Wort Heimat scheint eine Wandlung zu erfahren. In einer Umfrage des Spiegel aus dem Jahr 2012 geben 64 Prozent der Deutschen an, dass Heimat im Zeitalter der Globalisierung für sie an Bedeutung gewonnen hat. Im Jahr 1999 waren es etwa zehn Prozent weniger.

Sehnsucht nach dem Beständigen wächst

Gibt es also einen Zusammenhang zwischen einer immer komplexer werdenden Welt und der Sehnsucht nach dem Rückzug in einen kleinen, heilen und überschaubaren Mikrokosmos? Zukunftsforscher bejahen das und haben dafür längst einen Namen gefunden.

Auf der Seite von trendwatching.de ist der "Still Made Here Trend" so beschrieben: "Es ist das Comeback des Lokalen, all der Dinge mit einem Sinn für die eigene Umgebung (…). In einer Welt, die bestimmt wird von Globalisierung und Massenproduktion, interessieren sich immer mehr Konsumenten für das Lokale und damit für das Authentische, das verantwortungs- und umweltbewusste."

Rückzug in Zeiten von Unsicherheit

Sonja Ziemann und Rudolf Prack umarmen sich in einer Filmszene, blicken in die Ferne

Eine tiefe Sehnsucht nach der heilen Welt

Es ist nicht das erste Mal, dass der Heimatbegriff eine Renaissance erfährt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das zerstörte Deutschland eine Flut an Heimatfilmen und -büchern, in denen die heile Welt und dörfliche Gemeinschaft großgeschrieben wurden.

Für Professorin Beate Mitzscherlich ist die neue Sehnsucht nach Heimat unserer Zeit daher kein Zufall: "Dieser Rückbezug auf Heimat kommt immer dann, wenn die Außenwelt unsicher und unheimlich ist." Offensichtlich wächst in diesen Zeiten das Bedürfnis nach Orientierung, Sicherheit und Geborgenheit – eben nach Beheimatung, wie es Psychologin Mitzscherlich nennt.

Orte werden zu Teilen unserer Identität

Jagdhornbläser in der Wirtsstube, Frauen sitzen am Kachelofen und lauschen, historischer Stich, 1888

Geselliges Beisammensein im Wirtshaus

Beheimatung ist ein aktiver Prozess des Sich-Verbindens mit Orten, Menschen, kulturellen und geistigen Bezugssystemen. "Sich beheimaten heißt, Beziehungen zu Orten, vor allem aber zu den dort lebenden Menschen aufzubauen", sagt die Heimatforscherin.

Aber es heißt auch, diese Beziehungen nach seinen Bedürfnissen entsprechend zu gestalten und damit Verantwortung für sich selbst, aber auch für Orte und Menschen zu übernehmen. Drittens gehört dazu auch das Bedürfnis, einen inneren Zusammenhang zwischen sich und dem gewählten Ort herstellen zu können. Ist das erreicht, sprechen wir von Heimat.

Heimat immer wieder neu herstellen

Kleines Dorf liegt eingebettet in blühender Lanschaft unter blauem Himmel

Heimatliche Idylle: mal beengend, mal stützend

"Mit dem Prozess der Beheimatung ist man genau genommen niemals fertig oder erst dann, wenn man stirbt", erläutert Mitzscherlich. Unterwegs machen wir Erfahrungen von mehr oder weniger, schwächerer oder stärkerer Heimatlichkeit. Oder wir merken plötzlich, dass die eigentliche Heimat doch der Ort ist, aus dem wir stammen.

"Erst in der Fremde erfahren wir, dass die Enge, die wir als Jugendliche als Kontrolle erfahren haben, etwas Unterstützendes und Haltendes sein kann", sagt Prof. Beate Mitzscherlich über Menschen, die irgendwann in ihren Heimatort zurückkehren, wie Gerd Leipold. Der ehemalige Greenpeace-Chef lebte in Kalifornien, London und Amsterdam, bevor er sich nach über 40 Jahren wieder in seinem oberschwäbischen Heimatort niederließ. Heute fühlt er sich sehr wohl dort.

Zurück zu den Wurzeln ist im Trend: Sei es Lokales aus den Heimatläden, regionale Krimis oder Bands, die im Dialekt singen. Alles mündet in einer neuen Sehnsucht nach Heimat. Gespeist wird dieses Bedürfnis, psychologisch betrachtet, aus der Unsicherheit und dem Unbehagen der Moderne. Für manche Menschen mag es vielleicht sogar ein Protest gegen eine schnelllebige, leistungsorientierte und vernetzte Welt sein.

Autorin: Andrea Wieland

Stand: 30.06.2016, 15:30

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