Wie ticken die Deutschen?

Ein Mann mit Hornbrille steht vor einem Bücherregal.

Heimat

Wie ticken die Deutschen?

Die Menschen in Deutschland sind pünktlich, pflichtbewusst und fleißig. Sie sind aber auch ein Volk von Spießern. So das Klischee. Von sich selbst haben die Deutschen aber ein anderes Bild.

Über die politischen Ansichten der Deutschen wissen wir viel

Wie "ticken" die Deutschen? Das fragen sich im Moment viele Menschen, nicht nur die Deutschen selber. Über die politischen Ansichten der Deutschen wissen wir viel, jede Woche gibt es neue Wahlbarometer. Auch über den Konsum ist viel bekannt, weil die Unternehmen wissen wollen, wer ihre Produkte kauft.

Zwei Mädchen geben Lebensmittel an Flüchtlinge aus

Gegenüber den Flüchtlingen zeigen sich viele Deutsche hilfsbereit

Trotzdem hat das vergangene Jahr viele überraschende Erkenntnisse über unser Volk gebracht, mit denen mancher nicht gerechnet hätte: etwa, dass viele Deutsche eine große Hilfsbereitschaft an den Tag legen für Menschen aus anderen Ländern, die in ihrer Heimat politisch verfolgt werden. Aber auch, dass es eine erstaunlich große Zahl von Menschen im Lande gibt, die sich von der Politik im Stich gelassen fühlen und den traditionellen Medien misstrauen.

Umfragen erheben Meinungen, nicht aber Gefühle oder Ängste

Ein Grund für die Überraschung: Die meisten Meinungsumfragen erfragen eben nur Meinungen, aber nicht Gefühle, Ängste und Befindlichkeiten. In dem Buch Wie wir Deutschen ticken haben Holger Geißler und ich den Landsleuten Fragen stellen, die auf den ersten Blick unpolitisch sind, aber eine Menge aussagen über die Situation der Deutschen im Jahr 2015.

Der Anstoß für das Buch ging von der Umfrageagentur YouGov aus, die neben ihren von Kunden in Auftrag gegebenen Erhebungen einmal eine ganze Sammlung mit Antworten auf Fragen herausgeben wollte, die das Leben der Deutschen aus allen möglichen Blickwinkeln beleuchten. Ich bekam das Angebot, das Buch als Autor zu betreuen.

Alle Fragen waren möglich – jedes Thema, ohne Tabu –, und alle Antworten würden repräsentativ für die erwachsene deutsche Bevölkerung sein. Ich hatte das Gefühl, einen Zauberstab der Erkenntnis in die Hand zu bekommen, den ich nur schwingen musste, und schon beantwortete er jede Frage – so lange sie anfing mit "Wie viel Prozent der Deutschen ...?".

Brainstormen für den Fragenkatalog

Porträtfoto des Autors Christoph Drösser.

Christoph Drösser ist der Autor des Buchs "Wie wir Deutschen ticken"

Um die Ergebnisse für dieses Buch zusammenzustellen, wurden von September 2014 bis April 2015 in mehr als 80 Erhebungen jeweils rund 1000 Menschen befragt. YouGov führt seine Umfragen online durch, die Probanden werden aus einem großen Panel nach einem Zufallsprinzip so ausgewählt, dass ein Abbild der deutschen Bevölkerung ab 18 Jahren im Kleinen entsteht.

An jeder dieser Umfragen haben 48,5 Prozent Männer und 51,5 Prozent Frauen teilgenommen, 40,7 Prozent der Befragten waren älter als 54 Jahre, 9,2 Prozent zwischen 18 und 24 Jahren. Jede Stichprobe war repräsentativ für die Herkunft nach Bundesländern, für das Familieneinkommen, die religiöse Überzeugung, das Wahlverhalten bei der letzten Bundestagswahl und andere demografische Parameter.

Vorher musste aber der Fragenkatalog erstellt werden. Es begann mit einem großen Brainstorming von Autor, Verlag und Agentur, dann musste die Liste ausgedünnt und ergänzt werden. Und wie es so ist, wenn die Menschen ohne Hemmungen fragen dürfen:

Wir haben drei Doppelseiten mit dem Thema "Sex", hätten aber ohne Weiteres auch sechs damit füllen können. So war es auch bei anderen Themen – ein großer Teil der Fragen konnten wir dann doch nicht stellen, weil ein Buch eben nur begrenzt Platz bietet.

Typisch deutsch – das sind nur die anderen!

Herausgekommen ist eine Mischung, die wir letztlich nur noch alphabetisch sortieren konnten. Natürlich haben wir in Themengebieten gedacht: Kultur, Soziales, Privates, Sport und so weiter. Aber wir haben das Leben der Deutschen nicht streng systematisch abgehandelt. Die Mischung der Themen und Fragen ist stark subjektiv. Aber trotz aller Subjektivität ist ein Buch herausgekommen, das nicht nur unterhält. Es ist eine fast schon soziologische Annäherung an die Deutschen im Jahr 2015.

Kann man die Frage, wie die Deutschen heute ticken, auf eine kurze Formel bringen? Natürlich nicht. Aber es fallen einige Dinge auf. Zwar zählen die Befragten just jene Dinge als "typisch deutsch" auf, die dem Klischee entsprechen: Demnach ist der Deutsche pünktlich, pflichtbewusst und fleißig, aber auch spießig und obrigkeitshörig. Fragt man sie dagegen, welche Eigenschaften sie selber haben, dann sieht das Bild ganz anders aus, viele wollen mit diesen Klischees nichts zu tun haben.

Zwei Frauen in Brautkleidern heiraten und halten ein Baby auf dem Arm.

Die gleichgeschlechtliche Ehe befürwortet die Mehrheit der Deutschen

Die Umfragen zeigen, dass sich die Meinungen zu vielen Fragen in den vergangenen Jahren radikal gewandelt haben: 63 Prozent finden, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften der Ehe zwischen Mann und Frau in jeder Hinsicht gleichgestellt werden sollen – vor zehn Jahren undenkbar.

Die Deutschen geben sich in den Umfragen aufgeklärt, umweltfreundlich und politisch äußerst "korrekt". Andererseits gibt es auch Einstellungen, die sich nur langsam wandeln: Zwei Drittel der über 55-Jährigen behaupten, dass sie, wenn sie einen Deutschen in ihrem Alter treffen, sofort sagen können, ob der aus dem Osten oder aus dem Westen stammt. Bei den 18- bis 24-Jährigen glaubt das nur ein Drittel.

Manche der Ergebnisse stimmen nachdenklich

Und dann gibt es Ergebnisse, die nachdenklich machen: Wenn in den Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen nur 33 Prozent sagen, die gegenwärtige politische Ordnung sei die beste, die wir je hatten – welche vergangene Ordnung haben dann die anderen zwei Drittel im Sinn? Hier liegt das Potenzial, aus dem Pegida schöpft und von dem wir in politischen Umfragen vorher wenig gesehen haben.

Anhänger der Pegida-Bewegung demonstrieren in Dresden.

Gibt es in Ostdeutschland wirklich mehr rechtsradikale Menschen?

Bin ich eigentlich normal? Ist das, was ich denke, fühle und tue, durchschnittlich oder außergewöhnlich? Sind die meisten anderen auch so wie ich, oder gehöre ich zu einer Minderheit, einer exklusiven vielleicht?

Menschen lesen gern Meinungsumfragen, weil sie sich vergleichen wollen, ihre Position in der Gesellschaft bestimmen. Das macht den Unterhaltungswert unseres Buchs aus. Menschen lassen sich aber auch beeinflussen von den Auffassungen anderer, die sie in Umfragen lesen. In diesen Erhebungen kündigen sich gesellschaftliche Umwälzungen oft an, lange bevor sie die Politik erreichen.

Autor: Christoph Drösser

Literaturtipp

Christoph Drösser (Autor), Holger Geißler (Herausgeber): Wie wir Deutschen ticken – Wer wir sind. Wie wir denken. Was wir fühlen. Edel Germany 2015, 19,90 Euro.

Stand: 30.06.2016, 15:00

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