Friedel Drautzburg

Friedel Drautzburg steht hinter der Theke und reicht ein frisch gezapftes Kölsch in die Gästemenge.

Heimat

Friedel Drautzburg

Friedhelm Drautzburg, genannt Friedel, pflegt die Kultur seiner Heimatregion. Er sorgt dafür, dass bestimmte Bräuche nicht in Vergessenheit geraten und gibt seine Heimatkunde gerne an andere weiter. Mit Museen hat Friedel aber gar nichts am Hut.

Aus der Not eine Tugend...

Er ist Gastronom und zum allseits bekannten Promiwirt geworden. Und zwar genau wegen seiner Bemühungen um die Heimat. Wie kann das sein?

Drautzburg hat sich einen Namen als Polit-Wirt gemacht. Geboren wurde er zwar in der Eifel, doch eigentlich ist er durch und durch ein Bonner Urgestein. Über 30 Jahre war er in der alten Hauptstadt in der Gastronomie tätig. Keine zehn Pferde hätten ihn unter normalen Umständen wohl jemals aus Bonn wegziehen können - wenn da nicht der Umzugsbeschluss der Bundesregierung gewesen wäre.

Drautzburg wollte, trotz seiner eigenen Antipathie gegenüber Berlin als Regierungssitz, allen "Exilrheinländern" ein Stückchen vertraute Heimat in der neuen Hauptstadt anbieten. Er siedelte an die Spree über. Seine "Ständige Vertretung" ist inzwischen bundesweit ein Begriff. Das Besondere: Statt Berliner Weiße gibt es hier Kölsch zu trinken, statt Currywurst kriegt man rheinischen Sauerbraten oder "Halven Hahn". Nein, das ist kein halbiertes Geflügel, sondern ein Roggenbrötchen mit mittelaltem Gouda.

Rheinländische Heimatgefühle auf kulinarische Art! Der Name des Lokals stammt übrigens aus Zeiten vor der Wende in Deutschland. Da gab es die "Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR". Die liebevolle Abkürzung des Kneipennamens "StäV" kommt aus dem Ministerialjargon.

Heimisches Wohnzimmer an der Spree

Wie kam Friedel Drautzburg auf die Idee, mit seiner Bonner Kneipe nach Berlin zu ziehen? Im Jahre 1991 wurden die Umzugspläne der Bundesregierung von Bonn nach Berlin bekannt. Das betraf nicht nur die Politiker, sondern auch den Kneipier Drautzburg.

Über Jahre hinweg führte er in der ehemaligen Hauptstadt am Rhein erfolgreich mehrere Lokale, in denen die Bundestagsabgeordneten täglich ein und aus gingen. Drautzburg wurde schnell zum Umzugsgegner und gründete die Bürgerinitiative mit dem Motto "Ja zu Bonn!". Debatten gab es viele, der Wahlausgang ist aber bekannt.

Friedel Drautzburg steht vor seiner "Ständigen Vertretung" am Schiffbauer Damm im Herzen Berlins

Aus Bonn zieht er mit der Kneipe nach Berlin

Was sollte er also angesichts der Tatsache tun, seine Stammkundschaft, bestehend aus Politikern, Künstlern und Journalisten, bald zu verlieren? "Wir werden dich vermissen, Friedel, wieso kommste nicht mit?" äußerte sich so manch ein Gast. Daraus erwuchs ein handfester Plan: Er beschloss kurzerhand, mit seinem besten Lokal und seinem Kollegen Harald Grunert ebenfalls nach Berlin zu ziehen.

Die erste "Ständige Vertretung Rheinland" öffnete 1997 dann mitten im Berliner Zentrum, Höhe Friedrichstrasse. Schnell wurde aus der Kneipe ein "Wohnzimmer für Pendler, die in der Woche frustriert herumhängen und keine Seele kennen", wie es Drautzburg beschreibt.

"Die 'StäV' ist ein guter Ort, an dem die in Berlin gelegentlich noch etwas fremdelnden Rheinländer ihr Heimweh bekämpfen können", bestätigt auch Wolfgang Thierse, seinerzeit Präsident des Deutschen Bundestages. So haben es sich ungezählte Abgeordneten und Minister bei Drautzburg gemütlich gemacht.

Ein paar Jahre später sprach man dann nicht mehr nur von einem "heimischen Wohnzimmer". Inoffiziell wurde das ganze Gebiet rund um die "StäV" in das "Rheinische Viertel" umbenannt. Ein weiteres rheinisches Merkmal sind übrigens im Außenbereich von Drautzburgs Lokal die "Rheinterrassen". Wenn Gäste im Rheinland auf einer solchen Platz nehmen, können sie bei Kaffee oder Kölsch einen herrlichen Ausblick auf den Rhein genießen. In Berlin muss man sich eben mit der Spree zufrieden geben.

Kölner Brauchtum zwischen Zapfhahn und Kneipentisch

Eine Innenansicht der ‚Ständigen Vertretung’, die Wände sind voller Fotos, die Tische sind alle gut besetzt.

In der "Ständigen Vertretung" geht es hoch her

Friedel Drautzburg versteht sich selbst als Botschafter "für die rheinische Mentalität, für das rheinische Lebensgefühl (...), die rheinische Kultur und das, was wir mit Lebensqualität im Rheinland bezeichnen", wie er sagt. Dass seine Botschaft ankommt, beweisen Äußerungen von Politikern wie Dr. Hermann Otto Solms: "Die 'StäV' ist die eigentliche Heimat der Berliner aus dem Rheinland." Man fühlt sich hier sichtlich heimisch.

Und in der Tat versprüht das ganze Ambiente Bonner Charme. Reliquien aus der Vergangenheit am Rhein finden sich überall. Die Wände hängen bis unter die Decke voll mit Kunstwerken und Fotos von Politikern der Bonner Republik. Kölner Karnevalsorden sind neben Schnappschüssen von Konrad Adenauer oder Helmut Kohl zu sehen.

Das Wichtigste dürfte hier wohl aber das rheinische Grundnahrungsmittel sein: Kölsch, stilecht serviert in den 0,2-Liter-"Stangen". Und wer denkt bei einem dampfenden Teller mit "Himmel un Ääd met Flönz" (rheinisches Nationalgericht: Blutwurst mit Kartoffelpüree und Apfel) vor sich nicht an die gute, alte Heimat? Vor allem dann, wenn am Nachbarstisch in typisch kölscher Mundart und Lautstärke debattiert wird!

Ein absolutes Highlight der "StäV" dürfte aber für den echten Rheinländer etwas anderes sein: Heimatgefühle kommen spätestens auf, wenn pünktlich am 11.11. um 11.11 Uhr mit einem Kölsch auf die fünfte Jahreszeit angestoßen wird. Und um das Ganze mit Worten der Kölner Kultband "De Höhner" auszudrücken: "Wo 'StäV' es, es Kölle."

"Ständige" Heimat bundesweit

Friedel Drautzburg mit einem Kranz Kölsch

Kölsches Stelldichein in Berlin

Das Konzept von Friedel Drautzburg ist aufgegangen und wurde 1999 mit dem Herforder Preis, dem "Deutschen Kneipenoscar" ausgezeichnet. Seine Mission der rheinländischen Heimatpflege ist in Berlin so erfolgreich gewesen, dass noch weitere "Ständige Vertretungen" in Deutschland zur rheinischen Gemütlichkeit und Fröhlichkeit einladen.

In Großstädten wie Bremen, Hamburg, Hannover und Leipzig hat sich die "StäV" ebenso etabliert. "Wir verkaufen Lebensqualität und Spaß an der Freud", so Drautzburg, nur Essen und Trinken könne ja schließlich jeder verkaufen. Die Besucher fühlen sich wohl, weil sie sich untereinander kennen. Es ist eine vertraute, private Atmosphäre.

Ulrich Wickert, der ehemalige Anchorman der ARD-Tagesthemen und Buchautor, sagte zum Beispiel: "Bei Friedhelm, meinem ehemaligen Kompagnon, fühle ich mich am Tresen immer so wohl wie zu Hause". Und apropos Tresen, mindestens eine Eigenschaft teilen die Gäste im "StäV" miteinander: Sie sind alle Kölsch-erprobte Trinker. Das verbindet an der Spree.

Berliner-rheinische Verbindungen

Heimisch ist Friedel Drautzburg in Berlin nicht wirklich geworden. Er mag die Stadt, fühlt sich aber nur in Bonn zu Hause. Doch neben der "StäV" gibt es einen anderen guten Grund, an der Spree auszuharren: Wie es der Zufall wollte, verliebte sich der Kneipenwirt eines Tages auf einer Fahrt von Bonn nach Berlin – ausgerechnet in eine junge Brandenburgerin!

Das Ergebnis? Drautzburg ist inzwischen Vater einer Tochter mit dem Namen Sophie Marie, die mittlerweile ganz schön "berlinert" – zum Leidwesen des heimatverbundenen Rheinländers! Aber zum Glück hört er ja genug "kölsche Tön" in seinem Lokal. Und "wenn sich Berlin und das Rheinland bei Kölsch und Karneval näher kommen, dann ist auch das gut so", meinte Klaus Wowereit, Ex-Bürgermeister von Berlin.

Autorin: Ulrike Vosberg

Stand: 30.06.2016, 16:00

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